Es ist schon ein eigenartiges Gefühl, wenn die Engländer anfangen, die kreativen Pfunde zu "bashen", mit denen sie eigentlich wuchern sollten: die britische Ensemblekomödie für den Feelgoodabend, in dem sich überwiegend am Ende alles zum Guten wendet, nachdem die Figuren sich selbst und ihr Schicksal akzeptiert oder überwunden haben.
"Best Exotic Marigold Hotel" kriegte selbst im Heimatland durch mäßige Kritikerstimmen zu hören, die den namhaften Cast zwar lobten, dem Film jedoch ein Abgedroschenheitszeugnis ausstellten, das maximal durch Niedlichkeit punkten kann.
Ganz so hart muß man mit dem Film dann aber doch nicht ins Gericht gehen, denn etwas Feelgoodware für ältere Zuschauergenerationen oder zumindest ein reiferes Publikum tut dem jugendlich ausgerichteten Filmmarkt mal ganz gut, wie auch "Ziemlich beste Freunde" bewies. Die zahlende Menge kam dann auch in England in Scharen und wetzte die Scharte wieder aus, was John Madden, einstmals gelobt für "Shakespeare in Love", dann aber mit einer kreativen Pechsträhne ("Corellis Mandoline", "Proof", "Killshot") geschlagen, zugute kommt.
Der inszeniert den Film über das Älterwerden und dem Drang, noch einmal neu anzufangen, sofern man kann, nämlich mit leichter Hand und Sinn für schöne Bilder, die zwar nicht ein bißchen die indischen Realitäten verhätscheln, aber durchaus auch ernste Themen nicht verleugnen.
Auch "Slumdog Millionär" (hier wie da dabei: Dev Patel) gefiel sich im Spagat zwischen wundersamen Unterhaltungsanspruch mit Bollywoodzügen und einigen Spitzen in die Richtung der indischen Klassengesellschaft, ohne jetzt den definitiven Film zum Thema Indien abzuliefern. Wenn man mäkeln will, dann muß man allerdings sagen, daß die Schattenseiten des Landes hier zugunsten einer latenten Postkartenatmosphäre mit Entwicklungslandanklängen beschönigt werden.
Im Fokus stehen dann auch mehr die sieben Pensionäre, die aus unterschiedlichen Gründen in ihrer Heimat nicht mehr froh werden, aber dann doch nicht stillhaltend auf den Tod warten wollen. Auch in "merry old england" ist nicht alles ganz so stubenrein, wie man anhand kleiner Episödchen zu jedem Charakter am Start spüren kann.
Evelyn (Judi Dench) ist seit einiger Zeit Witwe und fühlt sich verlassen; Muriel (Maggie Smith) hat man als Haushälterin aufs Altenteil geschoben und muß eine neue Hüfte bekommen, die am schnellsten in Indien zu haben ist, was bei ihrer grassierenden Abneigung gegen alles Nicht-Rein-Britische recht schwierig ist. Douglas und Jean (Bill Nighy, Penelope Wilton) leiden zu Pensionärszeiten darunter, daß sie ihre Ersparnisse ihrer Tochter gegeben haben, die damit ein Start-Up-Unternehmen hochziehen will und sich nun nichts Angemessenes leisten können; Graham (Tom Wilkinson) hat noch eine Schuld zu begleichen und Madge wie Norman (Ronald Pickup, Celia Imrie) sind einfach nur einsam und fühlen sich zu lebendig, um in traditionellen Rollen zu vereinsamen.
Allesamt Probleme, die viele ältere Menschen umtreiben, die keine große Rolle im Leben ihrer Kinder oder Mitmenschen spielen können, dürfen oder wollen - und noch auf etwas Selbstbestimmung pochen.
