Als das sowohl bei den Kritikern wie auch dem zahlenden Publikum enorm erfolgreiche Römer-Drama Gladiator eine nie mehr für möglich gehaltenen Renaissance des monumentalen Antikfilms einläutete, war die Vorfreude nicht nur unter Genrefans groß. Gut 10 Jahre und ein halbes Dutzend Filme später ist diese Stimmung allerdings Enttäuschung und vor allem Ernüchterung gewichen. Am Ende sollten lediglich Wolfgang Petersens Stargespickte Ilias-Interpretation (Troja) und Zack Snyders splattrige Comic-Adaption der Themopylenschlacht (300) einigermaßen die hochgesteckten Erwartungen erfüllen, zumindest finanziell, denn sowohl dramaturgisch wie auch figurenzeichnerisch hatten beide bereits deutlich das Nachsehen gegenüber Ridley Scotts Trendsetter. Über den Rest breitet man lieber den Mantel des Schweigens, oder vergisst ihn besser gleich ganz.
Trotz zum Teil desaströser Box-Office-Ergebnisse und narrativer Offenbarungseide (u.a. Oliver Stones verschwafelte Schlaftablette Alexander und die peinliche Spätrom-Schmonzette Die letzte Legion) wird in der Traumfabrik aber weiterhin kräftig die Sandalenfilm-Fackel hoch gehalten. Schließlich hat man dank der neuen 3D-Technik mit der Neuaufllage des 80er-Jahre Trash-Spektakels Kampf der Titanen ganz ordentliche schwarze Zahlen geschrieben. Wieder einmal hatte der Jahrmarktseffekt des bloßen Schauwerts vorhandene inhaltliche und sonstige Schwachpunkte einigermaßen erfolgreich übertüncht.
Offenbar Grund genug den ehemaligen Werbefilmer und Videoclip-Regisseur Tarsem Singh mal auf die griechische Mythologie loszulassen, schließlich hat der indisch-stämmige Amerikaner ja bereits bei zwei Kinoproduktionen (The Cell, The Fall) bewiesen, dass er völlig hanebüchene bzw. belanglose Geschichten hinter einer spektakulären Bilderwelt zu verstecken vermag. Und Singh machte seinem (zweifelhaften) Ruf alle Ehre.
Krieg der Götter ist ein narrativ erschreckend banales, schauspielerisch teilweise unterirdisches und über weite Strecken betont unfreiwillig komisches Pseudo-Historienepos, das außer einer extravaganten Optik rein gar nichts zu bieten hat. Dass von der altgriechischen Sage um den Heroen Theseus lediglich noch Fragmente übrig bleiben, die zudem in falschen Zusammenhängen auftauchen und fröhlich mit frei Erfundenem vermengt werden, ist hier noch nicht einmal das größte Übel. Erschreckend ist die offenkundige Unfähigkeit der Macher auch nur einen Hauch von epischer Atmosphäre zu erzeugen und der zusammengeglaubten Fantasy-Story so etwas wie Seele oder Emotionen einzuhauchen. Statt dessen regiert durchgehend verblödete Hölzernheit in Wort und Tat. Der Rest ist gähnende Langeweile.
Dabei hätte die Geschichte um den jugendlichen Helden Theseus (Henry Cavill), der dem finsteren König Hyperion (Mickey Rourke im bewährten bad guy-Modus) bei seiner Auflehnung gegen die olympischen Götter entgegen tritt, durchaus Potential für ein veritables Drama über Genre-bewährte Versatzstücke wie Schicksal, Bestimmung, Tapferkeit und Opferbereitschaft gehabt. Leider ersticken sämtliche Ansätze in peinlichen, hohlen Pathosphrasen die direkt einem Groschenheft entsprungen scheinen.
Einsamer trauriger Höhepunkt dabei ist Theseus „Motivationsrede" vor einem zahlenmäßig weit unterlegenen Griechenheer, das den Ansturm von Hyperions Truppen erwartet. Nicht nur, dass die Kämpfer ihren Einpeitscher erst Minuten zuvor kennen gelernt haben, sie lassen sich auch von simpelsten Heroen-Slogans wie „Kämpft für eure Freiheit, kämpft für eure Ehre, kämpft für eure Kinder" dermaßen aufputschen, dass sie nach jedem Halbsatz wie die Irren völlig synchron mit dem Schwert zwei mal auf ihren Schild einhauen. Das hätte auch ohne einen ekstatisch mit weit aufgerissenen Augen vor ihnen herumhüpfenden Hänfling wie Henry Cavill alias Theseus zu schallendem Gelächter eingeladen. Hier wird einem auf schmerzliche Weise bewusst, wie gut vergleichbare Szenen aus Gladiator und Troja nicht nur gespielt, sondern vor allem geschrieben sind.
