Review

Kleine Bösartigkeiten erfreuen den Alltag - vor allem, wenn man glaubt, man hätte eh schon alles Notwendige und Erwartbare im Kino oder dem bequemen Ohrensessel daheim genossen.
Jaume Balagueró gehört ja zu der ausgefuchsten Generation spanischer Filmemacher, die wunderbar auf der Horror- und Terrorschiene herumreiten und trotz ihrer kleinen Sujets immer noch frisch und diskutabel wirken, nicht eingeengt und auf die eigene Nische beschränkt. Nach zweifachem Reüssieren mit der "[rec]"-Serie, einer davon ausgezeichnet, der andere zumindest technisch beeindruckend, gibt es jetzt mal wieder Thrills ohne typische Horrorelemente zu begutachten. Und das auch noch mit einer so entspannten Erzählweise, als wären die Spätsechziger nie zuende gegangen.

"Sleep Tight" klopft dem alten Subgenre von der durch einen finstren Unhold bedrohten Unschuld mal fröhlich auf die Schulter, denn wo sonst sich gut aussehende Damen gegen die Angriffe eines sadistischen bis mörderischen Unbekannten erwehren mußten und das Publikum da sehr gut Partei ergreifen konnte, agiert die Kamera hier von der anderen Seite des Spiegels aus.
Protagonist ist hier der "Täter", César, ein Hauswart in einem typischen Mehrfamilienmietshaus in Barcelona, das auch [rec] als Kulisse gedient haben könnte. Er ist kein typischer Psychopath, aber immerhin ein handfester Soziopath, der sich selbst nicht am Leben erfreuen kann und so zu dem tatkräftigen Schluß gekommen ist, es auch allen übrigen Mitmenschen zu versauen.
Speziell die junge Clara aus dem fünften Stock hat es ihm angetan, die so hübsch, fröhlich und porentiefrein daherkommt, daß man sie schon für ein Klischee halten könnte. Ihr das "Lächeln aus dem Gesicht zu treiben" ist sein höchstes Gut und dafür liegt er dann auch Nacht für Nacht erstmal unter ihrem Bett, um sie dann im Tiefschlaf mittels Chloroform ganz bewußtlos zu machen und das Bett mit ihr zu teilen. Große Freude hat er nicht daran, wie es seinem meist unbewegtem Gesicht nach scheint, aber in den Augenblicken, in denen er am Bett seiner todkranken Mutter in der Klinik von seinen Schandtaten berichtet, wird der Lebenssinn klar. Da braucht es dann kaum noch die begleitenden Diskussionssendungen aus dem Radio, in denen unglückliche Menschen ihr Schicksal bei den Kurzwellentherapeuten beklagen - César hört die Sendungen wohl eher zur Ergötzung oder Bestätigung, nicht weil er sich dort Rettung erhofft.

Balagueró geht sehr behutsam und klassisch vor, um dieses Menschenschicksal von der Tragödie zur Katastrophe auszuschmücken und läßt den Zuschauer nach und nach die Bruchstücke von Seele des Täters wahrnehmen. Dabei wehrt sich der Hauswart nie gegen die Schlechtigkeiten des Alltags, einen mißgünstiger Mitbewohner, der ihn feuern lassen will, beläßt er immer in der Distanz, läßt höchstens dessen Dachterrassenpflanzen verkommen. Und der knapp zwölfjährigen Teufelsgöre, die neben Clara wohnt und ihn um Geld und Pornos erpreßt, damit sie niemandem etwas sagt, geigt er nicht die Meinung oder bringt sie um die Ecke, sondern liefert was sie verlangt - schließlich scheint sie menschlich mit ihm verwandt.

Gute Gefühle vermag "Sleep Tight" dabei nicht zu erwecken, es geht auch nicht um den größtmöglichen Effekt, stattdessen tut einem dieser Mann irgendwann leid und wenn dieser Zustand eintritt, dann steht der Zuschauer auch schon auf der Seite des Täters. Das hält auch an, wenn sich die selbstgeknüpften Schlingen immer enger um Césars Hals ziehen, die Polizei ermittelt oder er sich selbst in eine schier ausweglose Situation bringt, die Hitchcock würdig gewesen wäre, als er mit seinem Opfer und einer dritten Person in ihrer Wohnung eingeschlossen eine Nacht verbringen muß.
Am Ende steht die Katastrophe und auch wenn César eigentlich kein typischer Mörder ist, steht am Schluß eine Leiche und das größtmögliche Grauen, das man sich vorstellen kann, zumindest in den übersichtlichen Motiven der beteiligten Personen.
Leider ist nicht alles an diesem Film schlüssig, denn das Stalkingkonstrukt, das der Hauswart aufbaut, mit SMS, selbstgeschriebenen Briefen und nächtlichen Übergriffen samt seiner scheinbar geschickten Schuldzuweisungen auf andere Personen steht auf dürren Beinen, allein die handschriftlichen Briefe hätten einer polizeilichen Überprüfung des "anderen" Täters vermutlich niemals standgehalten und auch der Todesfall des Film ist nicht lupenrein abgesichert, aber für den Regisseur zählt das Ergebnis, das Portrait dieses Serientäters, mit dem man leidet, während man ihn gleichzeitig scheitern sehen will. Daß es nicht ganz klappt, mit Clara eine gleichermaßen glaubwürdige und in die Tiefe entwickelte Figur zu präsentieren, ist ein bißchen schade und sicherlich hätte man hier und da noch etwas mehr am Rad drehen können, was subtile Bösartigkeiten angeht, aber so ungraphisch und still fesselnd zu produzieren hat auch etwas für sich.
Luis Tosar als César reißt jedenfalls diesen Film in unauffälliger Unattraktivität an sich und dominiert fast jede Szene, kettet den Zuschauer an sich und obwohl man sich dagegen wehrt, bleibt man bis zur letzten Minute an seiner Seite, eben weil er kein degeneriertes Ungetüm ist, sondern einfach nur ein Mensch, der unglücklich und unfreundlich bis ins Mark ist und das jeden Tag kaschieren muß, einen Zustand, den auch normale Besucher nicht nur heiterer Natur bestimmt zeitweise nachvollziehen können. Da braucht es dann keine grotesken Karikaturen von Nebenfiguren, keine übertriebenen gesellschaftlichen Spiegelungen von modernen Menschentypen, die Seele stirbt hier leise von innen - und das ist so beachtenswert, wie es ein normales Publikum als belastend empfinden wird. Mitreißend, aber kaum erträglich, denn das Revanchedenken, die typische Reaktion bleibt hier stets außen vor.

Ein horribles Werk, eben weil es so nachvollziehbar und realistisch ist. (7,5/10)

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