Über 20 Jahre nach ihrem Rücktritt spaltet Margaret Thatcher noch immer ihre Nation. Von konservativen Kreisen nahezu kultisch verehrt, gilt sie dem links-liberalen Lager als leidenschaftlich gehasstes Feindbild. Da ist es kaum verwunderlich, dass der kürzlich gestartete Kinofilm The Iron Lady bereits im Vorfeld ähnlich polarisierte. So fürchtete man von konservativer Seite eine Demontage der eigenen Galionsfigur - schließlich sollte die für ihre liberale politische Gesinnung bekannte Meryl Streep die Hauptrolle spielen - , während man bei den Thatcher-Gegnern eine kritiklose Huldigung bzw. ein um Mitleid buhlendes Rührstück - Streep sollte auch als Demenzerkrankte Ex-Regierungschefin auftreten - a la Hollywood erwartete. Beides ist nicht eingetreten, allein der Unmut ist geblieben. Und das hat mehrere Gründe.
Zunächst ist da der Kunstkniff das Leben Thatchers mit einer aktuellen Rahmenhandlung zu verknüpfen. Der Film beginnt mit der unter fortschreitender Demenz leidenden Ex-Premierministerin und ihren halluzinösen Zwiegesprächen mit ihrem längst verstorbenen Gatten Dennis Thatcher. Dabei erinnert sie sich immer wieder an vergangene Zeiten und Ereignisse, die dann vom Film aufgegriffen und visualisiert werden.
Das ist für den Betrachter nicht ganz unanstrengend, da hier wichtige Stationen der politischen Laufbahn Margaret Thatchers oft nur schlaglichtartig angerissen und immer wieder durch die Rückkehr zur gegenwärtigen Zeitebene unterbrochen werden. Der Film erscheint damit auf den ersten Blick recht gehetzt und oberflächlich. Wer vorher nicht allzu viel über den Werdegang und die politische Bedeutung der ehemaligen Premierministerin wusste, dürfte auch nach Betrachten des Films nicht viel schlauer sein. Diejenigen, die sich eine klassische Biographie erhofft haben, die sowohl der Person wie auch ihrer Wirkungszeit gerecht wird und dabei möglichst noch einen wertenden Kommentar zum politischen Vermächtnis der Porträtierten abgibt, dürften mindestens verwirrt, wahrscheinlicher noch schwer enttäuscht sein.
Ohne Zweifel wäre dies ein interessantes und spannendes Projekt geworden. Zumal man - wie der Film beweist - über eine Hauptdarstellerin verfügt, die nicht nur äußerst glaubwürdig eine zumindest in ihrem öffentlichen Auftreten gläserne Person zu verkörpern vermag, sondern es auch schafft, den Menschen hinter der politischen Maske sichtbar zu machen und dabei Empathie zu erzeugen.
Meryl Streep hat dafür ihren dritten Oscar und zahlreiche andere Filmpreise gewonnen und das völlig zu Recht. Es geht dabei weniger darum, dass sie sich in einer beindruckend präzisen Vorbereitung Gestik, Mimik und Sprachduktus Thatchers aneignete, sondern es vielmehr verstand dieser perfekt arrangierten Kopie Leben einzuhauchen und bekannte Eigenschaften wie Durchsetzungsvermögen, Unnachgiebigkeit, Beharrlichkeit sowie Konsequenz und Prinzipientreue allein durch Blicke und Ausstrahlung transportierte.
Trotzdem wäre es unfair The Iron Lady als schwachen Film mit einer starken Hauptdarstellerin abzukanzeln. Regisseurin Phyllida Lloyd und ihrer Drehbuchautorin Abi Morgan wählten sicherlich einen ungewöhnlichen Ansatz um sich einer solch bedeutenden Persönlichkeit des vergangenen Jahrhunderts zu widmen, gleichwohl einen legitimen und - hat man sich mit der Prämisse erst einmal arrangiert - durchaus lohnenswerten. Natürlich muss hier vieles Fiktion bleiben, da über Thatchers Privatleben nie viel bekannt wurde und auch über ihr aktuelles Befinden bzw. ihren Alltag so gut wie nichts an die Öffentlichkeit dringt.
Der Film ist keineswegs - wie vom Pro-Thatcher-Lager entrüstet bemängelt - pietätlos oder verunglimpfend. Trotz der episodischen und punktuellen Erzählweise und dem wiederholten Auftreten der von ihrer Krankheit gezeichneten Ex-Politikerin, erscheint sie als die starke und charismatische Persönlichkeit die sie auch in Wirklichkeit gewesen sein muss, sonst hätte sie sich auf diesem Männer-dominierten Parkett keine zwei Wochen halten können.
Genauso wenig ist er eine weichgespülte, Mitleid heischende Romantisierung, wie von einem Gros der Thatcher-Hasser behauptet. Wahr ist, dass Margaret Thatcher auch und zuallererst als Mensch dargestellt wird. Allerdings kommen ihre Schattenseiten wie rücksichtsloser Karrierismus, Arroganz gegenüber Gegnern und eine mit zunehmender Amtszeit immer deutlicher hervortretende herrische Art dabei durchaus zur Sprache und Geltung. Das einiges davon aber auch unabdingbare Vorraussetzungen für ein politisches Überleben bzw. Vorwärtskommen waren und hinter diesen Eigenschaften auch immer wieder menschliche Wärme, Familiensinn sowie resignative und selbstzweifelnden Momente sichtbar werden, passt natürlich nicht in das Bild einer längst dämonisierten und damit völlig entmenschlichten Unperson.
Natürlich ist es etwas schade, dass Thatchers innenpolitische Radikalkuren wie ihr vehementer Kampf gegen den Einfluss der Gewerkschaften und die Privatisierung vieler staatlicher Betriebe sowie außenpolitische Eckpfeiler wie die Umstände des Falkland-Krieges und ihre deutliche Sympathie gegenüber den USA respektive Ronald Reagans Politik letztlich nur schemenhaft abgearbeitet werden. Bei einer längeren Laufzeit hätte auch innerhalb des hier gewählten Ansatzes durchaus Fundierteres Platz gehabt.
Auch gibt es die ein oder andere historische bzw. faktische Ungenauigkeit (u.a. der Zeitpunkt des Bergarbeiterstreiks) zu bemängeln, ohne dass dabei allerdings Geschichtsklitterung betrieben würde.
Ohnehin ist The Iron Lady in erster Linie metaphorisch angelegt und auf das Typische von Margaret Thatchers Persönlichkeit fokussiert. Zweifellos ein mutiger und ungewöhnlicher Versuch sich einer historischen Persönlichkeit zu nähern. Ein Versuch der nicht vollständig gelungen ist, aber dank Meryl Streeps ebenso pointierter wie nuancierter Darstellung ein faszinierendes Charakterportrait bietet, das nicht nur Bewunderern, sondern vor allem auch Gegnern der ehemaligen britischen Premierministerin die Chance gibt, die eigene fest gefahrene Meinung vielleicht doch mal wieder auf den Prüfstand zu stellen.