Review

Schon fast eine liebe Gewohnheit: beinahe alljährlich produzieren Hollywood oder angrenzende westliche Filmindustrien ein großangelegtes Film-Biopic über eine Figur der Geschichte und bieten so einer motivierten und talentierten Schar an Darstellern eine einmalige Gelegenheit zu glänzen und dann als erste und fast schon einsame Option einen Academy Award (sprich: Oscar) als beste Darsteller abzufegen.
Im günstigsten Fall bekommt man so einen hervorragenden Film mit ausgezeichneten Leistungen zu sehen; im Normalfall eine Hollywoodversion seines Lebens mit hervorragenden Leistungen und im schlimmsten Fall eine vage oder verfälschte Niete, immer noch mit herausragenden Leistungen. "The Iron Lady", der Kandidat für die Oscars 2012, gehört leider zur letzten Kategorie.

Inzwischen ist es ja amtlich, Meryl Streep hat nach 14 erfolglosen Anläufen nach zwei erfolgten Oscargewinnen mittels der Verkörperung der ehemaligen britischen Premierministerin Margaret Thatcher die goldene Statuette mit nach Hause nehmen dürfen, zum dritten und wie man dem Gesetz der schrägen Oscarregeln nach vermuten darf, zum letzten Mal.
Und wer immer angesichts dieses Textes oder des bevorstehenden Filmbesuchs daran zweifeln möchte: die Auszeichnung ist durchaus als verdient zu bezeichnen. Zwar kann die Auslieferung wie bereits erfolgt wirklich nur im Duett mit dem Make-Up-Oscar vollzogen werden - denn hier liegt die wirklich erstaunenswerte Qualität des Films, die Amerikanerin sieht wirklich verblüffend der historischen Person ähnlich - aber die Leistung Streeps als eiserne Lady der britischen Krisenpolitik UND als zunehmend demente Alzheimerpatientin in der Rahmenhandlung sind alle Ehre wert.

Leider ist es dann auch besagte Rahmenhandlung, die den Film für biographisch Interessierte komplett zu Fall bringt, denn wer sich einen interessanten und aufsehenerregenden Abriß des Lebens der ersten Frau auf einem Premierministerposten an der Spitze eines Staates erwartet, die sowohl die Geschlechterbarriere durchbrach wie sich auch mehrfach zur meistgehaßten Person des gesamten Königreichs machte, bis sie im Fahrwasser der europäischen Einheit zu Fall kam, der wird arg enttäuscht werden.

"The Iron Lady" ist weniger Filmbiographie als vielmehr eine Fallstudie über die Auswirkungen von Alzheimer auf eine betagte Person, die zufällig etwas berühmter ist als andere. In geradezu groteskem Ausmaß wird der Tatterei der alten Lady Platz in der Handlung eingeräumt, so daß man schon besorgt auf die Uhr blickt, wenn denn endlich eine Rückblende das Publikum ins Jahr 1941 zurückwirft, wo Margarets politisch interessierter Vater die Regeln für ihr kommendes Leben als Politikerin aufstellt.
Leider erweisen sich derlei Rückblicke, die normalerweise das Filetstück und die Knochen eines solchen Filmes ausmachen würden, als vignettenhafte und sich rar machende Lichtblicke in einer Geschichte, die offenbar gar nicht recht an der historischen oder politischen Person interessiert war.
Stattdessen sieht man über weite Strecken einer Frau zu, die sich aufgrund von Verlust (Tod des Ehemanns), Krankheit und familiären Versäumnissen (Vernachlässigung von Mann und Kindern), nicht recht entscheiden kann, welchen Teil der Kleidung ihres Gatten sie nun zu "Oxfam" gratis abgeben soll, während sie sich einerseits einen Wolf nuschelt und andererseits mit ihrem Phantomgatten (Jim Broadbent als gut gelaunter Verstorbener) fetzt, der ihre Einrichtung als mahnender Klassenclown verziert.

