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Die jüdische Mottenkiste des Grauens – viel besser als ihr Ruf!

Manchmal ist es gut, wenn man sich trotz durchwachsener Kritiken selbst ein Bild macht. THE POSSESSION wird beleibe kein Exorzismus Klassiker und ist alles andere als perfekt. Er erfindet auch das Genre nicht neu, aber Regisseur Ole Bornedal weiß, wie man eine Geschichte stimmungsvoll aufbaut, spannend erzählt und die Schauspieler entsprechend ihren Fähigkeiten ausreizt. THE POSSESSION hat von Anfang an eine immer mehr hypnotische Bildsprache und besticht durch den Einsatz von zunächst zurückhaltender Musik und langsamen Kamerafahrten um dann durch sehr gutes Timing in den richtigen Momenten gezielte Schockmomente zu produzieren.

Mann kann THE POSSESSION alles vorwerfen, nur nicht, dass er nicht spannend ist und die Story (OHNE SPOILER!) der Familie mit den 2 Mädchen und ihrer Probleme mit einer Holzkiste mit ungewissem Inhalt mutet zwar lapidar an, aber die wenigen Schauspieler und allen voran die junge Em (Natasha Calis) verkörpern Ihre Rolle sehr intensiv. Sehr gelungen ist ihre Charakterzeichnung ihrer seelischen Veränderung und in der Interaktion mit ihrem familiären Umfeld. Sie wirkt sehr creepy und ist dabei nicht meilenweit entfernt von der Performance einer Linda Blair in DER EXORZIST, auch wenn der ganze Film sich nicht im Geringsten mit diesem Klassiker messen sollte.

Aber THE POSSESSION ist deutlich hochwertiger als viele ähnliche EXORZIST- Epigonen der letzten Jahre und braucht noch nicht einmal viel Gewaltszenen um seine Wirkung zu erreichen. Die FSK 18 ist dabei natürlich mehr als übertrieben. Vielleicht kann er von der Qualität noch mit DAS RITUAL (THE RITE) verglichen werden. Der oft bei Nicht-Blockbuster-Horrorproduktionen herumfliegende lustige Trash-Vogel bleibt zudem schön auf seiner Asylum-Stange sitzen. Dafür sorgt neben der sehr soliden schauspielerischen Leistung bei der die Erwachsenen eher nicht gefordert wurden, wie gesagt auch die gut komponierte Kamerarbeit mit einer Reihe ungewöhnlicher Perspektiven für Highlights.

Relativ oft wird einfach mal aus Fusshöhe gefilmt, das ist natürlich die Perspektive der Kiste, aber erinnert auch an...? na ? z.B. EVIL DEAD. Das soll natürlich auch nicht als Vergleich mit diesem unerreichten alltime Klassiker aufgefasst werden. Aber der Film zitiert halt geschickt und indirekt wo er kann und macht Genre-Kenntnisse sichtbar. Von Anfang macht THE POSSESSION auch reinen Tisch und es ist klar, dass das Unheil nicht nur indirekt über die Familie kommt. Der Bruch, der in manchen Filmen entsteht wenn das vorher ungesehene Grauen dann explizit auftritt, wird erfolgreich vermieden.

Sehr geschickt wurde auch das einmalige verstörende, aber auch psychologisch-tiefgründige Cover des Films gewählt, welches sicherlich nicht nur mich schon ohne den Film zu kennen für den Film eingenommen hat. Als Szene im Film – so viel kann verraten werden – kommt diese Szene in der so dargestellten Form gar nicht vor. Es gibt natürlich auch leichte logische Schwächen und im Vergleich würde ich auch einen SINISTER, ORPHAN oder auch INSIDIOUS vorziehen, wobei THE POSSESSION keinerlei aufgelockert-humoristische Elemente enthält und bewusst todernst daherkommt.

Der dänische Regisseur Ole Bornedal hat mit FREEZE schon einen Thriller-Klassiker geliefert und mit DELIVER US FROM EVIL und BEDINGUNGSLOS auch zwei Psycho-Dramen bzw. Thriller erster Klasse kreiert. Mit THE POSSESSION gelingt ihm ein absolut solider Beitrag zum Genre,  der die einigermaßen unterkühlte nordisch intensive Bildsprache mit US- Produktionsmitteln aufpeppt und mit einer phänomenalen jungen Hauptdarstellerin zu einem spannenden Stück Horrorkino ohne Klassikeranspruch macht.

6,5/10 Mottenkugeln....äh,....Punkten

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