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Der kompromisslose Schocker "Inside" entzückte anno 2007 die nach frischem Wind lechzende Horrorgemeinde und prägte neben "High Tension" maßgeblich den internationalen Erfolg des modernen französischen Horrorfilms. Immer deutlicher scheint sich jedoch herauszukristallisieren, dass dieses erfrischende filmische Hoch nur von temporärer Dauer gewesen ist und auch bei unseren Nachbarn zunehmend wieder lauwarmes Genremittelmaß regiert. "Livid" ist leider nur ein weiteres Indiz für das Zutreffen dieser These.
Die Erwartungshaltung an das "Inside"-Regiegespann Alexandre Bustillo und Julien Maury war zweifellos enorm. Würden sie nach ihrem gefeierten Erstling noch einen "draufsetzen" können? Der stimmungsvolle Trailer nährte massiv diese Hoffnung und machte "Livid" quasi zu so etwas wie dem Geheimtipp des Fantasyfilmfest 2012.

"Livid" verfügt ohne Frage über zahlreiche Stärken. So weiß die Grundprämisse der ungehetzt vorgetragenen Geschichte umgehend zu packen: Ein verschlafenes Küstenstädtchen irgendwo in der französischen Provinz, eine scheinbar halbkomatöse Greisin in ihrem abgelegenen, verwitterten Herrenhaus und ein neugieriges Trio Jugendlicher auf nächtlicher Schatzsuche. Eigentlich die ideale Grundlage für einen nervenzerfetzenden Horrortrip kreuz und quer durch das schaurige Anwesen - ganz nach bewährter "Inside"-Manier .
Grundsätzlich funktioniert der Spannungsaufbau dann etwa bis zur Filmmitte und damit den ersten Erkundungen im Horrorhaus auch grundsolide. Besonders die intensive, bisweilen geradezu drückende Atmosphäre, die das sich ankündigende Grauen in vielen stimmigen Details (schräges Kinderspielzeug und dergleichen Bewährtes mehr) fast schon greifbar macht, ist hier positiv hervorzuheben.

Keinerlei Kritik lässt sich wie erwartet auch an der technischen Umsetzung üben. Alexandre Bustillo und Julien Maury verstehen es auch mit ihrem Zweitwerk, für ungemein stimmungsvolle Bildkompositionen, atmosphärische Sets und eine tolle, spannungstreibende Soundkulisse zu sorgen. Insbesondere letztgenannte befeuert wie schon damals in "Inside" maßgeblich die Herzfrequenz. Gorehounds bekommen selbstverständlich auch 2012 eine solide Portion Kunstblut serviert - allerdings distanziert sich "Livid" in dieser Beziehung doch merklich vom verstörenden (und hierzulande beschlagnahmten) Gemetzel eines "Inside". Die FSK-Plakette für "Livid" ist die logische Konsequenz, die gebotenen (wenigen) Kills gestalten sich dementsprechend weit weniger sadistisch, stattdessen eher konventionell oder im eher trendigen "Finish Him!"-Stil.
Mich persönlich überzeugten auch die Darstellerleistungen. Besonders Loïc Berthezene weiß als junge Altenpflegerin im Praktikum schnell die Sympathien des Zuschauers für sich zu gewinnen und führt sehr souverän durch die Handlung.

Woran hapert es dann schließlich? Im Grunde lässt sich diese Frage mit einem Wort beantworten: Dem Drehbuch! Gegen jede Erwartung, den bisherigen Storyaufbau und gegen das eigentlich auf der Hand liegende minimalistische Erfolgskonzept aus "Inside"-Tagen versucht "Livid" plötzlich in der 2. Filmhälfte krampfhaft, möglichst viele Facetten des fantastischen Films auf engstem Raume zu vereinen - und verliert dabei bisweilen völlig den roten Faden. Dahin ist binnen Minuten der Spannungsaufbau, zumindest schwer erschüttert ist bis hierhin intensive Gruselatmosphäre, zunehmend verwirrt und ratlos verbleibt der Zuschauer. Da prasseln weitgehend zusammenhangslos klassische Märchen-Elemente, kitschige Vampirfilm-Versatzstücke, "Suspiria"-Anleihen und surreal angehauchte Fanatasy-Bilderwelten auf den geneigten Fan ein, der doch eigentlich nur schnörkellosen Horror der alten Schule sehen wollte. Erklärungen für das auf einmal extrem sprunghafte, konfuse Geschehen werden zudem kaum geliefert, beinahe so als wäre der Film in der aufgeführten Fassung entweder noch unfertig oder der 2. Teil des Skripts kurz vor den Dreharbeiten verloren gegangen. Einfach nur - wie auch die völlig missratenen letzten Filmmomente - unverständlich...

Fazit: Klassisches Eigentor! Es ist kaum zu glauben, wie hier leichtfertigst Potenzial verschenkt worden ist. "Livid" hätte ganz großes Horrorkino werden können, hätten die Macher doch die simple Prämisse "Weniger ist mehr" befolgt und nicht auf Biegen und Brechen versucht, es möglichst vielen Geschmacksnuancen binnen kürzester Zeit recht zu machen. Gerade aufgrund der technischen Stärken und einer stimmigen ersten Hälfte sicherlich kein Totalausfall, aber letztlich spricht der ebenfalls auf Massenkompatibilität eingedampfte Gewaltlevel kurioserweise Bände über das bisweilen orientierungslose, sich anbiedernde Grundkonzept des neuesten "Franzosen".

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