Gerade bei pathetischen Stoffen ist die Glaubwürdigkeit unerlässlich, will man sich nicht völlig der Lächerlichkeit preisgeben. Das gilt sowohl auf darstellerischer, wie auch auf dialogischer Ebene. Theseus-Darsteller Henry Cavill wird wie bereits erwähnt vom Drehbuch schnöde im Stich gelassen. Zugegeben, die Fülle an dämlichen, bemüht bedeutungsschwer klingender Phrasen ist rekordverdächtig. Allerdings verfügt Cavill auch weder über die Präsenz, noch über die Ausstrahlung um solche Plattheiten wettmachen, oder gar offensiv verkaufen zu können. Er starrt permanent entweder Wut entbrannt, leidend, oder aggressiv in die Kamera, ohne auch nur eine dieser Emotionen spürbar zu machen. Gerard Butler hat in dem inhaltlich ähnlich dünnen 300 bewiesen, dass es auch anders geht.
Neben Cavill ist auch die weibliche Hauptdarstellerin ein Totalausfall. Frieda Pinto gibt als sybillinische Priesterin und Theseus-Geliebte Phaedra eine ganz schwache Vorstellung und verfügt sogar nur über einen Gesichtsausdruck (den sanft-leidenden). Dass sie mit ähnlichen Dialogperlen zu kämpfen hat wie ihr Partner, ist dabei nur eine fadenscheinige Entschuldigung.
Sieht man den Film, kann man sich des Eindrucks nicht erwehren, dass Regisseur Singh sich weder für seine Figuren, noch für die Erzählung einer halbwegs spannenden und schlüssigen Geschichte interessiert hat. Vielmehr widmete er seine ganze Aufmerksamkeit einer möglichst ausgefallenen und opulenten Optik. Jede Einstellung gleicht einem expressionistischem Kunstwerk, das sich in so mancher Kunstgalerie prächtig verkaufen würde. Vielleicht hätte ihm mal jemand sagen sollen, dass es sich bei einem Film um bewegte Bilder handelt und ohne eine gute Geschichte auch die spektakulärsten Bilder keinen bleibenden, oder gar berührenden Eindruck hinterlassen. Gut, der Mann kommt aus der Werbung, wo die schnelle Verführung und die visuelle Übertölpelung zum Grundhandwerk gehören.
Obwohl Krieg der Götter in diesem Bereich seine einzigen Stärken hat, ist das visuelle Gesamtergebnis keineswegs zufrieden stellend. Die gemäldeartigen Bilder wirken auf die Dauer kalt und befremdlich und offenbaren damit umso deutlicher die Abwesenheit jeglicher Emotionalität sowie die eklatanten Drehbuchschwächen. Zudem lassen sie die Schauspieler wie leblose Bühnenobjekte wirken, da es nie gelingt Mensch und Umgebung glaubhaft miteinander zu verbinden. Dazu kommt auch bildtechnisch das Problem der unfreiwilligen Komik.
Vor allem die Darstellung der Olympischen wirkt wie eine von Jean Paul Gaultier inspirierte Travestieshow. Androgyne Gesichter räkeln sich halbnackt in goldenen Gewändern und schmücken sich mit den ausgefallendsten Helmmodellen. Immerhin gelingt Luke Evans hier eine der wenigen positiven Darstellerleistungen indem er es schafft, inmitten dieses plüschigen Kitsch-Zirkus eine einigermaßen glaubhafte Vorstellung als Göttervater Zeus zu geben.
Letztlich bietet der Film lediglich eine bunte Hülle, unter der - sieht man mal von dem nicht unerheblichen Fremdschäm-Potential ab - gähnende Leere herrscht. Daran können auch die teilweise recht blutigen und an 300 erinnernden Kampfszenen nichts ändern. Zudem auch sie mehr visuell arrangiert, als stunttechnisch choreographiert wirken und damit keinerlei Unmittelbarkeit oder kinetische Energie besitzen.
Der Monumentalfilm hat immer auch von den körperlichen Großtaten seiner Helden gelebt, die ihren Schweiß und ihr Blut in den Dienst einer höheren Sache stellten und den Zuschauer direkt an dieser oft schmerzlichen Erfahrung teilhaben ließen. Bei Krieg der Götter glitzert eine Menge Schweiß und fließt gehörig Blut, mitfiebern, oder gar mitleiden wird hier aber wohl kaum jemand. An die dabei vollbrachten Taten wird sich in der Ewigkeit auch bestimmt niemand mehr erinnern. Im Gegenteil, schon morgen werden sie vergessen sein.