Das Fazit aus diesen endlosen Gesprächen ist ein eher marginales, denn mehr als die bahnbrechende Entscheidung, auf vieles im Leben verzichten zu müssen, um etwas zu bewegen, kommt die Thatcherstory nicht. Also bricht Maggie in die Männerdomäne Politik ein, erobert Ende der 50er einen Sitz im Unterhaus, wird (wie man beiläufig erfährt, wenn man aufpaßt) Erziehungsministerin und vernachlässigt Mann und Kinder, um schließlich umgestylt den Angriff auf den Premierministerposten anzugehen.
Als das gelungen ist, reformiert sie das Land in die Arbeitslosigkeit und rettet das Ansehen schließlich durch den von ihr forcierten Falklandkrieg, während zwischendurch Demos ablaufen, Leute auf ihre Limousine einschreien und die IRA hie und da mal einen Bombenanschlag verübt, die jedoch, außer man ist historisch bereits weitläufig informiert, vollkommen kontextlos der Story beigemischt werden.
Das mag jetzt nach ordentlich erzählerischem Fleisch auf den Rippen klingen, ist aber so nachlässig und beiläufig in die Story integriert, daß man jedesmal gottergeben aufgeseufzt wird, wenn schon wieder die Dememz-Maggie die Ansätze von linearem Weltgeschehen unterbricht. Und das tut sie praktisch alle fünf Minuten.

Wie bereits bemerkt, fallen zwei Bombenattentate komplett aus dem Kontext (offenbar gabs da ein Problem mit Irland oder so...), der Aufstieg der Frau wird auf Nuancen reduziert, die Wirtschaftskrise kriegt fünf Minuten, der Falklandkrieg noch zwei mehr und auf die Kontroverse rund um die deutsche Einheit verwendet der Film keine 20 Sekunden. Und nein, dies ist kein ignorantes amerikanisches Werk über eine britische Figur, sondern eine englisch-französische Co-Produktion, bei der man sich ständig so fühlt, als hätten Autorin Abi Morgan und Regisseurin Phyllida Lloyd alles getan, um diese Eitelkeitsproduktion auf eine Darstellerin zuzuschneiden, die in wirklich JEDER Szene glänzen kann. Lloyd schneidert Streep bereits die Musicalversion von "Mamma Mia" auf den Leib, doch auf dem dramatischen Sektor scheint sie total verloren zu sein. Schwerfällig schleppt sie sich durch die dramaturgisch unvorteilhafte Szenenfolge Morgans (die übrigens für den parallel laufenden "Shame" Besseres leistete, dort aber auch nicht breitflächig arbeiten mußte), die dieses Melodram als Originalskript offenbar mit nur wenig biographischem Interesse anging (jede Wikipedia-Seite ist ergiebiger).
Stattdessen also das leidende Portrait einer Frau, die schlußendlich nur endlich ihren Gatten gehen lassen muß, um ihre Schuldgefühle loszuwerden, ob das jedoch nicht rein spekulativ war (man kann die noch lebende, aber inzwischen total demente reale Maggie Thatcher wohl nicht mehr fragen), bleibt total offen.

Hat man keinerlei Vorwissen über Thatcher (abgesehen vielleicht von ihrem Titel), wird man nach "The Iron Lady" jedoch auch nicht schlauer sein, denn bei den wenigen Häppchen an Geschichte, die hier wahrhaftig rund um Mrs.Streeps Make-Up abgefrühstückt werden, darf man sich ernsthaft fragen, warum ausgerechnet dieser Figur ein Film gewidmet wurde.
Am Ende verbleibt das vage Fazit von der Frau, die ihren einsamen, manchmal sehr bitteren und verlustreichen, aber zu würdigenden Weg gegangen ist und die man nicht mit Positiva oder Negativa einfach so verheizen sollte, aber ein bißchen mehr Position zu politischen und persönlichen Entscheidungen hätte man dem Publikum dann doch zutrauen können.
Stattdessen wird daraus ein auf die Hauptdarstellerin fixiertes ödes Fotoalbum ohne historische oder politische Zusammenhänge und dem Kitschpotential eines Demenzmelodrams. Da ist Rudi Assauer mehr Gerechtigkeit wiederfahren. (4/10)

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