Bislang hat man von Filmemachern aus Island noch nicht allzu viel gehört, was sich mit dem beeindruckenden Debüt eines gewissen Baldvin Zophoníasson eventuell ändern könnte. Sein Coming-of-Age-Drama ist zwar zuweilen ein wenig überfrachtet, doch die einfühlsame Erzählweise und die ausgezeichneten Darsteller lassen das Treiben zu keiner Zeit uninteressant erscheinen.
Gabriel (Atli Oskar Fjalarsson) ist ein sechszehnjähriger Schüler aus Reykjavik, der für eine Weile in Manchester zur Schule geht und dort den Gleichaltrigen Markus kennen lernt. Sie ziehen durch die Clubs und nach einem Gelage kommt es zu einem innigen Kuss zwischen den beiden. Zurück daheim geht das Alltagsleben im gewohnten Umfeld seinen Lauf, doch Gabriel scheint wie verändert. Und tatsächlich kann er seinen Gefühlen nicht länger aus dem Weg gehen…
Bislang gibt es den Streifen nur im Originalton mit Untertiteln, denn kaum jemand dürfte Isländisch verstehen. Die merkwürdig urige Sprache, die sich seit Jahrhunderten kaum verändert haben soll, klingt wie eine Zungenbrechermischung aus Holländisch und Russisch, verleiht dem Geschehen jedoch auch etwas Spezielles, etwas Authentisches.
Hinzu kommt, dass mit Fjalarsson ein ausgezeichneter Hauptdarsteller gefunden wurde, der seine durchaus spannende Figur sehr überzeugend transportieren kann.
Demgegenüber ist Gabriels Umfeld eine typische Problemjugend: Greta will von ihrer asozialen Mutter weg und ihren leiblichen Vater finden, Teddi versaut die Beziehung zu seiner Freundin, Stella wird von ihrer tyrannischen Oma eingeengt und auch Gabriel hat Probleme mit seiner Mutter, die nach seiner Rückkehr aus England gar Drogen vermutet. Sie beraumt Familienkonferenzen mit Mann und Exmann ein und schnüffelt sogar am Labtop des Jungen, welcher mehr mit den Problemen der anderen beschäftigt ist, als über sich selbst nachzudenken, was ja fast schon als Klischee eines Jungen kurz vorm Coming Out verstanden werden kann.
Auffallend ist bei alledem allerdings, in welch rauen Mengen die Kids saufen, da es in Reykjavik augenscheinlich keine anderen Beschäftigungen gibt. Hier eine Party, dort ein Club und bis auf eine Ausnahme (nein, nicht Gabriel), bechern allesamt bis zum Erbrechen.
Dazwischen gibt es die üblichen Beziehungsprobleme, nervige Erziehungsberechtigte und einen Überfall mit Folgen.
Handwerklich gibt es nichts zu beanstanden, denn die Kamera liefert zuweilen ein paar verträumte Einstellungen und ist meistens nah bei den Figuren, während der zurückhaltende Einsatz von Musik zum ruhig Erzählten passt. Die Figuren sind perfekt besetzt und die durchweg überzeugenden Mimen füllen ihre teilweise etwas eindimensional angelegten Charaktere mit Leben.
Oft sind es die ruhigen, wortlosen Momente des Jugendfilms, die am meisten über die Emotionen der Figuren aussagen, was besonders zum Ende hin, als sich die Situation um Gabriel zusehends zuspitzt, deutlicher zum Tragen kommt.
Schade, dass die Handlung phasenweise überfrachtet erscheint und Hauptfigur Gabriel ein wenig zur Nebensache verkommt, - da wäre die Konzentration aufs Wesentliche gewiss von Vorteil gewesen. Ansonsten ist Zophoníasson ein beachtliches Debüt gelungen: Sensibel aber nie kitschig erzählt, durch die guten Mimen mit viel Seele ausgestattet, nur insgesamt zuweilen etwas überambitioniert. Deutlicher Tipp für Freunde von Jugenddramen außerhalb von Hollywoods Klischeekiste.
7,5 von 10