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Martin Scorsese hat sich in seinem Film "Hugo" nichts weniger vorgenommen, als die Magie des Kinos zu entdecken - und das gleich auf mehreren Ebenen.

Er verwendet die neueste 3D-Technik und verbindet sie mit einem der schönsten Orte - das Paris der 20er Jahre, mitten in einem malerischen Winter. Scorsese versucht gar nicht erst den Eindruck historischer Genauigkeit zu entwickeln, sondern malt dieses Paris mit dem erleuchteten Eifelturm und seiner wunderschönen Dachlandschaft auf die Kinoleinwand. Selbst der Schnee scheint nie schmutzig zu werden, und wenn Hugo (Asa Butterfield) mit seinen dünnen, nackten Beinchen draußen herum stapft, wirkt er nie so, als müsste er frieren.

Es sind auch die Kinderaugen, aus denen der Ort gesehen wird, der die meiste Zeit im Mittelpunkt steht - der Hauptbahnhof von Paris. Für Hugo, der in den Eingeweiden des Bahnhofs lebt, gleicht dieser Ort einem riesigen Spielplatz mit Schlupflöchern, Geheimgängen und Treppenanlagen, die ihn ganz hoch in den Turm führen oder über die Gleise in die Hängeuhr, wo er dafür sorgt, dass die Uhren immer aufgezogen und pünktlich sind. Kein Wunder, dass ihn der Bahnhofsinspektor (Sacha Baron Cohan) nie schnappt, denn Niemand kennt sich hier besser aus als Hugo. Scorsese inszeniert die Verfolgungsjagden zwischen dem Polizisten, den eine Kriegsverletzung behindert, und dem Jungen als Slapstickeinlagen, mit langen Kamerafahrten, hoher Geschwindigkeit und viel entstehendem Chaos, die an Klassiker des Stummfilms erinnern und damit an den Beginn des Kinos.

An diese Zeit erinnert auch der Automat, den der geschickte Hugo zu reparieren versucht. Dieser mechanische Roboter hat nicht nur einen traurigen Gesichtsausdruck, sondern fungiert als Bindeglied zwischen den abenteuerlichen und witzigen Geschehnissen und einer tiefen Tragik, die sich hinter dieser Figur verbirgt. Da ist zum Einen der Tod von Hugos Vater (Jude Law), der kurz vor dem Feuer - Unglück damit beschäftigt war, den Automaten zu reparieren. Doch auch den merkwürdigen alten Mann (Ben Kingsley), der einen kleinen Spielzeugladen im Bahnhof betreibt, scheint etwas damit zu verbinden, denn als er Hugo bei einem seiner kleinen Diebstähle erwischt, mit denen dieser sich Ersatzteile für den Automaten organisiert, entwendet er ihm das Notizbuch von Hugos Vater, in dem dieser die Funktionen und Reparatur des Roboters beschreibt.

Obwohl Hugo verzweifelt versucht, das Notizbuch wieder zurück zu bekommen, und dabei auch die Hilfe von der gleichaltrigen Isabelle (Chloe Grace Moretz) ersucht, die im Haus des alten Mannes lebt, verbrennt dieser das Buch, obwohl es dafür keinen ersichtlichen Grund gibt. Als Hugo deshalb wütend auf Isabelle ist, stürzt sie inmitten der Menschenmassen des Bahnhofs. Ihr zu Hilfe eilend entdeckt er den Anhänger, den sie am Hals trägt - es ist der Schlüssel mit einem herzförmigen Bart, mit dem der Automat aufgezogen werden muss. Der Kreis beginnt sich zu schließen...

Alles in Scorseses Werk hat irgendeinen Zusammenhang, jede Figur, egal ob es das Blumenmädchen ist oder die ältere Dame, die nie mit dem Herrn reden kann, der sie ganz offensichtlich verehrt, weil ihr Hund diesen immerzu ankläfft und zu beißen versucht, fügt sich in ein großes Werk ein, das für alles eine Lösung findet. Dahinter verbirgt sich die Magie des Kinos, das abenteuerlich, märchenhaft und tragisch ist, aber immer die Augen seiner Betrachter im Sinn hat - am Ende ist bei Scorsese das Kino selbst der eigentliche Hauptdarsteller.

Jeden Moment des Films spürt man diese Intention, wird von der Bildgewalt überwältigt, der perfekten Ausstattung und dem hohen Anspruch, der auch die 3D-Technik mit ein bezieht, aber mit der Magie hat es etwas eigenartiges an sich - man kann sie nicht vorbestimmen, sie lässt sich nicht in Regeln pressen und bleibt immer ein individuelles Empfinden. Die Ästhetik, die Scorsese wählte, orientiert sich an konventionellen Sehgewohnheiten und bedient ein allgemeines Schönheitsempfinden. "Hugo" riskiert keinen Widerspruch, keine Konfrontation, sondern bleibt trotz kleiner Spannungsmomente sehr harmonisch. Darüber hinaus fehlt der Story lange Zeit die Differenzierung der Charaktere und kann nicht wirklich packen, weshalb der Film sich ein wenig in Schönheit verliert.

Erst zum Schluss, als Ben Kingsley zu großer Form aufläuft, entwickelt "Hugo" die notwendige Dynamik und Emotionalität. Doch wenn man in diesen schönsten Momenten des Films genau hinsieht, entdeckt man gewagte Konstruktionen, eine riskante Ästhetik und experimentelle Versuche. Nicht im hier und jetzt des neuen "Hugo", der sich in ein altes Gewandt kleidet, sondern in den frühen Kinofilmen, die ihre Magie einfach daraus entwickelten, dass sie etwas riskierten (6/10).

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