Review

Um mal zu demonstrieren, welche Opfer man als Rezensent zu bringen hat, möchte ich vorab erklären, daß ich das Einläuten zu den letzten Runden der "Twilight"-Saga nicht ohne ausreichende Kenntnis der literarischen (ahem!) Vorlage angehen wollte.
Also vor dem Kinobesuch tapfer (nach einem Jahr Erholungspause) auch noch die letzten beiden Bücher vom Stephenie Meyer eingepfiffen und wieder herzhaft über die elend schlechte Pubertätsprosa dieser polymorph-perversen Permant-Prüden geseufzt. Dann kann man sich dem neuesten Streckungsversuch Hollywoods hingeben, das letzte, 800 Seite starke Buch zum Thema "Bella und Edward vs. the World", in gleich zwei Blockbuster mit einem Jahr Zwangspause zwischen den Premieren zu verwandeln.

"Bis(s) zum Ende der Nacht" ist jetzt das Thema und wer beim dritten Film nicht nett entschlafen war (dabei war es noch der Beste aller bisherigen Filme), der war gewarnt, daß jetzt Hochzeitsglocken läuten müssen, denn die noch menschliche Bella hatte vor ihrer Verwandlung zu einem Vampir (schließlich wird man ja nicht jünger und der Galan bleibt seit 100 Jahren stabile 18 Jährchen jung) noch einen Ringetausch zu absolvieren.
Für die Umsetzung hatte man sich Bill Condon herangeholt, der zuvor mit "Gods and Monsters", "Kinsey" und "Dreamgirls" durchaus ein Händchen fürs spezielle Zwischenmenschliche hatte und von dem gute Handwerksarbeit zu erwarten war, was angesichts der anämischen Vorlage auch vonnöten war.
Die gute Nachricht: der Mann weiß, was er mit marginalem Material anzufangen hat.

Also darf sich die Fangemeinde erstmal an der pazifischen Waldhochzeit unserer Liebesvögel erfreuen, denn nichts haben Twilight-Fans mehr erwartet, als endlich die nötige Ausgangsposition zu erreichen, daß die beiden endlich in der Kiste landen. Etwaigen Ballast, wie das unvermeidliche Entblößen des nackten (und muskulösen) Oberkörpers von Liebesrivale und Wolfsgestaltwandler Jacob (Taylor Lautner) arbeitet man gleich in der ersten Filmminute ab, dann kann der Spaß losgehen, wenn sich die holde Bella endlich endgültig entschieden hat.
Also ran an die Zeremonie, die dank des letztmaligen Einsatzes aller Nebendarsteller (Papa Sheriff, Mama Eso-Macke, freundlich lächelnde Ex-Mitschüler und einer Heerschau von blaßen Vampirgästen), recht amüsant ausfällt und verletzt wird dann auch niemand. Anschließend düst man in die Flitterwochen, ergeht sich am Zauber Rio de Janeiros und schifft sich dann auf eine einsame brasilianische Insel ein, wo die Vorbereitungen zur Hochzeitsnacht den komödiantischen Höhepunkt der ganzen Saga abliefern.

Condon hat den Dreh raus, irgendwo zwischen spannungslösendem Nervositätsgehibbel und posterfähigem Extremkitsch (Bucht, Nacht, Vollmond, glitzernde Brandung, ein nackter Robert Pattinson bis zur Hüfte im Wasser), schafft er es, das hochnotpeinliche Vollziehen der Ehe so klinisch rein wie unterhaltsam rüberzubringen und gleichzeitig dezent zu verhüllen, daß man angesichts des Kino-Ratings sowohl auf "full frontal nudity" wie auch auf jegliche Brustwarze von Frau Stewart oder echt schwitzige Bettakrobatik verzichten muß.
Am nächsten Morgen ist das Bett demoliert, zwölf Pfund Federn fliegen durch die Gegend und die Braut ist grün und blau, so ein Vampir geht eben beim Sex wirklich tierisch ab. Was grotesk hätte wirken können, verursacht hier zum Glück nur ein angemessenes Schmunzeln.
Folglich schwört der übervorsichtige Galan dem Sex ab und beschäftigt seine inzwischen angegeilte Ehegattin anderweitig, was die aber notgedrungen hinnimmt, bis ihr der Verzehr eines Hühnchens (bratreif) ankündigt, daß der einmalige Koitus ein Volltreffer war und sie einen Braten in der Röhre hat. Und der Wachstumsrate und dem Hungergefühl zufolge einen Satansbraten.

