Für anerkannte und berühmte Regisseure wie Francis Ford Coppola wird ja gern nach Kräften Lobenswertes zusammengetragen, sei es nun formal, erzählerisch, technisch oder biographisch – insofern kann man in dem Labyrinth, das „Twixt“ geworden ist, auch nach Herzenslust herumlaufen und Bezüge zwischen filmischer Realität, Traumebene und dem Selbstverständnis des Regisseurs suchen. Das wird den Film aber leider nicht davor bewahren, von der Mehrheit der Zuschauer, die sich nicht in einer Tiefenanalyse versuchen möchten, als verquast und ziellos abgetan zu werden.
Tatsächlich ist „Twixt“ oberflächlich scheinbar ein Werk, das nicht zuende gedacht wurde oder in dem sich Coppola wieder mal bis ins Unendliche verzettelt hatte.
In den ersten Minuten wirkt alles noch wie ein an sich homogener Mystery-B-Streifen, wenn der versoffene C-Klasse-Schreiber billiger Hexenromane Hall Baltimore (selten so passend besetzt: der aufgeschwemmte Val Kilmer) bei einer Buchpräsentation samt Autogrammstunde in der abgelegenen Kleinstadt Swann Valley vom lokalen Sheriff mittels einer alten Stadtlegende und einer frischen Leiche angefixt wird, gemeinsam ein Buch zu verfassen.
Hall schüttet alles in sich rein, was in Flaschen gefüllt wird, leidet an Schreibblockade, obwohl er die große Chance wittert, wird von seiner Frau unter Druck gesetzt und hat seine Tochter bei einem Unfall verloren – aber die Hintergründe wirken zu verlockend: ein gepfählter Leichnam einer Frau; ein Kirchturm mit sieben Uhren, in dem der Teufel hausen soll; ein Prediger und Serienmörder, der eine ganze Reihe von Kindern umgebracht hat; Vampiropfer, Gothicfreaks und der Geist eines Mädchens stapeln sich alsbald irgendwo in der Twilight Zone zwischen historischen Ereignissen, lokalen Legenden und den Wach- und Schlafträumen, die in Hals benebelten Gehirn mit den Vorgaben tolle Sachen anstellen.
Es geht Coppola aber nicht darum, den Fall, die Möglichkeit, das Drehbuch (was eigentlich für einen Autor eins ist), zu einem schlüssigen Ende zu fokussieren, eine Lösung anzubieten, einen kreativen Durchbruch zu erringen.
Je mehr Zeit vergeht, desto seltener schreitet der Plot überhaupt noch voran, dafür überlappen sich die Traumebenen immer wuchtiger, vermischen sich Ereignisse, Fantasie, Wunschdenken und die damit zusammen hängenden Zeitebenen. Coppola scheint frei zu fabulieren, baut Edgar Allan Poe als eine Art spirituellen Traumführer ein, der Bezüge zwischen dem Tod der Tochter und dem Tod von Poes Kusine (und Ehefrau) herstellt und den Autor zwischen den Handlungsorten in die Irre führt. Dazu kommt auch noch die Verkörperung des Verbrechens, des Todes, der literarischen Unsterblichkeit, die in Gestalt der geisterhaften oder vampirischen (oder beides) V, einem kleinen Mädchen, die Motive und Absichten verschleiert oder neu anordnet. Gewürzt mit einigen literarischen Verweisen auf Poe, kommt man als Zuschauer dem offensichtlichen Plot so nie auch nur einen Schritt näher, weil es darum letztendlich nicht geht. Stattdessen steigert sich der Frustrationslevel, weil der Film in sich zurückläuft und die Figuren keine Entwicklung durchzumachen scheinen, bis es am Ende auf nebulöse Weise doch noch zu einer Befreiung Halls kommt, die aber nicht weniger rätselhaft ausfällt.
Immerhin präsentiert der Film einen (gemeinhin eher unbefriedigenden) Täter in der Gegenwart, läßt aber sonst vieles ungeklärt, was sonst noch im Bild erscheint und sich meistens aus den Mutationen der Erzählungen in Baltimores Hirn zusammensetzt. Das Problem: irgendwann interessiert einen das alles nicht mehr.
Die ersten 30 Minuten sind eben noch narrativ traditionell gestaltet, dann rutscht der Film und das Buch mit ihm in sein Traumamalgam, aus dem man hier und da mal wieder erwacht, ohne, daß es zu einem Fortschritt kommt – praktisch eine visualisierte Schreibblockade für Fortgeschrittene und Belesene.
Das macht „Twixt“ zu einer sehr persönlichen Arbeit für Coppola, aber dann doch eine, die eher biographisch rückblickend analysiert werden wird, die aber zu Erfahrungs- und Unterhaltungszwecken im Jetzt eher wenig taugt.
Auch technisch bleibt der Film überraschend uneinheitlich: was der Kamera an Bewegung abgeht, macht sie durch das Lichtspiel und ungewöhnliche Winkel wett, unentschlossen schwankt man zwischen 2D und 3D (wobei man auf Letzteres komplett verzichten) kann, präsentiert griffige Effekte und seltsam humorige Einfälle in der Gegenwart, während die Traumfiguren alles tun, um Hall und den Zuschauer mit ihrem übergreifenden Einfluß zu irritieren.
Wozu also soll man „Twixt“ sehen? Weil man Coppola kennt, Poe-Liebhaber ist oder einfach gern wie wild in rätselhaften Traumplots rumtappst und Zusammenhänge analysiert und konstruiert.
Mache ich übrigens auch gern, aber anders als bei Lynch hat man bei Coppola nie das Gefühl, als hätte er alle Fäden in der Hand und das spürt man am sprunghaften Stil und am abgehackten Ende. Schade für Kilmer (der so wulstig geworden ist, daß er bei Nahaufnahmen dem späten Marlon Brando gleicht), der seit Jahren nicht mehr eine so gute Rolle hat und so motiviert war. Seine Exfrau Joanne Whalley findet sich hier übrigens zum vierten Mal mit ihm in einem Film zusammen.
Letztendlich wirkt „Twixt“ zunehmend ermüdend, selbst wenn man bei steigender Frustration begriffen hat, daß das mehr oder minder zu einer seelischen Befreiung eines gequälten Menschen führt und nicht in einen echten Grusel-Mystery-Film. Aber selbst unter Berücksichtigung bester Absichten, strapazierte Coppola hier am Ende mehr die Nerven, als daß er sie zu etwas anreizt. Ein Kuriosum, ein seltsam buntes Fragment, ein Film in der Tradition des kreativen Scheiterns Orson Welles‘: reizvoll, aber ewig unvollendet. (3,5/10)