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„Hier sind aber viele Menschen!“ – „Ja, ich wünschte ich hätte eine AK 47!“

Bobcat Goldthwait („Clowns - Ihr Lachen bringt den Tod“) dürfte den meisten als Zed aus der „Police Academy“-Reihe bekannt sein. Weniger populär ist, dass er seit Anfang der 1990er auch immer mal wieder als Regisseur in Erscheinung tritt – so auch 2011, als er die Gesellschaftssatire „God Bless America“ mit Bill Murrays Bruder Joel in der Hauptrolle drehte. Das Drehbuch verfasste Goldthwait selbst.

„Ich will nur Leute umbringen, die es auch verdient haben.“

Franks (Joel Murray, „Hatchet“) Leben ist zum Kotzen: Er leidet unter seinen dämlichen, lauten und rücksichtslosen Nachbarn mit ihrem quengelnden Baby, seiner Ex-Frau und ihrem neuen Stecher, sogar unter seiner Tochter, die ihr Besuchsrecht nicht mehr wahrnehmen möchte. Genau genommen hasst er die ganze Gesellschaft, ihren Egoismus, ihre Oberflächlichkeit und ihre Dummheit sowie ihre Konsumfixiertheit. Er hasst auch das verblödende Fernsehprogramm und die Menschen, die es sich ansehen und sich darüber unterhalten. Dann verliert er auch noch seinen Bürojob, weil er der Empfangsdame Blumen geschickt hat und zu allem Überfluss attestiert sein Arzt ihm einen inoperablen Hirntumor, weshalb er nicht mehr lange zu leben habe. Seine Selbstmordpläne wirft Frank jedoch im letzten Moment über den Haufen, als er eine unsägliche Doku-Soap im TV sieht, in der ein arrogantes, verwöhntes Gör seine Eltern terrorisiert. Er knöpft sich jene Teenagerin (Maddie Hasson) aus der Doku-Soap vor und erschießt sie kurzerhand. Die sechszehnjährige Roxy (Tara Lynne Barr in ihrer ersten großen Rolle) wird Zeugin der Tat – und ist begeistert! Sie weicht Frank nicht mehr von der Seite und überredet ihn schließlich, einen gemeinsamen Feldzug gegen all jene, die es nicht mehr verdient haben, weiterzuleben, zu starten. Gemeinsam ziehen sie durch die USA, gehen gezielt auf Menschenjagd und hinterlassen eine blutige Spur...

„Fallout Boy und Green Day sind der größte Scheiß! Der totale Abtörner!“

Goldthwaits Road Movie mutet wie eine Mischung aus „Léon – Der Profi“ und „Natural Born Killers“ für eine neue Generation an, die es ebenfalls auf eine skandalträchtige Handlung und entsprechende Bilder anlegt. Schon zu Beginn visualisiert Goldthwait eine Phantasie Franks, in der er die Nachbarsfamilie inkl. des Säuglings erschießt und lässt dabei kräftig das Blut spritzen. Nach seinem fulminanten, Franks bisheriges Leben behandelnden Einstieg entwickelt „God Bless America“ verstärkt Franks und Roxys Beziehung zueinander, die nach anfänglicher Ablehnung Franks in gemeinsamen Schießübungen kulminiert, während derer er sich als Meisterschütze entpuppt. Im Anschluss ist Goldthwaits Film indes keine reine Ballerorgie: Der ganze Film ist durchsetzt mit starken Dialogen, beispielsweise einer medienkritischen Konversation in Franks Büro, die mehr einem Monolog gleicht oder auch Roxys flammender Lobrede auf Alice Cooper, der es dann auch mit mehreren Songs in den Soundtrack schaffte. Dieser bedient sich generell des (Hard-)Rock-Fundus und verfügt über eine kongeniale, wütende Live-Version des Kinks-Hits „I’m Not Like Everybody Else“. Und neben der karikierend überzogenen Gewalt fand auch subtilerer Humor mit einigen schwer gelungenen Gags Einzug in den Film.

