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Nachdem eine europäische Zeitung „Jäger des verlorenen Schatzes“ mit den Tintin-Comics verglich, besorgte sich Steven Spielberg Bände der Serie, wurde zum Fan und erstand bereits in den 1980ern die Verfilmungsrechte, doch erst 2011, zum 30jährigen Jubiläum des ersten Indiana-Jones-Films, erblickte der Film das Licht der Leinwand.
Noch dazu als Motion-Capturing-Variante, die mit einem charmanten Vorspann, der an Saul Bass‘ Arbeiten zu den Bondfilmen erinnert, und einem netten In-Joke: Ein Straßenmaler fertigt eine Karikatur von Tintin (Jamie Bell) an, die genauso wie das Comic-Konterfei aus der Hergé-Vorlage aussieht. Mit seinem Hund Snowy ist der junge Reporter gerade auf einem Trödelmarkt unterwegs. Der Reporter, tollkühn, heldenhaft und ein Helfer der Polizei, wie man aus dem Vorspann weiß, ersteht das Modell eines Segelschiffs, das ihm der eigenartige Sakharine (Daniel Craig) direkt abkaufen will, was Tintin jedoch ablehnt.
Daheim bricht Snowy den Mast des Schiffes ab und von Tintin unbemerkt rollt ein Metallzylinder heraus – zu seinem Glück, denn kurz stiehlt jemand das Modell aus Wohnung des Reporters. Natürlich hat der Sakharine im Verdacht, durchsucht dessen Anwesen und findet ein Schiffsmodell – welches das gleiche Schiff, die Einhorn, darstellt, aber nicht das selbe ist, denn hier ist der Mast noch heile. Die Hauptvorlage zu ersten von bisher zwei geplanten Tintin-Filmen war der Band „Das Geheimnis der Einhorn“, doch auch Elemente aus „Der Schatz Rackham des Roten“ und „Die Krabbe mit den goldenen Scheren“ wurden verwendet.

Tintins Neugier wird jedoch nur weiter geweckt, als man er seine Wohnung durchwühlt vorfindet, kurz darauf ein Mann vor seiner Tür erschossen wird und er schließlich den Metallzylinder findet, in dem eine kleine Schriftrolle verborgen ist, die ihm jedoch prompt bei einem Taschendiebstahl entwendet wird. Als wäre das noch nicht genug, kidnappen ihn Sakharines Leute kurz darauf…
Für den Leser der deutschen Comicausgaben mag es ungewöhnlich anmuten, wenn Tim im O-Ton jetzt Tintin heißt, Struppi Snowy und das Polizistenduo Schultze und Schulze jetzt Thompson und Thomson. Doch die Umgewöhnung lohnt sich schon aufgrund der Sprecher bzw. Motion-Capturing-Schauspieler: Simon Pegg und Nick Frost verkörpern das schusselige Ordnungshüterduo mit viel Humor, wenn auch leider nur in wenigen Szenen des Films, während Andy Serkis als Captain Haddock mal wieder zeigt, warum er der große Star der Motion-Capturing-Filme ist. Jamie Bell verkörpert den schon in den Comics bewusst eigenschaftslosen Tim ziemlich gut, während Daniel Craig als sinistrer Schurke sich vollkommen der Rolle unterordnet, man gar nicht so recht merkt, dass dieser eigentlich von einem Bonddarsteller gesprochen wird. Ein Bonddarsteller als Schurke, das passt auch zu den Cornetto-Sequels von Edgar Wright, der hier zusammen mit seinem Protegé Joe Cornish und „Sherlock“-Schöpfer Steven Moffat das Drehbuch schrieb.

