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Die kuriosesten Geschichten schreibt scheinbar doch das wahre Leben - im Jahr 1997 machte eine makabere Meldung die Runde: Angeblich hat sich eine Herde entführter Kühe auf der Flucht per Flugzeug nicht gerade zimperlich benommen. Um einen Absturz zu verhindern, musste die Besatzung die außer Kontrolle geratene Meute von Milchspendern daher unsanft von Bord gehen lassen. Eines der gen Boden rasenden Rinder soll dabei dummerweise direkt auf einem unschuldigen Fischerboot gelandet sein, welches dieser kolossalen Kraft nicht allzu viel entgegenzusetzen hatte. Heute weiß man: Alles Mumpitz. Aber sei’s drum: Die frech-fröhliche Falschmeldung liefert in leicht abgewandelter Form die außergewöhnliche Ausgangssituation für “Chinese zum Mitnehmen”, einem tragisch-komischen Kleinod aus Argentinien.

Der Eisenwarenverkäufer Roberto (Ricardo Darin) führt ein gewollt abgeschottetes Leben in Buenos Aires; anstatt soziale Kontakte zu pflegen, vertieft sich der introvertierte Einzelgänger lieber in seine Arbeit und sammelt skurrile Zeitungsartikel aus der ganzen Welt. Sein von Routine durchzogener Alltag wird kräftig durcheinandergewirbelt, als er zufällig auf den völlig verlorenen Jun (Ignacio Huang) trifft. Der lediglich Mandarin sprechende Chinese sucht in Argentinien nach seinem Onkel, welcher sich jedoch nicht auffinden lässt. Da sich auch die chinesische Botschaft nur bedingt hilfsbereit zeigt, fasst sich Ricardo ein Herz und nimmt den Obdachlosen bei sich auf - ein von kulturellen Unterschiedenen und nur schwerlich vonstatten gehender Kommunikation geprägtes Zusammenleben beginnt…

Es gab schon so einige Eigenbrötler im Kino zu sehen, doch wenige waren so schrullig wie Roberto: Die Zeichnung des kauzigen Charakters meistert stets die grazile Gratwanderung zwischen trockenem Humor und herber Traurigkeit. Sein zurückgezogenes Dasein nach dem “Ich bin eine Insel”-Prinzip sowie die mürrische Monotonie in seinem Alltag zeugen zwar von verlorener Lebensfreude, zaubern einem aber trotzdem immer wieder ein Schmunzeln ins Gesicht. Sei es nun die peinlich-genaue Penetranz im Beruflichen wie auch Privaten oder die schwarzhumorige Sammlung von obskuren Zeitungsartikeln: Große Lacher bleiben zwar aus, gute Laune ist aber dennoch garantiert. Es ist der wunderbaren Vorstellung von Ricardo Darin zu verdanken, dass man den grimmigen, aber letztlich doch irgendwie sympathischen Griesgram auf seltsame Weise in sein Herz schließt.

Neben dieser verschrobenen Figur liegt es nun an Ignacio Huang, die kulturellen Kontrapunkte zu setzen. Dass sein etwas klischeehafter Chinese nicht ganz so gut ausgearbeitet daherkommt und sich vornehmlich auf das Erregen von größtmöglichem Mitleid beschränkt, ist dabei ein relativ verschmerzbarer Makel, liegt es doch in der Natur der Sache: Auf eine Untertitelung wurde dankenswerterweise verzichtet - der Zuschauer ist bezüglich Juns Äußerungen ebenso ahnungslos wie Roberto. Dass eben jener durch den Umgang mit dem doch eigentlich so pflegeleichten Untermieter beinahe an seine seelische Belastungsgrenze stößt, unterstreicht den festgefahrenen Frust des argwöhnischen Argentiniers, welcher langsam in das Land der Lebenden zurückkehrt

Die Idee des sich schrittweise wandelnden Miesepeters ist beileibe nicht neu, aber dennoch warmherzig präsentiert. Robertos Rückbesinnung auf eine lebensbejahende Lockerheit geht dabei schön subtil vonstatten; die Annäherung an seine frühere Geliebte geschieht gar so schleichend, dass man beinahe den Wegfall des obligatorischen Happy-Ends vermuten könnte. Dieses kommt dann zwar dennoch, aber immerhin in sehr kurzer und keineswegs kitschiger Form. Der Weg dorthin weiß trotz der ungewohnt schleppenden Entwicklung Robertos im Endeffekt leider nur wenig zu überraschen, beschreitet er mit seinen erwarteten “Wendungen” doch bereits allzu bekannte Pfade. Schade, etwas mehr unvorhersehbare Frische hätte dem charismatischen Kampf um Kultur und Kommunikation gut zu Gesicht gestanden.

Fazit:
Chinese zum Mitnehmen” ist eine lakonische Tragikomödie, die allen voran mit ihrem schrullig-sympathischen Hauptprotagonisten punktet. Auch wenn der aberwitzigen Ausgangslage ein zugegebenermaßen ziemlich überraschungsarmer Plot folgt, kann der kulturelle Clash dennoch meist bei Laune halten. Ein warmherziger Mix aus trockenem Humor und tragischer Melancholie, der einen im annehmbaren Maße mitzureißen weiß.

5/10

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