Auf die zweite Arbeit der beiden Regisseure Alexandre Bustillo und Julien Maury wurde lange gewartet, schließlich haben sie mit dem brutalen und blutrünstigen "Inside" im Jahr 2007 ein Ausrufezeichen gesetzt und es auf die "ewige Einkaufsliste" geschafft. In Insiderkreisen dürfte diese Liste auch als Beschlagnahmeliste bekannt sein.
Wer jetzt hier einen weiteren Splatter-Horror erwartet, der das Blut nur so aus dem Schnitzel klopft, dürfte enttäuscht werden und nicht nur das - denn "Livid" ist mit Sicherheit kein Beitrag für Mainstreamer geworden. Den Film kann man nicht einfach so nebenher schauen, sondern muss ihn sich erarbeiten, da er etliche Genre-Komponenten in den Ring wirft, die bei vielen Langeweile, Verwirrung und Verärgerung hinterlassen werden.
Dabei kann man "Livid" wirklich schön in drei Kapitel unterteilen.
Im ersten, nennen wir es einfach Einführung, tritt Lucy (Chloé Coulloud) den Dienst zur ambulanten Altenpflege an und wird von der erfahrenen Wilson (Catherine Jacob) begleitet. Die beiden treffen auf ihrer Fahrt auch auf eine steinreiche Ballettlehrerin, die schon sehr lange Zeit komatös in ihrem Anwesen am Leben gehalten wird - weil sie es sich leisten kann. Während die alte Frau mit künstlicher Beatmung im Bett vor sich hinschimmelt erzählt Wilson, dass die alte Dame scheinbar auch wertvolle Schätze in ihrem Anwesen versteckt hält. Dies ruft nun Lucy und ihre beiden Freunde William (Félix Moati) und Ben (Jérémy Kapone) auf den Plan, nachts in das Anwesen einzubrechen und nach diesem Reichtum zu suchen...
Die ersten dreißig Minuten reißen keinen vom Hocker, es ist eher so eine Art Doku über das Leben älterer Menschen, die auf fremde Hilfe angewiesen sind. Mir hat es gefallen, immerhin weckte der Film depressive Zukunftsvisionen an mein Leben in der Rente und außerdem erahnt man schon leicht, dass auf diesem Anwesen etwas ganz gewaltig stinkt. Nur was?
Als sich die drei jungen Leute dann auf das Anwesen begeben, ist mitunter der stärkste Teil dieses Films. Denn wie aus dem Nichts entsteht eine ganz dichte Atmosphäre mit Gänsehautgarantie in Haunted House-Manier.
Die beiden Regisseure lassen sich lange Zeit, was da vor sich geht und nachdem sie die Katze aus dem Sack lassen, dürfte sich spätestens ab diesem Zeitpunkt das Publikum spalten. Denn nun wird die Geschichte verzerrt, etliche Komponenten aus Fantasy, Splatter und Übernatürlichem, die sich scheinbar willkürlich fast im Minutentakt wechseln, machen eine gewaltige, explosive Mischung aus, die den Zuschauer fordert, verwirrt und wenn man sich drauf einlässt, auch fasziniert.
Kill List - Teil 2 ???
Nein, ganz so extrem fällt das dann doch nicht aus. Natürlich muss man die Puzzle-Steine sorgfältig zusammenfügen, am Ball bleiben und man bekommt schließlich eine Auflösung serviert, bei der man auch noch genug Freiraum für eigene Interpretationen hat. Mit einer Zweitsichtung insklusive. Denn ganz ehrlich, nach einer einmaligen Sichtung hab ich auch mit einem fetten Fragezeichen auf der Couch gelegen und die Katze an den Eiern massiert. Doch nach dem zweiten Durchlauf wird das Gezeigte schlüssiger und auch die Review zu schreiben fällt mir deutlich leichter.
"Livid" ist mit Sicherheit eine gute, schwer verdaubare Kost geworden, anspruchsvoll, blutig und brutal, aber definitiv nichts für Leute, die Filme einfach so nebenher konsumieren wollen. Dafür dürfte die Einleitung zu lau sein, der dichte Mittelteil zwar punkten aber das Schlussdrittel neben Verärgerung auch große Verwirrung hervorrufen. Wer sich draufeinlassen kann, wird zwei schöne Abende mit diesem Film verbringen.
Und trotzdem langt es in meinen Augen nicht für die ganz hohen Bewertungen, ich kann es nur schwer beschreiben, aber so richtig beschäftigt hat mich der Film dann doch nicht mehr als diese beiden Tage.
7/10