Review

In einer der ersten Szenen des Films wird der klassische Luc Besson sichtbar, als Milizen in das Gebäude eindringen, in dem mehrere Würdenträger über die Zukunft ihres Landes tagen, darunter der Vater der zu diesem Zeitpunkt etwa 4jährigen Aung San Suu Kyi (Michelle Yeoah), der maßgeblich an der Befreiung Birmas beteiligt war. Ohne Gnade werden sie hingerichtet, bis die Kamera das Blutbad von oben einfängt. Mehrfach noch verwendet Besson solche aus seinen Action-Filmen bekannten Szenen, um die Brutalität des Militärregimes zu verdeutlichen und die an Wahnsinn grenzende Paranoidität ihres Oberbefehlshabers Colonel Than Tun (Danny Toeng).

Dem gegenüber steht die heute 66jährige Aung San Suu Kyi, Nobelpreisträgerin und Oppositionsführerin ihres Landes, der es mit unendlicher Ausdauer gelungen ist, langsam die eiserne Diktatur ihres Landes auszuhöhlen, ohne das sie schon am Ziel angelangt wäre. Ihr - allgemein nur „The Lady“ genannt - hat Besson sein Dokudrama gewidmet, in der er vor allem die Phase Ende der 80er Jahre bis Anfang dieses Jahrtausends betrachtet, eine Phase, in der sie die meiste Zeit unter Hausarrest stand. Angesichts dieser wenig dynamischen Vorkommnisse um die Hauptfigur, deren Stärken in ihrem Durchhaltevermögen und darin, keine falschen Kompromisse einzugehen, liegen, wirken die wenigen Momente, die die direkte Konfrontation zwischen Aung San Suu Kyi und dem Militär zeigen, in ihrem Spannungsgehalt herausgehoben.

Luc Besson muss dieses Manko bewusst gewesen sein, weshalb er versuchte, die Erzählstruktur anzuziehen, indem er besonders die private Seite seiner Protagonistin betonte, ihr Verhältnis zu ihrem englischen Ehemann Michael (David Thewlis) und ihren beiden noch minderjährigen Söhnen, mit denen sie noch bis Ende der 80er Jahre in London zusammen lebte. Ihr Familienleben wird durch ihr Engagement in ihrem Heimatland auf eine harte Probe gestellt, da sie wegen ihres Hausarrestes weder Besuch empfangen darf, noch nach einer Ausreise zurückkehren dürfte. Um diese dramatische Komponente noch zu betonen, beginnt Besson seinen Film im Jahr 2004, als ihr Ehemann erfährt, dass er unheilbar an Krebs erkrankt ist. Nun steht sie vor der Wahl, entweder noch einmal den geliebten Mann wiederzusehen, oder weiter standhaft um die Demokratisierung ihres Landes zu kämpfen.

Bessons Intention liegt auf der Hand – nicht nur will er die Geschehnisse in Birma lebendig erhalten, was ihm durch heimliche Filmaufnahmen vor Ort, exakte Nachbauten und einer großartigen Darstellerin, die speziell die birmesische Landessprache trainierte, mit hoher Authentizität gelingt, sondern auch die besondere Leistung Aung San Suu Kyi’s betonen und ihren Kampf für Menschenrechte und Demokratie. Dieses Ansinnen ist aller Ehren wert, aber als Dokudrama ist sein Film gescheitert, einfach weil „The Lady“ niemals spannend oder überraschend ist, nichts zu berichten weiß, was nicht schon allgemein bekannt ist, und dafür schlicht zu lang wurde.

Der Gedanke, ihr Privatleben hervorzuheben, und damit auch menschlich begreifbar werden zu lassen, welchen persönlichen Verlust sie in Kauf nahm, verkommt dadurch, dass Besson in dieser Konstellation nichts riskiert, wie es häufig bei Filmen über Menschen geschieht, die entweder noch leben oder in ihrem Ansehen sakrosankt sind. Eine echte Auseinandersetzung zwischen der Protagonistin und ihrer Familie findet nie statt, kein Streit oder auch nur der Ausdruck von Unzufriedenheit stört das allgemeine Bild, das nur von Menschen bevölkert wird, die auf Grund der Größe der Aufgabe (eine Größe, die ja dem Einzelnen zu Beginn noch gar nicht bewusst gewesen sein konnte ) harmonisch ihre jeweilige Rolle annehmen.

Naheliegende, ja folgerichtige Gefühle wie Eifersucht, Neid, Wut, Einsamkeit oder Selbstzweifel haben in „The Lady“ keinen Raum. Stattdessen wiederholt der Film ständig die gleichen Szenen, wenn Aung San Suu Kyi von der englischen Botschaft aus mit ihrem Mann telefoniert und die Leitung unterbrochen wird, bevor sie Abschied nehmen können, oder wenn sie ihre Familie in die Arme nimmt, wenn diese ausnahmsweise doch zu ihr reisen durfte. Diese fast immer mit dem gleichen gefassten, gleichzeitig liebevollen Gesichtsausdruck gedrehten Szenen, die zu Beginn noch eindrucksvoll sind, verlieren zunehmend jede Wirkung, so das selbst der angestrebte Höhepunkt der Nobelpreisverleihung kaum noch berühren kann.

Bessons Dokudrama verliert dadurch seine Legitimation, denn trotz der äußerlich realen Anmutung, entsteht so das Bild einer künstlichen Idealisierung, die eine Frau wie Aung San Suu Kyi und ihr Leben gar nicht nötig gehabt hätte. (4/10)

Details
Ähnliche Filme