Da kommt Sunny (Patel) mit seinem ruinösen Bruchhotel, ein ehemaliger Maharadscha-Palast, gerade recht, der die nötige Motivation und Vision hat, allerdings nicht die organsatorischen und monetären Fähigkeiten, dies auch umzusetzen. Dennoch bemüht er sich nach Kräften um seine einzigen Gäste, die zwischen Staub, Verfall, technischen Unzulänglichkeiten und gewöhnungsbedürftigem Essen hin- und hergeworfen werden.
Da auch Sunny zwischen Hotelproblemen, Finanzierung, seiner reichen Mutter und seiner hübschen Beinahe-Verlobten unterwegs ist, bleibt für all die Träumer und Neuanfänger nur der Schritt nach vorn, in die Massen auf der Straße, das neue Klima, die Exotik, das ungewohnte Ambiente - und wie sich herausstellt, der Schritt in eine Gesellschaft, in der ältere Leute noch etwas gelten, sofern man seine eigenen Fähigkeiten wiederentdeckt.
Bei so einem Großensemble zerfällt ein Film automatisch in Episoden, doch das Skript verwebt einzelne Figuren immer wieder wechselhaft mit ihren Schicksalen, führt sie zusammen und auseinander und geht dabei so behutsam vor, daß man zwar erahnen kann, was geschehen wird, aber längst nicht alles sicher ist, wie man das vermutet.
Patels Handlungsstränge sind dabei eher ein munteres Liebes- und Karriere-Tralala, die das teilweise ernsthafte Geschehen um die Pensionäre aufheitern soll, dem aber wirklich seriöse Spitzen fehlen, so daß es über ein Kinomärchen hinauswachsen kann. Am subtilsten geht man noch beim altgedienten Ehepaar vor, daß erst ganz nach und nach offenbart, wie sehr sich Mann und Frau hier auseinandergelebt haben in 40 Jahren Ehe und wie ein Ortswechsel diesen Abnabelungsprozeß beschleunigen kann. Praktisch mimiklos stolziert Nighy in bester Buster-Keaton-Manier durch den Film, läßt sich britisch steif von allem verzaubern, während Jean ihre gesamte Zeit furchtsam im Hotel verbringt und eigentlich nur nach Hause möchte. Dench darf das nötige Gefühl einbringen, wenn sie sich einen Job sucht und gleichzeitig einen Generationenausgleich herbeiführt und Wilkinsons schwuler Richter ist die tragische Figur, bei allen beliebt und doch in alter Schuld gefangen. Die unzerstörbare Maggie Smith taugt zunächst nur als offensichtlicher Pointenlieferant, die kein Fettnäpfchen der schlimmsten Sorte auslassen darf, muß dann mühsam dazulernen, bis sie merkt, was ihr eigentlich fehlt. Nicht die körperliche Gebrechlichkeit ist das Problem, ihre Tätigkeit läßt sie schließlich wieder blühen. Und die angegrauten Schwerenöter sorgen dazu für ein paar amuröse Jokes auf Viagrabasis, bleiben dabei aber immer geschmackvoll und gehen das Problem der Zweisamkeit im Alter recht geschmackvoll an. Fremdschämen ist zum Glück nicht Maddens Sache.
Daß da dabei ein buntes Filmmosaik herauskommt, das niemals richtig realistisch oder geschlossen wirkt, ist unvermeidbar, so vielfarbig wie Indien hier präsentiert wird, soll auch der Film sein. Der Vorlage wäre vermutlich mit einem TV-Vierteiler mehr Gerechtigkeit wiederfahren, manches scheint hier dauernd für einen Schmunzler zu kurz zu kommen und die "Alles wird gut"-Maxime wurde selten so penetrant transportiert, Patel muß sie sogar den ganzen Film über wortwörtlich äußern.
Dennoch: auch solche Filme braucht der Mensch und solange man mit solchen Geschichten die Realität für ein paar Stunden vergessen kann, bin ich dafür, daß das Königreich weiter diese Art von Dramödien produziert, damit sich auch alle über 39 vielleicht mal wieder angeregt fühlen, eine gute Geschichte nicht nur in Büchern oder dem Fernsehen zu suchen. (7/10)