Dass die besten Filme schon lange nicht mehr aus dem Land der unbegrenzten Möglichkeiten kommen, dürfte für Filmfreunde keine Neuigkeit sein. Fortsetzungen, Remake-Rinderwahn oder mit CGI aufgepumpte Blockbuster, die meistens seelen- und ideenlos über die großen Leinwände flimmern. Als würde das nicht schon reichen, werden unsere Videotheken und Kaufhäuser mit B-Ramschware aus dem Amiland überflutet, die meist noch nicht einmal das Geld des Rohstoffpreis wert sind, auf dem sie gepresst sind.
Während die deutsche Filmindustrie alle paar Jahre einen Knaller hinbekommt (der von der Masse auch wahr genommen wird) und sich ansonsten mit seichten Komödien im Aus- und Inland blamiert, beglücken uns unsere europäischen Nachbarn immer wieder auf´s Neue mit guten Beiträgen. Den Hauptanteil daran haben Frankreich, Spanien, Belgien, Norwegen und Schweden. Jetzt so Pi mal Daumen geschätzt.
Mit "Sleep Tight" haben wir einen exzellenten Thriller der ruhigeren Art aus Spanien vorliegen, in dem sich alles um César ( Luis Tosar) dreht.
Der von Selbstmordgedanken geplagte César arbeitet als Hausmeister in einem Apartmenthaus in Barcelona. Von den Mietern wird er kaum wahrgenommen, doch der Mann im Schatten weiß alles über sie. Besonders Clara (Marta Etura) hat es ihm angetan.So schleicht er sich tagtäglich in ihre Wohnung, betäubt sie mit Chloroform und legt sich zu ihr ins Bett. Doch von seinen Machenschaften bekommt auch das kleine Nachbarsmädchen Úrsula (Iris Almeida) mit, die immer mehr "Lösegeld" fordert um zu schweigen. Wie lange werden seine perfiden Taten noch gut gehen?
Der Mann auf dem Regiestuhl ist ja kein Unbekannter: Jaume Balagueró drehte anfangs des 21. Jahrhunderts die beiden überdurchschnittlich guten "The Nameless" und "Darkness", 2006 folgte mit "Fragile - A Ghost Story" ein weiterer Horrorfilm. Diese Filme habe ich alle gesehen, doch der Name des Regisseurs prägte sich zumindest bei mir erst bei seinen beiden "[Rec]"-Werken im Hinterstübchen ein.
In "Sleep Tight" wechselt Balgueró das Genre und zeigt auch sein Gespür für Thriller ohne Horrorhintergrund. Dennoch muss ich an dieser Stelle Leute davor warnen, dass es nicht ein (seh-)gewohnter Thriller ist, sondern eben ein spanisches Produkt, dessen Stempel man deutlich spürt. Der Thriller besticht durch leise Töne ohne Action und Gewalt, hervorragende Schauspieler und erstklassige Dialoge (z.B. gibt es einen Dialog, in der César eine ältere Bewohnerin innerhalb von drei Sätzen "vernichtet").
Die Spannung, die den Film auszeichnet, findet eher im Kopf des Zuschauers ab und wird nicht mit dem üblichen Krawumms präsentiert. Also Leute, die auf Hetzjagden stehen, dürften eher enttäuscht von diesem Film sein. Luis Tosar, der den Hausmeister mit seinen tiefen seelischen Abgründen spielt, bringt diesen Charakter authentisch rüber. Zudem gesellt sich das goldene Händchen des Drehbuchschreibers, dass man in dieser Rolle nicht wirklich jemanden Bösen erkennt, sondern einen Menschen, der einem irgendwie leid tun kann (auch wenn er etwas pervers ist). Aber hey, wer von euch hat noch keine zwei Schnitzel zwischen die Heizung gepresst und danach den Lümmel reingesteckt? Na also...
Die wahre Bestie ist das kleine Mädchen Úrsula. Iris Almeida in ihrer ersten Rolle empfiehlt definitiv mit diesem Auftritt für weitere Rollen - ich würde sagen, bevorzugt kindliche Charaktere, die von Dämonen besessen sind. Ihre Ausstrahlung und ihr Gesicht passt wie die Faust auf´s Auge für böse Rollen. Ob die auch lieb kann?
Im Schlussakt wird dann auch die Spannungsschraube von der gewohnten Seite spürbar, denn die Welt von César wird immer kleiner. Aber aus welchen Gründen, solltet ihr dann mal besser selber sehen.
Mit "Sleep Tight" hat Jaume Balagueró wieder einmal blank gezogen und erneut gezeigt, dass er auch in einem anderen Genre das Gespür für einen guten Film hat. Dennoch sollten Terrorbolzen, die auf übliche Thriller-Klischees stehen die Erwartungen nicht so hoch setzen. Das Grauen entsteht eher im Kopf.
8/10