Damit wäre schon geklärt, hier kommt endlich mal so etwas wie ein Plot zwischen den aufgebauschten Gefühlsduseleien zustande, Abtreiben oder Austragen ist die Frage und das beschäftigt alsbald nicht nur die ganze Vampirsippe, sondern auch die wölfischen Beschützer rund um das waldreiche Fforks. Natürlich geht auch das nicht ohne die üblichen Wutanfälle, das viele düstere Grübeln und die allseits bekannten betretenen Blicke ab, die die Story für viele Mitschwärmer so unnachahmlich machen, aber der Einsatz der Wolfssippe, vieler anderer Nebendarsteller (mit Fängen oder ohne) und die Sorge um den allmächtigen Vampirrat im fernen Italien werten den Plot zumindest ein bißchen in Richtung strukturierte Unterhaltung auf.

Wer nicht weiß, was kommt (und das sollten vermutlich eher die wenigsten Kinobesucher sein), der wird den rasanten Entwicklungsprozeß des Fötus und seine Folgen (Blutdurst!) sogar einigermaßen spannend oder bedrohlich finden und der Konflikt zwischen Wölfen und Vampire kocht dann auch etwas hoch, wenn man dazu die Vorlage ausnahmsweise etwas mutieren lassen mußte, sonst hätte man keinen so unterhaltsamen finalen Höhepunkt gehabt, bei dem nicht nur schmackhaft eine Plazenta aufgebissen werden muß, sondern es auch wieder ordentlich Kloppe gibt.

Es ist und bleibt natürlich kein Pulitzermaterial, was da abgefrühstückt wird, aber immerhin ist "Breaking Dawn" der am wenigsten ärgerliche Teil, weil die Hauptfiguren etwas von der Dynamik mitbekommen, die die Geschichte jetzt mitreißt.
Das alles ist immer noch "cheesy", die Dialoge dünne und die Romantik hängt am seidenen Faden (vor allem Pattinson reißt seine Rolle zwangsläufig nach Schema F runter, während Lautner so aufdringlich den seelisch-amurösen Aufruhr hinchargiert, daß einem Angst und Bange wird), aber die vielen Figuren auf einem Haufen tun dem Klischee ganz gut und die Tricks und Action hat das gewohnt solide Niveau, das schon in Teil 3 zum Einsatz kam.
Stewart hat ungefähr die nötige Balance gefunden und ihr unvermeidlicher Verwandlungsprozeß in einen Vampir zählt sicherlich zu den (überschaubaren) Höhepunkten der Filmreihe, auf die in der Folge jetzt nur noch der große Vampirkonflikt folgen kann, der eigentlich nicht mehr für einen weiteren Film genügt, aber wohl irgendwie reichen muß.

Ansonsten bleibt alles beim Alten, was die innere Moral anbetrifft, gepoppt wird erst in der Hochzeitsnacht; Lebensgefahr wird dezent ausgeblendet und ungeschützter Sex kommt gar nicht gut - woraufhin sich wirklich alle guten Leute irre ins Zeug legen, um den Tag zu retten, was halbwegs darüber hinwegtäuscht, daß es diesem Film an einem wirklichen Gegenspieler mangelt, stattdessen gibt es hier nur innere Konflikte zu klären und eine Zeitlang wirken die (buchgetreuen) breit ausgespielten Konflikte innerhalb des Wolfsrudels sowieso interessanter, weil sie einige nette Westernmotive wieder aufgreifen.
Condon holt hier das Maximum raus, im Anschluß bleibt eher die Frage, wie der Rest des Buches noch dramaturgisch funktionabel zu einem weiteren Blockbuster aufgekocht werden kann, denn außer Gewöhnung, Training und dem eher "trockenen" Abschlußkonflikt hat die Vorlage nicht viel mehr zu bieten, als etwa in knapp 75 Minuten passen würde, außer man dehnt die Dramaturgie wieder.

Bis es aber soweit ist, bleibt "Breaking Dawn" für Kostverächter wieder der übliche hochnotpeinliche Puritanermurks, der er schon immer war, während die Fans sich eigentlich halbwegs verstanden fühlen sollten, schließlich trägt man hier auch endlich mal einer Spannungskurve Rechnung und endet auf einer hohen Note. Etwas mehr Drive und Spannung tun dem Stoff gut und der Rocksong zum Abspann beweist schon, daß das Gefühlsgedusel (oder Gedüdel?) nicht ewig weitergesponnen werden konnte.
Weniger Sülze, mehr Einlage. (6/10)

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