"Wieso halten wir an einer Zivilisationsform fest, wenn keiner daran interessiert ist sich zivilisiert zu verhalten?"
Frank (Joel Murray) ist geschieden und seine Tochter will nichts von ihm wissen. Regelmäßig leidet er unter Migräne und das niveaulose Fernsehprogramm widert ihn an. Aufgrund angeblicher sexueller Belästigung verliert er seinen Job. Und als sein Arzt ihm einen Hirntumor diagnostiziert, ist für Frank das Wert des Lebens endgültig verloren. Anstatt aber Selbstmord zu begehen, ermordet er eine verwöhnte Teenagerin aus dem Fernsehen. Die sechzehnjährige Schülerin Roxy (Tara Lynne Barr) beobachtet den Mord und ist völligst fasziniert. Sie überredet Frank dazu gemeinsam mit ihr gegen alle intoleranten, unhöflichen und gehässigen Personen vorzugehen.
"God Bless America" ist ein filmischer Amoklauf, der die moderne Popkultur zynisch und bitterböse aufs Korn nimmt. So werden im Verlauf des Films immer wieder Grenzen überschritten und jeder der auch nur ansatzweise reaktionäres oder konservatives Gedankengut in sich trägt wird sich vermutlich, auch zurecht, massiv angegriffen fühlen. Jeder Fan von stumpfen Fernsehprogrammen, Reality-TV, homophobe Arschlöcher, Rassisten, religiöse Eiferer, jeder bekommt hier sein Fett weg.
Direkt zu Beginn wird klar: Die Dialoge sind klasse geschrieben und die Gewaltdarstellung geht keine Kompromisse ein. Sehr kontrovers und spitz überzeichnet präsentiert "God Bless America" seinen Kreuzzug gegen rechtspopulistische Talkshow Moderatoren, einfältige Demonstranten oder einfach nur Leute, die im Kino telefonieren und sich über Sitzreihen hinweg lautstark unterhalten. Die Protagonisten sind dabei keine verbalen Diplomaten, sondern schießen die dauerquasselnden, handytelefonierenden Kulturbanausen schlicht über den Haufen. Beängstigend! Dank der satirischen, schon beinahe parodischen, Töne aber dennoch leicht konsumierbar, für ein gefestigtes Publikum.
Die Gewaltakte zelebriert der Film, indem diese zweifelsfrei sein zentraler Schauwert sind. "God Bless America" ist dabei die meiste Zeit in so kräftigen, warmen Farben gehalten, dass er der problematischen Thematik zum Trotz durchgängig unterhaltsam ist. Die Morde sind nicht unnötig brutal inszeniert, sondern in ihrer Darstellung auf Sekundenbruchteile reduziert und ereignen sich meist Offscreen oder am Bildrand.
Erstaunlich ist die Herangehensweise der Kritik an die Medien. "God Bless America" stellt nicht nur die Verantwortlichen und Produzenten niveauloser Talk- und Castingshows an den Pranger, sondern auch und insbesondere die Menschen, die eben jene Dauerberieselung freiwillig und mit großer Leidenschaft konsumieren. Ein wagemutiger aber auch aufweckender Schritt.
Das Erzähltempo ist durchgängig hoch. Erst gegen Ende scheint die Luft und auch der Ideenreichtung etwas dünner zu werden. Genau zu dem Zeitpunkt werden auch die durchgängigen Logiklöcher und der Hang zum Trash offenbar.
"God Bless America" hätten außerdem genauer gezeichnete Charaktere gut getan. Die Protagonisten sind zwar verständlich, Hintergrundinformation zu ihnen sind aber nur rar gesät.
Die unverbrauchten Gesichter von Joel Murray und Tara Lynne Barr tun dem Film sehr gut. Zwischen beiden besteht eine faszinierende Chemie und beide schaffen es, ihre comicartigen Charaktere wunderbar in die Gesellschafts- und Mediensatire einzufügen. Murray's tiefgründige Performance liegt dabei vor der von der sichtbar bemühten Lynne Barr.
Trotz der überzogenen Darstellung ist "God Bless America" nicht allzu wirklichkeitsfern. All die angesprochenen Formate des TV kennen wir in sehr ähnlicher Form auch hierzulande. Ob man dem Film nun eine kritische Haltung zusprechen, ihn einfach als bissige Satire genießen oder sich an der dargestellten Selbstjustiz stoßen will, eines dürfte bei allen drei Haltungen erschrecken: Man kann nicht umhin, sich bei Frank's und Roxy's Gewalttaten gegen all die hetzerischen, niveaulosen und intoleranten Personenkreise zumindest ein bisschen aus der Seele gesprochen zu fühlen.
9 / 10