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Aki Kaurismäki ist kein Filmemacher fürs Bombastische. Das Genre des Actionfilms oder des Epos wurde von ihm nie angetastet, von gewöhnlichen Menschen, Arbeitern und Bauern, erzählt er in seinen Geschichten. Bei Juha ist es damit eigentlich nicht anders, doch die Form, in der er uns dieses Melodram präsentiert, ist eine außergewöhnliche: wir sind Zeugen des letzten Stummfilms des 20. Jahrhunderts. So prangt es zumindest auf der DVD-Hülle.

Mutig, mutig, möchte man meinen, wenn der populärste finnische Filmemacher der Gegenwart seinem Publikum einen Film in Schwarz-Weiß - was für sich allein so außergewöhnlich nicht wäre - und tonlos präsentiert. Doch hier wurde geflunkert. Schon während des Vorspanns, der mit der Präsentation der Figuren mittels Zwischentiteln die weitere, spärlich eingesetzte Sprachübermittlung für den Film vorgibt (lange Dialoge sind ohnehin nicht Kaurismäkis Sache), sind Geräusche eines Motorrads zu hören. Hin und wieder fällt eine Tür hörbar ins Schloss oder der elektrische Rasierapparat des Protagonisten ist zu hören - mal ganz abgesehen davon, dass in einer Sequenz eine Frau (Elina Salo) zu sehen ist, die lippensynchron (hörbar) „Le Temps des Cerises" singt.

Diese stilistische Uneindeutigkeit setzt sich fort in einer unklaren zeitlichen Einordnung des Films. In der von der Einrichtung her an die 50er Jahre erinnernden Küche von Juha und Marja - zu den Figuren gleich mehr - kommt eine Mikrowelle zum Vorschein, ein Auto mit Aufschrift „Sierck" aus den 60er Jahren fährt durch eine moderne Metropolis. Dabei gibt diese Referenz auf Regisseur Douglas Sirk, der große Melodramen wie All That Heaven Allows (1955) inszenierte und seine Karriere unter dem Namen Detlev Sierck in Deutschland begann, den tragischen Verlauf der Geschichte in Juha vor. Eine glückliche Ehe zwischen dem versoffenen Bauern Juha (Sakari Kuosmanen) und der schönen Marja (Kati Outinen) wird durch den hinterlistigen Shemeikka (André Wilms) zerstört, indem er Marja ein besseres Leben verspricht, wenn sie mit ihm kommt. Doch nach ihrem anfänglichen Glauben an die große Liebe wird Marja enttäuscht, da sich Shemeikka als ein Zuhälter entpuppt, für dem sie nur ein weiteres Mädchen darstellt, welches für ihn arbeiten soll. Nach einigen gemeinsamen Unternehmungen wird sie von ihm in ein kleines Zimmer gesteckt und soll nun im horizontalen Gewerbe Geld verdienen. Juha hält irgendwann seine Einsamkeit nicht mehr aus und macht sich vom Land in die Großstadt auf, um Marja mit Gewalt aus Shemeikkas Klauen zu befreien...

Diese Geschichte geht wiederum auf den gleichnamigen Roman des finnischen Schriftstellers Juhani Aho zurück, den dieser 1911 veröffentlichte. Also zu einer Zeit, wo an die Durchsetzung des Tonfilms als dominante Form noch nicht einmal zu denken war. Und so lässt sich Kaurismäkis Juha sowohl als Verbeugung vor diesem nationalen Kulturgut als auch der Verfilmung dieses Stoffes unter dem Titel Johan aus dem Jahre 1921 verstehen. Etwas abgeändert, versteht sich und - so scheint es - auf eine sehr herunter gebrochene Art, so dass die Story zuweilen den Eindruck einer gewissen Leere erweckt. Ferner fallen Bezüge auf andere Klassiker der Filmgeschichte auf, sei es auf Chaplins Modern Times (der gutmütige Juha repariert Shemeikkas Wagen mit einem überdimensionalen Schraubenzieher, der an den von Chaplin am Fließband erinnert) oder auf Renoirs Partie de champagne, wenn sich Marja und Shemeikka ein Schäferstündchen an einer idyllischen Flusslandschaft verbringen. Filme aus der "Übergangszeit" vom Stummfilm zum Tonfilm freilich. Auch fällt insbesondere am Ende ein Stilzitat des Expressionismus auf, wenn Juha Shemeikka trotz dessen schützender Hand (als langer Schatten) im Kühlraum mit einer Axt richtet. Kaurismäkis lakonischer Witz lässt sich dabei nur noch an wenigen Stellen erkennen, ist sein Film doch todtraurig, was sich auch an der sehr emotionalen Musikuntermalung erkennen lässt, die - durchbrochen von besagten Geräuschen - den Tonraum nahezu omnipräsent ausfüllt. Den drei Hauptdarstellern gelingt es dabei jedoch gut, in der Dreierkonstellation ihre Stimmungen auch ohne Sprache nach außen zu transportieren.  

Doch trotz dieser kleinen Schwächen um das postmoderne Zusammenkleistern von Stilen und Referenzen wie Kaurismäkis eher gemächliche und reduzierter Erzählweise, die uns die Finnen als ebenso gemütliches wie versoffenes und kettenrauchendes Volk mit Tendenz zur Erstarrung näherbringt - was in einigen Szenen, als Figuren trotz Gewalttaten um sie herum teilnahmslos im Raum herumstehen, durchaus an Franks Besuch bei Ben in David Lynchs Blue Velvet erinnert - ist Juha ein originäres Stück Film. Ein stilistisch eindrucksvolles Stück Autorenkino mit wenig Handlung und der Tendenz zur Langsamkeit, was aber nicht über alle Maßen strapaziert wird (Grüße an Jim Jarmusch). Dies ist heute ebenso selten geworden wie das Wagnis eines (modernen) Stummfilms.  

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