Juhu!!
Kaurismäkis Hommage an alte, glorreiche und dramatische Stummfilmzeiten - weit bevor diese Idee „The Artist“ und Co. cool bzw. mainstreamiger machen sollten… Über ein Liebespaar auf dem Land, bei dem die Frau durch einen ganovenhaften Neuankömmling in einem schnellen Auto aus ihrem Paradies herausgerissen und in der großen weiten Stadt in ein Bordell (!) gesteckt wird…
Man braucht keine Worte, wenn man diese Augen hat
Kaurismäkis Verbeugung vor Murnau, Dreyer und anderen Stummfilmmagiern, vor „Sunrise“ oder „City Girl“, könnte kaum gelungener sein. Perfekt besetzt, mit starkem Look und etlichen altbewährten Mustern (Stadt gegen Land, Sünde gegen Reinheit, Verführung gegen wahrhaftige Liebe, Leidenschaft gegen Langeweile). „Juha“ steht quasi außerhalb der Zeit. Und außerhalb seines Kanon. Daher ist er selbst für seine Verhältnisse noch recht unbekannt. Total unterschätzt. Aber es ist ein klasse Film, lasst euch das gesagt sein! Gerade wenn man mit solchen o.g. sprachlosen Klassikern zwischen Liebe und Verderbnis, die in diesen Jahren oft schon bald ihr Hundertjähriges feiern, auf einer Wellenlänge ist und man gerne auf Worte zugunsten von kraftvollen Bildern, heftiger Mimik, packenden Kontrasten verzichtet. Melodramatische Abkürzung für Kaurismäki. Zwischen Puff und Pech, zwischen Teufel und Engelchen, zwischen Qualm und Querelen. Schmierlappen und Fallstricke, paffende Priester und schnallende Ohrfeigen. Besonders stark muss man die immer passende Musikuntermalung nennen, quer durch mehrere Epochen, Intensitäten und Genres. Die visuellen Metaphern und der thematische Kern mögen manchmal etwas offensichtlich, on-your-nose und simpel sein. Doch die Kaurismäki-typisch kurze Laufzeit und allgemein das heutzutage ungewöhnliche Format, die mutige und ehrerweisende Herangehensweise, machen „Juha“ für filmhistorisch interessierte Kinofans zu einem Gourmethappen. „Juha“ funktioniert einfach von vorne bis hinten für mich.
Fazit: vielleicht nicht typisch Kaurismäki, fast ein Wagnis und Experiment für ihn - und dennoch für mich einer seiner liebsten, stylischsten und leidenschaftlichsten Filme. Klassisch, instinktiv, allgemeingültig, wertvoll. Zu unbekannt!