Mit diesen Drehbuchautoren, der Besetzung, Steven Spielberg als Regisseur und Peter Jackson als Produzent und fest eingeplanter Sequel-Regisseur klingt „The Adventures of Tintin“ nach feuchtem Nerdtraum, angespornt durch Berichte von Besuchen des Sets von David Fincher, Stephen Daldry und Guillermo del Toro. Und tatsächlich ist „The Adentures of Tintin“ auch ein Film voller liebevoller Details und kleiner Anspielungen, sei es nun die erwähnte Comickarikatur zu Beginn, ein Spielberg nachempfundener Scheich oder eine „Der weiße Hai“-Referenz bei einer Szene auf dem offenen Meer. Noch dazu ist Spielbergs Film ein wilder Ritt durch verschiedenste Genres und Stile, sei es nun der comicartige Motion-Capturing-Stil, den Spielberg beim Dreh aber wie einen Realfilm behandelte, oder der wilde Genremix aus Abenteuerfilm, Detektivelementen, wilden Actioneinlagen, komödiantischer Auflockerungen und gelegentlichen Schlenkern in die Fantasy- und Piratenabteilungen.
Doch trotz dieser bunten Mischung ist Spielbergs Film erfreulich kohärent und gerade im ersten Drittel unglaublich fesselnd, wenn sich die Geschichte noch auf einer klein skalierten Pfaden bewegt und sich als traditionelles Detektivabenteuer präsentiert und viele Fragen zum Miträtseln einladen. Mit der Entführung Tintins und seiner Flucht aus der Gefangenschaft, bei der Captain Archibald Haddock kennenlernt, wird es dann größer, protziger und leider auch in vielen Punkten eindeutiger, eine Schnitzeljagd um den Globus, die aber teilweise charmant zum Indiana-Jones-Terrain zurückkehrt, für das man Spielberg so schätzt. Allerdings sind die Hintergründe von Sakharines Handeln schnell erkannt, es dominieren stattdessen Action und Abenteuer, was bei den Indy-Filmen ja eigentlich nie ein Problem war.

Hier allerdings handelt es sich nicht um handgemachtes, sondern animiertes Spektakel, das von Actionszene zu Actionszene üppiger wird: Nach einer Verfolgungsjagd in Tintins Heimatstadt stehen ein slapstickartige Flucht von einem Schiff, ein Flug mit einem nach und nach den Geist aufgebenden Flieger, die Verwüstung einer arabischen Stadt und schließlich eine Art Boxkampf zwischen zwei Hafenkränen an. Das ist immer mit Augenzwinkern inszeniert und erinnert in seinen besten Momenten an die Slapstick-Action eines „Is‘ was, Doc?“, in seinen schlechtesten an die Szenen eines Videospiels, bei dem man allerdings nicht selber die Knöpfe drücken muss, damit die Helden ausweichen. Auch die Indy-Filmen waren bereits übertrieben, doch hier scheint Spielberg gelegentlich von den technischen Möglichkeiten überrumpelt worden zu sein, Comicvorlage hin oder her: Manchmal wäre weniger mehr gewesen, denn die Actionszenen sind teilweise nicht nur detail- und einfallsreich, sondern schlichtweg überladen und zu absurd um zu fesseln.
Ansonsten kann man „The Adventures of Tintin“ von technischer Seite kaum Vorwürfe machen: Da er sich am Comicstil der Vorlage orientiert, kann man dem Film keinesfalls mangelnden Realismus bei der Mimik und Figurengestaltung vorwerfen (der bei Motion Capturing durchaus möglich ist, wie die neueren „Planet der Affen“-Filme zeigen), zumal die liebevolle Gestaltung des Films ihm genug Persönlichkeit gibt, dass er nicht kalt, abweisend und unnatürlich wirkt, wie etwa die Motion-Capturing-Filme von Zemeckis. Auch den Grad zwischen humorvoller Lockerheit und einer Abenteuergeschichte, bei der es um etwas geht, treffen Spielberg und seine Autoren ziemlich gut, das kurz aufblitzende Drama um die familiäre Verantwortung Haddocks wirkt nicht aufgesetzt oder gewollt.

Insofern kann man „The Adventures of Tintin“ vielleicht die eine oder andere Kinderkrankheit vorwerfen, etwa die manchmal etwas zu videospielartigen Actionszenen oder die Tatsache, dass der Film in den letzten zwei Dritteln eindeutiger und weniger charmant als im ersten Drittel ist. Andrerseits präsentiert Spielberg hier einen tempo- und einfallsreichen Abenteuerfilm im Motion-Capturing-Gewand, der durchaus als möglicher Nachfolger der Indy-Reihe angesehen werden kann. Falls eine Franchise draus wird, wär es jedenfalls nicht schade, vor allem wenn man in späteren Filmen noch kleine Verbesserungen am Rezept vornimmt.

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