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Nouvelle Sowjet Vague

Die Leben zweier sehr unterschiedlicher Frauen kreuzen sich und kollidieren mehrfach unerwartet, wenn die eine die andere als Haushaltshilfe anstellt - ohne zu wissen, dass sie ein Verhältnis mit ihrem vielreisenden Ehemann hatte und noch immer starke Gefühle für ihn empfindet…

Staat und Herz gehen nicht immer Hand in Hand

„Kurze Begegnungen“ war in der Sowjetunion, seiner Heimat und Inspiration, lange Jahrzehnte verboten und versteckt. Nun gibt es ihn seit einigen Jahren zur Wiederentdeckung für alle Weltkinofans - und es lohnt sich! Kira Muratovas staatskritisches wie intimes Dreiecksbeziehungsdrama nimmt sich deutlich ein Beispiel an der „New French Wave“, die gegen Mitte der 60er selbstredend kaum umgänglich schien. Auch im abgeschotteten Russland. Doch verleiht sie ihrem sehr femininen wie ehrlichen, teils halbwegs romantischen, teils desillusionierenden Damendrama einen ganz eigenen, russischen Spin. Alles scheint kälter und im Konflikt mit der staatlichen Fremdbestimmung. Zwischen Geologie und Herz, zwischen Politik und privaten Paukenschlägen. Zwei äußerst attraktive und eigene Frauen. Kein Zickenkrieg, kein Pathos, kein Kitsch. Nur Traurigkeit und das Zurückstecken der eigenen Interessen. Die letzten Entscheidungen und Momenten sind unvergesslich und eindringlich. Die Bildsprache ist kontrastreich, ideenreich und elegant. Die Gesichter wirken gerade für uns Westler komplett frisch. Und der russische Blickwinkel ist äußerst interessant - und lässt sich selbstredend auch auf andere freiheitsraubende Staatsapparate und Systeme übertragen… Doch „Brief Encounters“ funktioniert wie gesagt auch einfach als dreifach tragische Liebes- und Leidenschaftsgeschichte. Da muss man nicht alles trocken politisch und gesellschaftlich deuten. Aber man kann es. Sollte man sogar wahrscheinlich. Gerade bei der glasklaren und bändesprechenden Rezeption in seiner Heimat bzw. vom Staat Russland. Nicht vom Land Russland. 

3 ist nicht immer 'ne Party

Wer weiß, was da in Russland noch alles für unentdeckte und unterschätzte Perlen unter Schnee, Eis und Kommunismus schlummern… 

Fazit: umschlungene russische Vignetten, die ziemlich nachdrücklich und mutig zeigen, wie sehr Privatleben und Ideologie, Bürger und Politik, Menschen und Land auseinanderliegen können. Und zeitgleich nebeneinander existieren und sich beeinflussen. „Kurze Begegnungen“ - bleibende Wirkung! 

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