Ist man anfänglich noch geneigt, Genugtuung bei der Opferwahl zu empfinden, ändert sich dieses Gefühl, je wahlloser die Morde ausfallen. Stärker als eine überraschende, eindeutig als solche erkennbare Wendung fällt für die weitere Handlung ihre scheinbare Widersprüchlichkeit ins Gewicht: Frank und Roxy werden nun ihrerseits zunehmend egoistischer, oberflächlicher und – gemessen an ihrem ursprünglichen Vorhaben – ungerechter, richten über Menschen, die sie überhaupt nicht kennen und missbrauchen ihre neugewonnene „Macht“. Sie werden schnell selbst wie die Menschen, die sie eigentlich hassen. Und auf eine ganze Reihe Ideen kam Frank offenbar gar nicht erst: Könnte er nicht umziehen, wenn ihn seine Nachbarn so nerven? Wenn er seinen Job und seine Kollegen verachtet, könnte er sich nicht etwas anderes suchen? Sicherlich, das alles ist leichter gesagt als getan, eines aber nicht: Kann man dem US-TV, das der Film ganz besonders aufs Korn nimmt und als Hauptschuldigen ausmacht, nicht ganz einfach entkommen, indem man es abschaltet und sich anderes zum Zeitvertreib sucht, beispielsweise ansprechende Lektüre, selbst ausgewählte anspruchsvolle Spielfilme o.ä.? Davon, seinen Arsch hochzubekommen und sich ein anderes Umfeld oder eine sinnvolle Beschäftigung zu suchen, ganz zu schweigen.

All dies kommt nie zu Wort, weshalb „God Bless America“ auf Kritiker schnell gewaltglorifizierend wirken kann. Ich hingegen kann mir gut vorstellen, dass Goldthwait seinen Film bewusst auf diese Widersprüche hinauslaufen lässt, um sein Publikum zum Nachdenken anzuregen. Diesbzgl. hätte ich mir durchaus deutlichere Worte oder Hinweise gewünscht, denn eben jene Botschaft, was der Einzelne selbst tun und inwieweit er sich aus dem alltäglichen Wahnsinn ausklinken kann, erscheint mir bedeutsam genug, um sie stärker zu betonen. Möglicherweise unterschätze ich an dieser Stelle aber auch Goldthwaits Publikum. Kongenial jedenfalls ist zweifelsohne der finale Twist, als das Duo erkennen muss, dass die Ausgebeuteten einer Talentshow, die es darauf anlegt, ihre Teilnehmer vorzuführen, sich gar nicht als solche empfinden und lieber weiterhin ebenso fröhlich wie willfährig mitmachen – womit „God Bless America“ problemlos auch auf das bekanntlich auch hierzulande verbreitete Phänomen der Casting-Shows übertragen werden kann sowie darüber hinaus auf weitere gesellschaftliche Abhängigkeitsverhältnisse.

Dass kultureller Verfall Menschen verroht, tritt als allgemeine Aussage am deutlichsten hervor aus dieser frechen Abrechnung mit der US-amerikanischen TV-Landschaft, ihren Konsumenten und den gesellschaftlichen Resultaten, die das längst nicht mehr neue, Moralisten jedoch noch immer sauer aufstoßende Motiv des bewaffneten Gegenterrors aufgreift, das sich nach „Natural Born Killers“, „Falling Down“ und Konsorten indes langsam ebenso abzunutzen droht wie die nicht minder skandalträchtige, hier jedoch im Gegensatz zu Pädophilenkino der Sorte „Léon – Der Profi“ weitestgehend entsexualisierte Beziehung eines älteren Mannes zu einem minderjährigen Mädchen. Roxys Charakter wurde dann selbst für einen betont karikierend überzeichneten Film wie diesen etwas zu sehr am Reißbrett entwickelt, viel zu neunmalklug und naseweis und zu wenig wie eben eine Sechszehnjährige wirkt sie an Franks Seite. Diesen wiederum versteht Murrays zeitweise durchaus mit leiseren Zwischentönen und einer größeren Bandbreite charakterlicher Eigenschaften zu interpretieren.

Auf eine jüngere Generation könnte „God Bless America“ zumindest eine ähnlich aufrüttelnde oder schlicht faszinierende Wirkung wie auf unsereins seinerzeit „Natural Born Killers“ haben, gänzlich vorbehaltlos stehe ich ihm nach meiner Erstsichtung jedoch nicht gegenüber. Vielleicht haben ähnliche Themen behandelnde oder sich ähnlicher Stilmittel bedienende Filme angefangen bei „Network“ bis hin zu oben genannten schlicht stärkeren Eindruck auf mich hinterlassen. 7,5 von 10 Schießereien im Casting-Studio sind mir Goldthwaits Salve gegen letztlich wesentlich verantwortungslosere Medienschaffende, als er es mit seinem vordergründig betrachtet waffenfixierten Terrorfanal ist, jedoch in jedem Falle wert.

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