Großes Kino
„Du kleiner Dieb!“
Nach „Shutter Island“ machte sich der US-amerikanische Ausnahmeregisseur Martin Scorsese („Taxi Driver“) an die Verfilmung des Kinderbuchs „Die Entdeckung des Hugo Cabret“ aus der Feder Brian Selznicks, wofür Scorsese erstmals die 3D-Technik einsetzte. Der Film aus dem Jahre 2011 ist eine Mischung aus familiengerechtem Fantasy-Abenteuerfilm und märchenhaftem Mystery-Drama – vor allem aber eine Liebeserklärung ans Kino.
„Zeit ist alles... alles.“
Im Paris des Jahres 1931 ist der Winter ausgebrochen. Vater (Jude Law, „Gattaca“) und Onkel (Ray Winstone, „Departed – Unter Feinden“) des 12-jährigen Hugo Cabret (Asa Butterfield, „Wolfman“) sind verstorben; als Vollwaise lebt der Junge im Pariser Bahnhof, wo er unbemerkt die Arbeit seines Onkels fortführt, indem er regelmäßig alle Uhren aufzieht. Dennoch muss er ständig vor dem Stationsvorsteher (Sacha Baron Cohen, „Borat“) auf der Hut sein, was indes nicht schwer ist, da dieser aufgrund eines Kriegsleidens ein Bein nachzieht. Hugos großes Ziel ist es, das Erbstück seines Vaters, einen alten roboterartigen Schreibautomaten, wieder zum Laufen zu kriegen. Die benötigten Ersatzteile entwendet er nach und nach dem Spielzeughändler Georges (Ben Kingsley, „Sneakers – Die Lautlosen“), der ein Ladengeschäft im Bahnhof betreibt. Als dieser ihn dann doch einmal auf frischer Tat ertappt, konfisziert er das Notizbuch Hugos Vaters, das die technischen Skizzen des Roboters enthält. Doch Georges Enkelin Isabelle (Chloë Grace Moretz, „Kick-Ass“) ist auf Hugos Seite und hilft ihm dabei, das Büchlein zurückzubekommen. Dabei stoßen sie auf ein wohlgehütetes Geheimnis…
„Mein Vater hat mit mir immer Jules Vernes gelesen!“
Scorsese eröffnet seinen Film mit einer wundervollen Kamerafahrt durch den Bahnhof und etabliert eine märchenhafte Steampunk-Ästhetik. Man lernt Hugo mit seinen strahlend blauen Augen u.a. über Rückblenden kennen. Dieser schleicht sich in einen Charley-Chaplin-Film im Kino, an dessen Slapstick die Versuche des Stationsvorstehers erinnern, Hugo zu schnappen. In Dialogen wird sich über tatsächlich existierende frühe Spielfilme unterhalten. Der Roboter zeichnet überraschend eine Szene aus Georges Méliès‘ bahnbrechendem Pionierwerk „Die Reise zum Mond“, historische Filmliteratur René Tabards wird zitiert, der daraufhin als von Michael Stuhlbarg („A Serious Man“) verkörperte Filmfigur persönlich in die Handlung eingreift, und Ausschnitte aus historischen Filmen werden implementiert. Keine Frage: „Hugo Cabret“ ist ein (Meta-)Film über die Magie des Kinos.
„Wenn du deine Bestimmung verlierst, gehst du kaputt!“
Um näher und weiter zu beschreiben, was diesen Film, in dem es ganz steampunkig ständig irgendwo dampft und der seine supertraurigen Momente mit der Vermittlung der Faszination fürs Kino kompensiert, aus- und so besonders macht, muss ich die entscheidende Wendung spoilern. Wer „Hugo Cabret“ noch nicht gesehen hat (und auch den Roman nicht kennt), dies aber noch vorhat, hört hier also besser auf zu lesen. Für alle anderen: Handlung und Inszenierung werfen von nun an (neue) Fragen auf und wandeln sich. Méliès sei tot, heißt es, und Träume werden bizarr verschachtelt visualisiert, einer von ihnen entpuppt sich als Méliès-Reinszenierung. „Hugo Cabret“ bekommt nun biografischen Charakter, zeichnet Méliès als verbitterten alten Mann, der mit seinem Werk hadert. In Rückblenden stellt Scorsese Méliès‘ Dreharbeiten nach. Sein Film wird zu einer Ehrerbietung an Méliès, der hier stellvertretend für die große Magie das phantastischen Films und einfallsreich getrickster Spezialeffekte steht. Er handelt von Inspiration, von den Anfängen des Kinos und zugleich der grausame Zäsur, die ein Krieg darstellt. Zugleich sensibilisiert Scorsese für die Relevanz des Erhalts populärkulturellen Erbes, das er mit seiner Film Foundation selbst vorantreibt.
„Vielleicht ist es an der Zeit, zurückzublicken.“
Ein Bahnhof als Mikrokosmos immergleicher Figuren, mehrere Kriegstraumata aufweisende Charaktere – der Erste Weltkrieg lag über ein Jahrzehnt zurück, doch was folgte? Die Scheißnazis, die alles wieder kaputtmachten. Gut, dass Hugo & Co. das in diesem Film noch nicht wissen können. Auch so ist Scorseses Inszenierung mitunter ziemlich aufregend, bleibt aber familientauglich. Eine cineastisches Publikum, das einiges Vorwissen mitbringt, dürfte an „Hugo Cabret“ ebenso seine Freude haben wie eine in erster Linie am Märchenaspekt interessierte Zuschauerschaft, die sich an den kunterbunten, eventuell etwas zu gelackten, glatten, „perfekten“ Bildern und den 3D-Effekten labt und auf diese Weise vielleicht etwas von „Opa“ Scorsese Begeisterung gerade auch für die Ursprünge mit auf den Weg bekommt. Alle dazwischen sehen schlicht einen hervorragend inszenierten, insbesondere vom jungen Butterfield super gespielten, äußerst unterhaltsamen und liebevollen Film, in dem Scorsese und Autor Selznick übrigens in Cameos auszumachen sind. Am Schluss lässt Scorsese noch einmal Original-Kinoausschnitte Revue passieren – und wird Isabelle zur Autorin. Über Hugo Cabret. Denn auch dessen faszinierende Geschichte muss festgehalten und konserviert werden, damit sich jüngere Generationen an ihr erfreuen können.
Zurecht mit fünf Oscars prämiert.