Regisseur Hans Weingartner, uns allen bekannt durch DAS WEIßE RAUSCHEN oder DIE FETTEN JAHRE SIND VORBEI, mit seinem neuesten Streich namens DIE SUMME MEINER EINZELNEN TEILE, einem Drama um den psychisch kranken Martin, der in Alltag und Großstadtleben immer weniger klar kommt, sich ausklinkt und sein Quartier im Berliner Buchenwald aufschlägt.
Schaffte es DAS WEIßE RAUSCHEN glaubhaft den Zustand einer unter einer Psychose leidenden Person bzw. wie es ist, wenn man auf einem Drogentrip hängen bleibt, darzustellen, scheitert DIE SUMME MEINER TEILE kläglich. Die Darsteller, darunter Peter Schneider (BAADER MEINHOF KOMPLEX) und Julia Jentsch (SOPHIE SCHOLL), spielen nicht überzeugend. Die Figur des Martin ist unglaubwürdig und verwaschen inszeniert: Martin wird zu Beginn des Films aus der Psychiatrie entlassen. Um geistig gesund zu bleiben muss er täglich eine Unzahl an Psychopharmaka schlucken. Seine Verlobte und den Job als Mathematiker ist er durch den langen Klinikaufenthalt los, was ihn ein tristes, einsames und unerfülltes Dasein in einer Sozialwohnung fristen lässt. Auf die Medikamente hat Martin schon bald keinen Bock mehr, woraufhin sich die Schwierigkeiten im Alltag zu recht zu finden häufen. Es folgt die Zwangsräumung seiner Wohnung, was Martin in den Status eines Obdachlosen versetzt. In einer baufälligen Ruine, die ihm als Nachtquartier dient, lernt er den 10-jährigen, ukrainischen Jungen Viktor kennen. Zwischen den beiden verlorenen Seelen entsteht eine tiefe Freundschaft. Gemeinsam ziehen sie in den Wald, bauen sich dort eine Hütte und vergessen die Folter der Großstadt. Das Glück zerbricht, als Martin wieder von der Polizei gefangen und in die Psychiatrie gebracht wird. Dort offenbart ihm seine Psychologin [ACHTUNG : JETZT SPOILERT’S! – im Grunde verrät der Trailer aber genauso viel!], dass er unter einer Psychose leidet und er sich Viktor nur eingebildet hat. Dies kann Martin nicht glauben und auch als Zuschauer wird man bis zum bitteren Ende im Dunkeln darüber gelassen, ob Viktor nun real oder nur ein Hirngespinst ist. [SPOILER ENDE]
Der Film scheint entweder nicht genau zu wissen, was er will, oder seine Hausaufgaben in psychiatrischer Krankheitslehre nicht ordentlich gemacht zu haben. Nehmen wir einmal die Figur des Martin. Unter was soll er nun eigentlich leiden: Burnout? Dann hätte er keine Halluzinationen. Ist er ein Alkoholiker (Martin ext nämlich ab und an ne Pulle Wodka)? Dann müsste sein Konsum regelmäßiger sein, nicht nur ab und an, auch wirkt Martin nie berauscht oder schlottert unterm Entzug. Oder leidet er an einer Schizophrenie? Dann, liebe Mädels und Jungs, dürfte es ihm wohl kaum möglich sein, in freier Wildbahn ohne fremde Hilfe allzu lange zu überleben. An einer Psychose leidende Personen sind meistens verhaltensauffällig. Rationale Handlungen, wie das Bauen einer Unterkunft aus Ästen und Plastikfolie, um sich vor Regen und Kälte zu schützen, bekommen die wenigsten von ihnen auf die Reihe. Ihre Psychose erzeugt einen Leidensdruck. Ängste, Paranoia, Eigen- und Fremdgefährdung sind die Folge. Klar: Das Entfernen von Stressoren wie Lärm und Reizüberflutung, sprich: das Verlassen der Stadt, kann in der Tat einen therapeutischen Effekt in Form von psychischer Besserung bewirken.
Ich hoffe, ihr seht, worauf ich hinaus will. In Martin vereinen sich alle möglichen psychischen Stressreaktionen. Der Film schlonzt sie uns als wahres Sammelsurium hin. Mit irgendeinem, so scheint die Rechnung der Macher, wird sich der Zuschauer schon identifizieren können.
Ist unsere Hauptperson schon zu ungenau erfasst, zieht sich dieses Wischiwaschi leider wie ein roter Faden durch den ganzen Film. Die Beziehung zwischen Martin und Viktor – es soll sich dabei um eine tiefe Freundschaft handeln – hat null Tiefgang und entbehrt jeder Grundlage. Beide sitzen lediglich im Wald, schweigen viel, liegen im Gras und grinsen in die Bäume. Absolut überflüssig ist die Einführung der Figur der Lena. Martin lernt die junge Zahnarzthelferin zufällig kennen. Beide beschließen sie am Ende nach Portugal auszuwandern, was schon einem geballten Schwachsinn gleichkommt, handelt es sich doch nur um eine flüchtige Bekanntschaft.
Stress, Versagensängste, Großstadtkoller, Fernweh – so was kennt jeder. Auf diese „Städterkrankheiten“ und Fluchtreaktionen baut DIE SUMME MEINER EINZELNEN TEILE auf. Wahrscheinlich geht es dem Film im Endeffekt viel mehr um diesen inneren Drang, endlich man selbst sein zu wollen, als um die realistische Darstellung irgendwelcher psychischen Krankheiten. Doch auch diesen Drang, diesen unterdrückten Urinstinkt nach Freiheit und Ungebundenheit hat man bereits in anderen Filmen (siehe INTO THE WILD, 127 HOURS und sogar in einigen deutschen: ABSOLUTE GIGANTEN, DER FREIE WILLE) weitaus eindrucksvoller zu spüren bekommen.
Fazit:
Psycho-Kuddelmuddel im Wald. Die einzige Möglichkeit dem Großstadtstress und der Bürokratie von Arschlochdeutschland zu entkommen, scheint, laut diesem Film, wild campen oder nach Portugal auswandern zu sein. Hmm… Schlecht inszeniert, irreführend, unglaubwürdig und an vielen Stellen beinahe ärgerlich. Dann lieber noch mal DAS WEIßE RAUSCHEN.