Die größte Referenz des Films vor der Sichtung ist gleich vorab verraten sein Regisseur. Wem sagt der Name Eduardo Sanchez noch was? Ja, genau der! Der Regisseur des Genreklassikers BLAIR WITCH PROJECT! Nie hat er sich danach mit einem wirklich signifikanten Nachfolger zurückgemeldet. Mit LOVELY MOLLY bewegt er sich auf mehr auf klassischen Filmpfaden, obwohl dieser auch am Anfang eine wirklich packende Videoaufnahme im bekannten Stil enthält. Wackelnden Handkameraeinsatz gibt es auch öfters im Laufe des Films. Zusammenfassend ist LOVELY MOLLY für Genrefans auf jeden Fall einen Blick wert. Für mich war er sogar eine kleine Offenbarung!
Er liefert in seinem grundernsten Ton ein paar derbe Schocks, wirklich unerwartetes und durchweg gute Darsteller die weit weg von den allseits beliebten lustigen Trashvögeln in anderen low-budget Filmen agieren. Die Geschichte des jungen Paars Tim und Molly die in ihr Elternhaus ziehen und ungewöhnliche Dinge beobachten ist sehr einfach gehalten, aber effektiv werden alternative Pfade der Hintergründe der Geschehnisse vor dem Zuschauer ausgebreitet und er wird erfolgreich im Unklaren gehalten. Ist es ihr toter Vater, eine böse Macht oder einfach nur ihre Drogensucht die ihr diese Dinge vorgaukeln?
Das wird hier natürlich auch nicht nur im Geringsten versucht anzudeuten, aber ich kann Horrorfans von einem zumindest sehr atmosphärischen Filmereignis berichten, welches auch handwerklich kaum Schwächen zeigt. Viel Blut braucht es auch nicht um dieses berühmte und gewisse Gefühl der Verstörung zu hinterlassen welches hier wirklich entsteht. Getragen wird dieser gute Gesamteindruck von einer beachtenswerten und ungemein frischen und unverbrauchten Performance der jungen Hauptdarstellerin Gretchen Lodge mit vollem Körpereinsatz, deren psychotischen Verfall man mehr als direkt fühlt und die trotzdem jederzeit unglaublich attraktiv wirkt.
Sie scheint sich von Szene zu Szene zu steigern und kann mit Blicken die Leinwand teilen wie ein alter Hase im Geschäft. Als herausragend möchte ich noch die Vertonung erwähnen. Der elektronisch geprägte Soundtrack hält sich meist dezent wabernd und abwechslungsreich im Hintergrund um in den entsprechenden Szenen richtig fies in fast industrialartiger Form nach vorne zu marschieren und sich mit diversen anderen atmosphärischen Sounds und Geräuschen zu verbinden. Dadurch entstehen sehr intensive Momente und fast bohrende Gehirnwürmer die ihre Bestimmung nicht verfehlen. Für mich einer der besten Soundtracks der letzten Zeit.
Perfekt ist LOVELY MOLLY nicht und hier und da könnte die Dramaturgie noch etwas straffer sein, aber wirkliche Schwächen vermag ich nicht zu attestieren. Sicherlich kein Film für jedermann, aber für mich eine faustdicke Überraschung eines low-budget Films der hoffentlich auch noch für mehr erfahrene und flexible Horrorfans zu einer ebensolchen wird. Er macht unglaublich viel aus seinen durchaus beschränkten Mitteln. Gewalt physischer Art steht nicht primär im Vordergrund, aber einige wenige blutige Szenen hinterlassen ihre Wirkung durchaus.
Wie erwartet, wird auch das Ende die Gemeinde spalten und ein Schelm ist, wer eine einfache Auflösung ersehnte. Er wird wohl kein Klassiker werden, aber er ist verdammt scary an vielen Stellen wenn man sich in das etwas ungewöhnliche Szenario fallen lassen kann. Er lebt von der preiswürdigen Hauptdarstellerin die geradezu perfekt in der schwierigen Rolle aufgeht. LOVELY MOLLY geht im wahrsten Sinne unter die Haut und regt die Sinne in jeder Hinsicht an. Ein Film, denn man nicht so schnell wieder vergisst und der auch danach noch kräftig im Kopf wächst…
7,5/10 Punkten