Eine Frau, gespielt von Nicole Kidman, taucht urplötzlich in einem winzigen Kaff, abgeschieden in den Rocky Mountains im Amerika der 30er gelegen, auf. Sie wird verfolgt und sucht Zuflucht, die ihr die Dorfbewohner auch gewähren, nachdem einer der Bewohner, gespielt von Paul Bettany, der die Frau auffand, diese dazu überreden konnte. Nach und nach gewinnt die Frau das Vertrauen der Bewohner, bis diese schließlich erfahren, dass die Fremde polizeilich gesucht wird und einen zunehmend höhern Preis für den Aufenthalt in ihrer Gemeinschaft verlangen.
Die Inhaltsangabe lässt bereits darauf schließen, dass "Dogville" auf einer gelungenen Grundidee basiert. Die Charaktere sind darüber hinaus überaus gelungen konstruiert. Die Dorfbewohner werden zwar allesamt über einen Kamm geschoren, indem sie die Fremde gleichermaßen missbrauchen und quälen, ob aus Eifersucht, Verzweiflung, Sexualtrieb, Bequemlichkeit oder reinem Sadismus heraus sei dabei einmal dahingestellt, aber sie werden doch sehr individuell gestrickt, haben allesamt ihre Eigenheiten, ihre Ecken und Kanten und so entsteht der Mikrokosmos "Dogville", der durch den ortsansässigen Schriftsteller in spe, der sich für eine Art Hobby-Philosophen hält, sowie durch einen Erzähler bis ins kleinste Detail analysiert und dem Zuschauer näher gebracht wird.
Doch dann geraten die Dinge in "Dogville" schließlich aus dem Gleichgewicht: Eine Fremde taucht auf und zieht sogar den Fokus der externen Polizeistation auf das kleine Nest, das die Fremde zunächst etwas widerwillig aufnimmt, dann aber immer mehr von ihr für ihr Bleiben verlangt. Und der Prozess, in dem der Preis für ihre Zuflucht immer höher getrieben wird, wird von Regisseur und Autor Lars von Trier sehr langsam und eindringlich dargestellt, allmählich gesteigert und immer wieder auf neue Höhepunkte getrieben, die von einem höchst pessimistischen Menschenbild zeugen und durchaus als verstörenden Blick in die Abgründe der menschlichen Seele gesehen werden können. Die Ungerechtigkeit und Unmenschlichkeit, die der Fremden dabei widerfährt, ist derart gelungen und anschaulich dargestellt und zermürbend präsentiert, dass auch der anschließende, brutale Racheakt vollkommen verständlich daherkommt, besonders der an dem Bewohner, der vorgab ihr Freund zu sein und sie zu lieben, aber doch nie so recht dazu bereit war, seine Stellung im Ort zu riskieren, um ihr zu helfen oder sie aus der Hölle "Dogville" zu befreien, die nicht ahnt, um wen es sich bei der Frau eigentlich handelt und damit ihren eigenen Untergang herbeiführt.
Der Plot ist also hervorragend ausgearbeitet, weiß sich permanent zu steigern, gibt einige Denkansätze, verläuft weit jenseits aller Stereotypen und damit praktisch unkalkulierbar und gipfelt in einem überraschenden sowie schockierenden Finale. Kein Wunder also, dass Lars von Trier daran gelegen war, den Zuschauer dazu zu zwingen, auf die Story einzugehen und die aufgeworfenen Fragen selbst zu reflektieren. Dabei geht er jedoch den falschen Weg.
Der dänische Regie-Individualist, der zuletzt mit "Antichrist" viel Aufsehen erregte, greift auf Berthold Brechts Idee vom epischen Theater zurück, das derart verfremdet und distanziert sein soll, dass das ungeteilte Interesse des Zuschauers bei der Handlung und damit den Inhalten des Films liegt und nicht bei reinen Oberflächlichkeiten wie opulenten Bildern oder Ähnlichem. Von Trier setzt diese Idee um, indem er den Ort mit seinen Häusern, Straßen und unmittelbaren Umfeld auf einer schätzungsweise 40 x 40 m großen Fläche auf einen Hallenboden malt, hier und da die Orientierung mit einigen wenigen Gegenständen erleichtert, während es ansonsten weder Bäume, Wände, den Hintergrund der Rockies, noch normales Tageslicht zu sehen gibt. So wirkt "Dogville" jedoch wie eine Schultheateraufführung mit absoluter Reduktion von allem, was einen Film eigentlich ausmacht. Wäre die Handlung nicht derart spannend, würde der Film mit seinem fremdartigen, mitunter lächerlichen Äußeren (Etwa wenn die Darsteller an Türen klopfen, die nicht da sind, Kidman den Hallenboden mit einer Harke bearbeitet, oder wenn im Hintergrund in aller Regel zu sehen ist, was so alles in den Nachbarhäusern vor sich geht) wie reiner Trash oder ein Amateurvideo wirken, zumal auch die musikalische Untermalung des Films mehr als reduziert ist. So ist es einzig und allein der Erzähler im Hintergrund, der "Dogville" vorantreibt und verhindert, dass von Triers Film nicht in die vollkommene Bedeutungslosigkeit abdriftet.
Von Triers Idee verdient durchaus Anerkennung, aber es sind unterm Strich sehr unglückliche Mittel, mit denen er diese zu realisieren versucht. Außerdem schlägt seine eigentliche Absicht so eher ins Gegenteil um, denn so manch ein Zuschauer wird sich wohl fragen, warum Nicole Kidman in einem mit Kreide markierten Raum ohne Wände eingesperrt ist und was zum Teufel sich von Trier eigentlich bei seiner Inszenierung gedacht hat, als auf die Inhalte einzugehen, die eine bessere Umsetzung verdient gehabt hätten. Von Trier hätte es bei seinem starken Drehbuch belassen und den Rest Christopher Nolan oder David Fincher überlassen sollen.
Da die Darsteller zwischen den Bodenmarkierungen praktisch wie Pantomimen agieren, sind sie in ihren Charakteren im Grunde kaum ernst zu nehmen und dies ist wirklich schade, weil sie sich allesamt gut verkaufen. Nicole Kidman spielt die geheimnisvolle Fremde sehr sympathisch und stellt ihre Opferrolle damit sehr eindringlich dar, behält aber immer eine undurchsichtige, suspekte Note. Paul Bettany agiert ebenso undurchsichtig und wird seiner Figur zu jedem Zeitpunkt gerecht, während auch die übrigen Darsteller bis in die kleinste Nebenrolle hervorragend besetzt sind und mit Stellan Skarsgard, James Caan, Philip Baker Hall und Patricia Clarkson ein paar weitere bekannte Namen zu nennen wären.
Fazit:
Die Story ist hervorragend gelungen, gibt einige Denkansätze über das Wesen des Menschen, Ethik und Moral, sowie die Abgründe der menschlichen Seele und steigert die Spannung darüber hinaus immer weiter. Mit seiner verfremdeten Machart, mit der Dogville einer unterbudgetierten Theateraufführung gleichkommt, hat sich Lars von Trier jedoch keinen Gefallen getan, denn so wirkt das Geschehen derart befremdlich, dass Spannung und Atmosphäre lediglich für einen soliden Unterhaltungswert ausreichen und dagegen kommen auch die hervorragenden Darsteller nicht im Geringsten an. Innovativ, einzigartig und sehenswert, aber weder Kunstfilm, Meisterwerk noch Kultfilm.
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