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Ein grossartiger Albtraum: blutig, klug und verwegen

„They’re coming to get you, Barbara.“ Mit diesen Worten neckt Johnny seine schreckhafte Schwester. Die beiden besuchen einen Friedhof in der Pampa. Da wird Barbara von einem wildfremdem Mann attackiert. Johnny springt dazwischen, und Barbara flieht in ein verlassenes Farmhaus. Bald stossen weitere Schutzsuchende zu ihr. Ganz Amerika scheint von einer seltsamen Seuche heimgesucht zu werden: Die Toten stehen wieder auf und jagen die Lebenden. Kann sich die Gruppe wildfremder Menschen zusammenraufen? Oder werden sie sich selbst zerstören, bevor die Untoten sie überhaupt erreichen?

George A. Romeros Night of the Living Dead (1968) ist ein Urgestein des modernen Horrorfilms; ein aufwühlender und blutiger Albtraum, der seinen Status als Klassiker mehr als verdient hat. Zugegeben: Man merkt dem Film schnell an, dass er eine Low-Budget-Produktion ist. Einige der Schnitte sind schlampig – innerhalb von Sekunden springen wir munter zwischen Tag und Nacht. Die Schauspieler agieren zuweilen etwas hölzern, und technische Patzer sind augenfällig. Der Qualität dieses Filmes tut das jedoch keinen Abbruch. Im Gegenteil: Wie kaum ein anderer Film schöpft Night of the Living Dead seine Kraft aus dem vorherrschendem Trash-Feeling. Was hier gezeigt wird, fühlt sich gerade wegen der billigen Machart authentisch an – und ist dadurch umso schockierender.

Mit Romero sitzt allerdings auch ein Mann auf dem Regiestuhl, der über einen enormen Stilwillen verfügt. Der damals 28-Jährige findet eine erstaunlich ausdrucksstarke Bildsprache. Wenn Barbara das verlassene Farmhaus erforscht, wird dieses virtuos in Szene gesetzt. Das Spiel zwischen Licht und Schatten gemahnt an den deutschen Expressionismus. Einmal schwenkt Romero durch den verbarrikadierten Innenraum des Farmhauses; die sich überkreuzenden Bretter formieren sich zu einem fast abstrakten Gebilde. Auch der Schnitt vermag – allen Schönheitsfehlern zum Trotz – saftige Akzente zu setzen. Barbaras psychische Labilität wird gekonnt durch die Beleuchtung und schiefe Bildeinstellungen ausgedrückt. Ja, spätestens nach einer halben Stunde wird klar: Die Produktion ist zwar billig und zuweilen schlampig, im Kern aber überraschend ästhetisch.

Freilich hat Romero vor allem dadurch Geschichte geschrieben, dass er in Night of the Living Dead gehörig die Sau rauslässt: Seine Zombies zerfleischen und verschlingen Menschen, werden ihrerseits erschossen und verstümmelt. Die gezeigten Gewaltakte waren für das damalige Publikum ein Novum. Der wirkliche Horror entsteht aber durch Romeros Regie: Er versteht es, die Gewalt in fieberhaften Bildern festzuhalten, die ans Surreale grenzen. Die Zombies bei ihrem kan­ni­ba­lis­tischen Mitternachtsmahl wirken noch heute erschütternd und krank. Der Film hat eine dreckige Atmosphäre, die wahrlich einzigartig ist.

Die Protagonisten sind von der Gesellschaft abgeschnitten und müssen sich koordinieren, um zu überleben. Das führt naturgemäss zu Spannungen, die Romero pointiert, aber nicht platt inszeniert. Eine panische Mischung aus Kleinmut, Egoismus und Dummheit führt dazu, dass sich die Gruppe langsam aber sicher selbst auseinander reisst. Ganz nach dem Motto: Die wahren Monster sind wir selbst, nicht die Zombies, gegen die wir kämpfen. Romero drückt uns diese Botschaft aber nicht moralisierend auf die Nase, sondern entfaltet sie mit einem entnervenden Pessimismus. Die Nebendarsteller verhalten sich unsicher, aber die drei Hauptrollen überzeugen durchaus. Duane Jones ist glaubwürdig als entschlossener und sturer Held Ben. Judith O’Dea übertreibt’s manchmal ein bisschen, weckt als traumatisierte Barbara aber bald Beschützerinstinkte. Karl Hardman verleiht dem cholerischen Familienvater Harry eine inbrünstige Stimme.

Der Subtext ist wahnsinnig dicht. Gesellschaftliche und politische Probleme der 1960er-Jahre werden hier ebenso verhandelt, wie allgemein-menschliche Begriffe; etwa „Mitgefühl“ und „Zivilcourage“. Dass die Hauptfigur vom Afroamerikaner Duane Jones gespielt wurde (was damals ungewöhnlich war), mag Zufall gewesen sein; es ist gleichwohl von symbolischer Sprengkraft. Das Ende von Night of the Living Dead ist eines der grossartigsten in der Filmgeschichte: waghalsig, bitterböse und subversiv.

Night of the Living Dead ist der Zombie-Film schlechthin. Sein Einfluss ist bis heute spürbar – sei es in Filmen, in Comics oder in Videospielen. Aber in diesem Fall gilt die Plattitüde tatsächlich: Das Original wird wohl ewig unerreicht bleiben. Dieser Streifen ist etwas ganz Besonderes. Ein unverwechselbares Horror-Meisterwerk.

10/10

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