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Ein Geheimtipp – voll auf die Zwölf...

Für Ian Palmer fing alles mit einem Hochzeitsbesuch an und daraus resultierend begann eine 12 Jahre andauernde Odyssee durch die Wirren dreier irischer-traveller Clans (Quinns/Nevins/Joyces) und deren Auseinandersetzungen, die Palmer stets mit einer Kamera begleitet hat. Auf eben jener Hochzeit (Ende der 90er) erfährt er von einer brutalen Familienrivalität. Die dort herrschenden Differenzen werden jedoch nicht durch einen Anwalt oder vernünftigen Worten geregelt, sondern mit knallharten Bare-Knuckle-Fights. Kämpfen ohne jegliche Zeitbegrenzung und ohne Verwendung von Boxhandschuhen, wie der Name ja vermuten lässt.

2 Männer von je einem Clan bekämpfen sich (pausenlos, gar stundenlang) an unterschiedlichen Orten. Manchmal an einer verlassenen Landstraße oder verborgen in einem Hinterhof. Kampfrichter sorgen für einen vermeintlich fairen Ablauf des Kampfes. Das diese Auseinandersetzungen illegal sind und ein hohes Verletzungsrisiko darstellen, ist allen klar – auch Ian Palmer. 12 Jahre hält er die Kamera drauf, begibt sich in eine unbekannte Welt und geht der einzig plausiblen Frage nach: Warum kämpfen diese Menschen?

Dreh- und Angelpunkt der Auseinandersetzungen der Clans Joyce und Quinn McDonaghs war das Jahr 1992. Dort entflammte die Fehde und erreichte einen Höhepunkt, welcher bis heute nicht abgeklungen ist. Nach einer Kneipenschlägerei stirbt ein Mitglied des Joyce-Clan. Verantwortlich für den Totschlag ist Paddy Quinn McDonagh, Hauptakteur der Dokumentation ist James Quinn McDonagh, der unumstrittene Knuckle-Champion und jüngere Bruder von Paddy, dem Verursacher des Vorfalls 1992. James wird als Lokallegende bezeichnet und bestreitet die ersten Kämpfe, die der Zuschauer in der Doku zu sehen bekommt.

Bemerkenswert ist der Fakt, dass James erst nach 10 Jahren dem Regisseur Details über den Hauptauslöser 1992 preis gibt. Die Dokumentation beschäftigt sich mit dem Auslöser im Laufe der Zeit immer weniger, denn der Hauptgrund der Kämpfe ist nicht nur Tradition oder das Prestige, sondern das Geld. Summen bis zu 100.000 Pfund werden ausgeschüttet. Ein lukratives Geschäft welches dem Kämpfer nicht nur Geld einbringt, sondern zusätzliches Ansehen und einen zweifelhaften Legendenstatus.

Regisseur Ian Palmer verleiht der Dokumentation keinen geschmacklosen Pathos oder eine andere Art der Verherrlichung. Nüchtern und distanziert hält er die Kamera auf jeden noch so blutigen Kampf und kommentiert die Geschehnisse sachlich. Gegen Ende der Doku bekommt aber auch Palmer genug von den Kämpfen. Eine unfreiwillig komische Auseinandersetzung zweier übergewichtiger 50-jähriger Männer, nahe einem Waldstück, gibt dem Regisseur den Rest. Er beschließt die Arbeit kurzzeitig auf Eis zu legen. Als dann ein großer Kampf ansteht, kann Palmer nicht anders und filmt zum letzten Mal ausgerechnet einen Refight, den der Regisseur in einer ersten Auflage bereits 1999 mitfilmte. Bemerkenswert wie die Charaktere sich verändert haben – ihre Intention ist allerdings die selbe geblieben. Eine unendliche Geschichte...

Während die Kämpfe seit Jahren munter florieren, lässt der Regisseur Frauen und auch Kinder zu Wort kommen. Die Aussagen dieser beiden vermeintlich außenstehenden Gruppen sind dabei der wichtigste Punkt der ganzen Dokumentation. Die rivalisierenden Clans sind im Endeffekt nur eine Familie und der eigentliche Zweck der Bare-knuckle Kämpfe dreht sich nicht mehr allein um die Ehre, sondern vorrangig um Provinzkommerz. Besonders die Sorge um den männlichen Nachwuchs zerreißt die Mütter. Vor der Kamera posieren kleine, schmächtige und sehr euphorische Jungs, die dem Geschehen zujubeln. Palmer macht deutlich, diese Fehde wird noch Jahre existieren und sicher wird einer der kleinen Jungs, später auch auf einer dreckigen Landstraße kämpfen wollen.

Die Fehde wird künstlich am Leben erhalten und das nimmt teils groteske Züge an. Sogar semiprofessionelle Videobotschaften werden zwischen den Familien geschickt. Unweigerlich kommen Gedanken an zweitklassige Wrestlingshows hoch, nur das hier die Kämpfer tatsächlich aus Mund und Nase bluten und ein Kampfausgang ungewiss ist. Der eigentliche Auslöser der Fehde gerät mit laufender Spielzeit in den Hintergrund. Die Kämpfe sind blutige Events zum Zeitvertreib und Geldmacherei unter dem Deckmantel einer Familienfehde.

Ein weiterer interessanter Aspekt ist der Voyeurismus in Form der Schaulustigen. Die überschaubare Zuschauermenge sieht konzentriert dem widerlichen Geschehen zu. Ähnlich einer Erfahrung, welche sicher viele von uns irgendwann machten. Als Zeuge einer Schulhofprügelei vielleicht, entweder man feuert einen „Kämpfer“ an oder sieht angewidert zu. Selbes widerfährt den Zuschauer bei jedem Stierkampf, die Faszination Zeuge etwas gefährlichen zu sein und wer in seinem bisherigen Leben so keusch war und beiden vergleichbaren Szenarien aus dem Weg ging bzw. nie erlebt hat, der wird in „Knuckle“ mit dieser „Faszination“ eisenhart konfrontiert.

Fazit: Ian Palmer entführt den Zuschauer in einen unbekannten, schmutzigen, aber zugleich faszinierenden Untergrund. Der Zuschauer wird Zeuge von grausamen Kämpfen und erkennt selbst an sich, welche Reaktion er zeigt. Die einführende Frage (Warum?) ist nur Mittel zum Zweck, sowohl für diese Kämpfe, als auch für diese Dokumentation. Leider verliert die Doku im Mittelteil und Schluss an Fahrt, da die Quintessenz schnell zu erkennen ist und das Geschehen schnell abstumpfend wirkt. Dennoch ist „Knuckle“ eine interessante und zugleich düstere Dokumentation, in der der Zuschauer mit der harten Wahrheit, sowie der Ausweglosigkeit der handelnden Charaktere konfrontiert wird.

Empfehlung für alle, die auf das ganz besondere Doku-Erlebnis stehen!

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