Review

Kann man mir ernsthaft verübeln, dass ich das Pferd der Dead-Trilogie als jugendlicher leicht achronologisch - sprich falsch - aufgesattelt habe? Wahrscheinlich ja. Aber bei "Die Nacht der lebenden Toten", soviel sei zu meiner Verteidigung gesagt, bestand auch kein Grund zur Eile, weder zensurtechnisch noch vom Verbreitungsweg her (zumindest die US-Version flog immer schon als Public Domain-Video im Netz rum). Die Verfügbarkeit der anderen beiden Teile wiederrum war anno 2007 noch eine ganz andere, wesentlich heiklere Geschichte.

Vollkommen auf diese beiden Teile geprägt muss ich also leider zugeben, dass "Die Nacht der lebenden Toten" sich im Vergleich mit den ehet actionorientierten und effektlastigeren kleineren Geschwistern etwas zäher schaut. Was nicht heißen soll, dass ich den Film nicht mag. Vor einiger Zeit überzeugte ich mich wieder mal von dessen Qualitäten und bin nach wie vor beeindruckt.

Die Plage, die sich in den folgenden Teilen noch in unüberwindbarem Ausmaß ausbreiten wird nimmt anno 68 ihren Anfang auf einem Provinzfriedhof, wo die Geschwister Barbara und Johnny nach dreistündiger Autofahrt ihren verstorbenen Vater Respekt zollen. Zeitgleich tauchen im US-Hinterland die ersten Wiedergänger auf, einem ersten Exemplar fällt Johnny auch sogleich zum Opfer.

Die panische Barbara flieht vor dieser neuen, unbegreiflich Bedrohung in das nächstgelegene Landhaus, wo sich bereits der Afroamerikaber Ben und - zunächst noch im Keller verborgen - die Familie Cooper mit dem Pärchen Judy und Tom verstecken. Als diese sich wieder ins Haus wagen, um die Lage zu sondieren eskaliert die Situation zwischen Ben und Patriarch Harry Cooper, eine Kooperation scheint unmöglich und der rationale Ben kann mit seinen strategischen Überlegungen einfach nicht argumentativ zum verbohrten Familienvater durchdringen. Während der Rest der Schicksalsgemeinschaft Ben assistiert und versucht, die Wogen zwischen den beiden Streithähnen zu glätten geht Barbara derweil psychisch vor die Hunde.

Romeros Sozialpessimismus und sein Gespür für Dramatik haben scheinbar damals schon Blüten geschlagen: "Die Nacht der lebenden Toten", hierzulande als schlockiges Schauervergnügen vermarktet, entpuppt sich schnell als künstlerisches Kammerspiel im Horrorsetting, dass die B - Movie - Klischees des vorherigen Jahrzehnts widerlegt und den Menschen als größte Bedrohung für sich selbst entlarvt: "Der Schwarze" stirbt hier nicht nur zuletzt, er ist auch einer der wenigen klar denkenden Geister in der Flüchtlingsgruppe und tatsächlich (von der Ohrfeuge gegen Barbara mal abgesehen) noch nicht vollkommen emotional abgestumpft. Familienvater Harry hingegen, ein Ubsympath vor dem Herren, ist der typische adultistische, herrische Patriarch, die Verkörperung der vermeidlichen Weisheit "Father knows best", der über eine gestresste Ehefrau und ein krankes Kind gebietet und nun auch allen anderen das Spuren abverlangt. Tom und Judy stehen zwischen den Stühlen und machen zunächst zaghaft Versuche, Ben zu helfen und für ihn zu argumentieren, (SPOILER!) bezahlen aber ihre vermeidliche Abkehr vom alten Herren mit dem LEBEN (SPOILERENDE!). Und Barbara? Die mag die Handlung in Gang gesetzt und sich also Protagonistin etabliert haben, bleibt aber bis zuletzt die apathisch Damsel in Distress. Schade. Immerhin änderte sich die Situation für Frauen im Horrorkinos drastisch zum Positiven, als Gaylen Ross im zweiten Teil darauf bestand, eine wehrhaftere starke Figur zu spielen. Gut, dass Romero scheinbar zuhören konnte, wenn jemand auf den Tisch haute.

Warum ist dieser Teil aber "nur" mein drittliebster? Das ist dem Fluss des Filmes geschuldet: über lange Zeit teilt der Zuschauer Barbaras Apathie und sieht lediglich Ben beim Verbarrikadieren der Türen und Fenster zu, bis der Rest der Flüchtigen sich auf dem Keller wagt vergeht knapp mehr als ein Drittel des Filmes. Bis dahin heißt es für den Zuschauer vor allem ausharren.

Aber, wie bereits erwähnt, lohnt es. Das Skript von Romero und Mitstreiter John Russo mag teilweise ziemlich wort sein, spiegelt aber hervorragend die menschliche Unfähigkeit zur Kooperation wieder, wäscht nebenbei völlig unbemerkt das Patriarchat und den Rassismus ab und streift dann noch das Territorium der Vuetnamkriegsparabel (ein TV-Journalist erwähnt in einer Szene Saigon und das Kopfkini beim Zuschauer springt an). Den später für die Reihe charakterischen Splatter bekommen wir hier ansatzweise in schwarzweiß serviert, wenn auch eher sparsam, dafür jedoch effektiv. Als rentertaugliche Gekröseparade für das Nachtprogramm des WDR sollte man das monochrom Treiben der Zombies aber nicht fehlinterpretieren: was Romero hier inszeniert ist tatsächlich eher Kunst als B-Schrott, die uns den Göttern sei Dank außerirdische oder magische Erklärungen jenseits von Vermutungen erspart: das Elend hier ist so oder so menschgemacht.

Effektgenie Tom Savini sollte etwas über 20 Jahre später ein Remake drehen, was den Kunstgriff schaft, sich teilweise bildgleuch am Original zu orientieren, aber dennoch variantenreich zu bleiben. Das zeugt nicht nur von der Verbundenheit zwischen Savini und Cheffreund Romero, sondern auch von der Relevanz des Filmes auch Jahrzehnte nach seiner Erstaufführung. Manche Dinge ändern sich halt nie, am wenigsten der Mensch und seine Probleme. Aber die Filme darüber bleiben auch nach mehr als 50 Jahren stark: Unbedingt schauen und wirken lassen. 

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