Review

Schon seit Anbeginn des Filmes werden Werke über Untote und Zombies gedreht. Schon in den frühen Tagen des Horrorfilmes gab es Filme, in der Woodoo-Thematik aufgegriffen und beleuchtet wurde. Bis ins Jahr 1968 gab es allerdings keinen Zombiefilm wie diesen: George A. Romero drehte in Pittsburgh einen kleinen Schwarzweiß-Horror, der später in das Museum für moderne Kunst in New York ausgestellt werden sollte. Inspiriert durch den expressionistischen Stil von Herk Harveys "Tanz der toten Seelen", einem fantastisch bebilderten Horrorfilm, inszenierte Romero "Die Nacht der lebenden Toten".

Hier ist es nicht ein alter, vergessener, religiöser Kult, der die Toten wieder zum Leben erweckt - Romero liefert erst gar nicht Gründe für das übersinnliche Geschehen. Jeder ernstgemeinte Erklärungsversuch würde die perfekte Stimmung dieses Horrorfilmes zerstören. Romero lässt zwar durchscheinen, dass die Zombies durch die Strahlung eines Kometen wieder reaktiviert werden, lässt dies aber nie definitiv sacken. Schließlich ist "Nacht der lebenden Toten" auch kein Film über zerstörerische Untote, sondern viel mehr über die Menschen, die mit dem Problem der Zombie-Invasion umgehen müssen.

Wie wir erfahren, ist fast ganz Nordamerika mit dem epidemischen Problem behaftet. Überall beginnen unbestattete Tote wieder an zu leben, und begeben sich auf die Suche nach geeigneter Nahrung. Diese finden sie in ihren ehemaligen Mitbürgern, in ganz normalen Menschen. Aus jedem brav entschlummerten Toten wird ein kannibalistischer Zombie. Doch Romero interessiert nicht, diese Horrorvision, diesen nationalen Notstand als Ganzes zu betrachten. Der Film spielt hauptsächlich in einer kleinen Hütte, in der sich mehrere Menschen verschanzen, um vor den Überhand nehmenden Untoten sicher zu sein. Nach der Verbarrikadierung geht der Horror allerdings erst richtig los. Überschattet von dem drohenden Tot außerhalb des Hauses graben sich die Geretteten sinnbildlich ihr eigenes Grab durch menschliche Schwächen. Furcht, Gier und Dummheit treibt die Insassen in den Tod. Romero zeigt hier ganz deutlich, dass nicht der verfallene Zombie das Monster ist, sondern der Mensch an sich.

Doch auch andere Referenzen können geschlagen werden. So erinnern die Todesfeuer, deren Bilder am Ende des Films über den Abspann gelegt werden, an die grausigen Rituale des Ku-Klux-Klans. So mag es vielleicht kein Zufall sein, dass der Hauptcharakter Ben von dem schwarzen Duane Jones gespielt wird. Ist er nicht der einzige, der die Schwächen der Zombies kennt, sich gegen sie auflehnt, und gegen die "Weiße Dummheit" innerhalb des Hauses rebelliert? Selbst wenn es nicht so ist: Romero hat einen interpretierungs-freudigen Horrorfilm mit Sinn und Verstand abgeliefert - das kann nicht jeder Regisseur.

Romeros Kameraarbeit ist dabei qualitativ hochwertig. Die Art, wie er hier mit Szenen ausleuchtet, Sets arrangiert, und Realismus aus Phantastikszenerien herauslockt, scheint nicht nur durch Herk Harvey beeinflusst zu sein, sondern deutlich von dem Ursprung des Expressionismus im Film. Viele der Bildkompositionen (u.a. anfängliche Friedhofszene, die sich sammelnden Zombies) und die virtuosen Schattenspiele erinnern stark an deutsche Stummfilme, an Fritz Lang in etwa. Bemerkenswert hierbei die komplette Anfangssequenz: Romero malt seine Bilder aus, schmückt sie aus: Einmal haben wir eine Halbtotale von Barbare, in die Romero von links und rechts oben Äste in das Bild reinfallen lässt. Die blätterlosen, hängenden Äste wirken sicherlich böse und angsteinflößend, aber auch die optische Wirkung wird durch so ein geniales Ausschmücken deutlich verbessert. Diese gesamte Eingangsszene ist derart perfekt ausgeleuchtet, dass Romeros Spiel mit Licht und Schatten (die Wettereffekte!) sogar an die Brillanz des großen Alfred Hitchcock erinnern. Eine weitere oft zitieret Szene, ist dass Abschießen eines Zombies gegen Mitte des Films. Hier sehen wir eine schräge Kameraeinstellung, die auf einen herantrabenden Zombie gerichtet ist. Der Untote bekommt den verdienten Kopfschuß, wankt, und fällt letzten Endes um. Nachdem sein Körper aus dem Bild verschwunden ist, haben wir erst die volle Sicht auf das, was sich hinter der toten Kreatur befand: Viel mehr Zombies rücken an. Romero blickt vom Kleinen, auf das Große, Allumfassende - fast wie eine Synekdoche.

Gegen Ende schockiert Romero dann sein Publikum vollends: Seine eh schon grauenerregenden Zombie-Make-ups werden durch eine weitere Szene noch übertroffen. In einer fast schon ruhig gefilmten Sequenz, sehen wir, wie die Untoten ihre Opfer verspeisen. Schrecklich detailreich und technisch perfekt zeigt uns Romero das Grauen, und ruft eine beispiellos pessimistische Grundstimmung hervor. Gegen Ende rundet Romero sein Werk elegant ab: Mittels von TV-Material, das autehntischer nicht wirken könnte, zeigt uns, wie involviert die Medien in dieser Krise doch waren, und dass der Horror schon wieder abzuebben scheint. Grobe Männer vernichten die Untoten, als wäre es ein Volkssport. Das Zombie-Metzeln wird zum Happening mit Bier und Flinte. Dass es in einer kleinen Hütte ganz anders aussah, zeigt das sarkastische Ende, das wie ein Schlag ins Gesicht wirkt.

"Die Nacht der lebenden Toten" ist ein Meisterwerk aller erster Güte. Es gibt kaum vergleichbare Horrorfilme, die sowohl auf inhaltlichem Bereich, als auch im filmtechnischen Bereich derart hohe Standards setzte. Romeros Schocker ist der Grundstein für den "Zombie"-Film, und ein unerwartet geniales Werk des modernen Films.

Details
Ähnliche Filme