Wenn Altmeister Steven Spielberg und Peter – Herr der Ringe – Jackson sich daran machen, einen Comic-Klassiker für das moderne Kino neu zu interpretieren, dann ist die Aufmerksamkeit der Kritiker von Anfang an sicher gestellt. Ganz besonders gilt dies im Fall von Tim und Struppi bzw. Tintin aus der Feder des Belgiers Hergé, die weithin als eine der bedeutendsten europäischen Comic-Serien gilt und auch in Deutschland eine große Fangemeinde hat. Als der Film dann im vergangen Oktober in die Kinos kam, waren die Meinungen über ihn sehr gespalten. Das kam aber keineswegs unerwartet, denn es war bekannt, dass Spielberg und Jackson einen modernen Animationsfilm machen wollten und es daher sehr schwierig werden würde, dem eigenwilligen grafischen Stil von Hergé treu zu bleiben.
Die Geschichte beginnt als der junge Reporter Tim ein Modell der Einhorn, ein Schiff aus dem 17. Jahrhundert, bei einem Flohmarktbummel ersteht. Kaum hält Tim das wunderschöne Schiffmodell in den Händen, werden auch schon weitere Interessenten bei ihm vorstellig und warnen ihn vor Gefahren. Iwan Sakharin, der neue Besitzer von Schloss Mühlenhof, scheint ein ganz besonders starkes Interesse an dem Modell zu haben. Als Hund Struppi eine Katze durch Tims Wohnung jagt und dabei einen Mast am Modell zerbricht, der daraufhin eine geheimnisvolle metallene Kapsel preisgibt, deutet sich bereits an, warum die Einhorn so begehrt ist, dass sie kurze Zeit später aus Tims Wohnung gestohlen wird. Tim, der die Kapsel noch nicht entdeckt hat, folgt seinem Verdacht nach Schloss Mühlenhof, wo er eine zweite Version des Schiffsmodells vorfindet und von Sakharin über den Fluch der Haddocks, den Vorbesitzern des Schlosses, erfährt. Wieder daheim, findet Tim seine Wohnung komplett verwüstet vor und es dämmert ihm, dass sich etwas Wertvolles in dem Dreimaster befunden haben muss. Als er mit Hilfe von Struppi die Metallhülse findet, entdeckt er darin einen alten Pergamentstreifen mit einer kryptischen Botschaft, die unser Detektivduo auf die Spur eines versunkenen Schatzes bringt und eine rasante Jagd um die halbe Welt beginnen lässt.
Ich bin weder Fan noch Kenner der Comics und daher relativ unvorbelastet und ohne große Erwartungen an diesen Film herangegangen. Was ich vorgefunden habe, ist eine robuste Abenteuergeschichte, die rasant erzählt wird und mit einer guten Mischung aus Spannung, Action und Humor aufwarten kann. In den besten Momenten des Films fühlte ich mich atmosphärisch sogar an die ersten beiden Indiana Jones-Filme erinnert. Das ist zwar bei einem Film aus der Hand des “Indy-Schöpfers” im Grunde nicht weiter verwunderlich, nur zugetraut hätte ich es diesem Animationsfilm ehrlich gesagt nicht. Mein einziger wirklicher Kritikpunkt ist das Ende des Films, das leider viel zu plötzlich kommt und die Geschichte seltsam unvollständig erscheinen lässt. Aus technischer Sicht kann der Film ebenfalls überzeugen. Durch den Einsatz des Performance Capture-Verfahrens, bei dem nun auch Gesichtsanimationen gescannt werden, wirken die Animationen der Charaktere, insbesondere deren Gesichter und Mimik unübertroffen realistisch.
Vor diesem Hintergrund ist die Diskussion um die Authentizität dieser grafischen Neuinterpretation natürlich nachvollziehbar. Jedoch finde ich, dass dieser Animationsstil durchaus als eine gelungene visuelle Interpretation von Tim und Struppi gelten kann, denn er lässt den Figuren noch ausreichend Spielraum für die typischen, klischeehaften Charakterisierungen der Vorlage. Spielberg und Jackson gelingt es, den Figuren etwas mehr Persönlichkeit und Leben einzuhauchen, ohne ihnen dabei zu viel von ihrem schlichten Charme zu nehmen. Das heißt natürlich nicht, dass Tim und Struppi nun im Film besser oder interessanter sind als in der Vorlage – gewiss nicht. Aber sie werden authentischer und damit auch für ein Publikum greifbar, das bisher keine oder kaum Berührungspunkte mit dem doch recht eigenwilligen Werk von Hergé hatte. Dies ist ein Erfolg, der Anerkennung verdient und sicherlich auch dem Absatz der Comics nicht ganz unzuträglich sein wird.