Dass in Filmtrailern eigentlich immer die besten Szenen eines Films zu sehen sind und das Endergebnis oft enttäuscht, ist hinlänglich bekannt – allerdings gibt es nur zwei Beispiele, bei denen mir der Trailer tatsächlich gereicht hätte und der eigentliche Film die dort zu sehenden sensationellen Bilder lediglich mit belangloser Langeweile ummantelte. Neben Umberto Lenzis „Die Rache der Kannibalen“ (Den Trailer kennt jeder, der eine DVD der „Red Edition“ besitzt – und kann sich aufgrund dessen das eigentliche Machwerk sparen; da es in diesem keinesfalls „mehr“zu sehen gibt) zählt hierzu seit neuestem auch „Adam Chaplin“.
Dessen Trailer zeigt vor allem Splatter, Blut und Gore – und das auf eine hyperrealistisch übertriebene Weise, die einen temporeichen, abgedrehten und extremst blutigen Comic-Trip versprach. Leider schaffte es selbst die Extended-Version des Streifens (die ich mir angeheizt durch diverse Trailer und euphorische Fan Boy-Kritiken erwartungsvoll zulegte), mich vom Gegenteil zu überzeugen und konnte dem vielversprechenden Trailer rein gar nichts hinzuzufügen.
Aber der Reihe nach: Bei diesem Pionier der neuen Italo-Gore-Welle handelt es sich um eine Independent- oder sagen wir besser gehobene Amateurproduktion und ist dafür in Sachen
Optik, Kameraführung etc. tatsächlich herausragend gelungen.
Die Story bietet indes erwartungsgemäß absolut nichts Neues: Die große Liebe unseres tragischen Helden wird lebendig verbrannt, weil sie einem fies entstellten satanischen Oberbösewicht ihre
Schulden nicht rechtzeitig zurück zahlen konnte. So weit, so „The Crow“ oder auch „Faust – Love of the Damned“. Besonders erstgenannter dürfte eine große Inspiration für Regisseur Emanuele de Santini dargestellt haben.
Während bei beiden genannten Streifen jedoch bisweilen sogar etwas Spannung und Mitunter sogar
(Un)Sympathie für einige Figuren entsteht, herrscht bei Adam Chaplin jedoch einzig gähnende Leere. Sogar die Hauptfigur bleibt trotz eindrucksvollen und sehr, sehr häufigen Muskelpaketpräsentationen (Der Gute Emanuele sollte eventuell mal bei der WWE vorstellig werden oder alternativ um den Titel „Mister Universum“ antreten) überraschend farblos, der Betrachter erfährt nämlich rein gar nichts über sein emotionales Innenleben, seine Biographie oder überhaupt eine Motivation, den Racheengel zu mimen. Lediglich eine einzige Rückblende erzählt die Geschichte der ganz großen Liebe seines Lebens – bloß gut, dass dies dem Dialog zu entnehmen war, der emotionslosen und distanzierten Mimik und Gestik de Santinis und seiner Filmpartnerin nach zu urteilen hätten diese in der Szene ebenso gut den WG-Putzplan diskutieren oder einen Banküberfall planen können. Ebenfalls gut, dass bereits der Klappentext verrät, dass Adam einen Dämon beschwor, um seine Rache ausüben zu können – andernfalls hätte ich mich den ganzen Film über gefragt, was dieser komische Laber-Dingdong auf der Schulter des Protagonisten eigentlich darstellen soll.
Dass die weibliche Hauptfigur, wegen der Adam den ganzen Rache-Zinnober veranstaltet, ihre eigene Verbrennung bei lebendigem Leib mit bemerkenswertem Desinteresse zur Kenntnis nimmt, verwundert da kaum noch. So geht es die ganze Zeit weiter: Kein einziger Charakter ist mehr als ein eindimensionaler Stereotyp, die Szenen, in denen de Santini ebenso bedeutungsschwanger wie ausdruckslos seine Muskelpakete vor ruinöser Großstadtkulisse präsentiert, ziehen sich wie Kaugummi, lediglich mit geringerem Unterhaltungswert.
OK, es ist ja ein Splatter-Independentfilm – und zumindest in dieser Beziehung absolut zufriedenstellend, zumal de Santini und seine Crew das Genre hier wirklich auf eine neue Ebene hieven: Völlig überdreht, überzeichnet und hysterisch geht es hier in den Gematscheszenen zu, die maßlos übertriebene Darstellung ist für den Gourmet ein Quell der Freude.
Negativ ins Gewicht fällt hier allerdings der Score, für den ebenfalls de Santini selbst verantwortlich ist: Wie man selbst das abschließende Gekröse-Schlachtfest mit sphärisch-wabernden Synthieklängen anstatt kernigem Nu-Rock der Marke Rob Zombie oder Static X unterlegen kann, bleibt zumindest mir völlig schleierhaft – letzteres hätte die Partyqualität des Filmchens zumindest im Finale steigern und so für so manchen vorherigen Leerlauf entschädigen können.
Allerdings muss man dem Regisseur außerdem ein Gespür für coole, stimmungsvolle und stylishe Bilder attestieren. Nur sind diese auf Dauer halt sehr ermüdend, wenn mit diesen eine x-mal gesehene Allerweltsstory völlig emotionslos und gänzlich überraschungsfrei runtergeleiert wird oder de Santini viel zu viele Filmminuten einzig der ikonischen Selbstdarstellung opfert.
So bleibt Adam Chaplin unterm Strich für mich ein zweischneidiges Schwert: Splatter und Style hui, Story und Charaktere nicht vorhanden, Erzähltempo: Schildkröte. Neue stilistische Impulse für das Genre sind zwar vorhanden, das reicht aber nicht gerade zwingend für 'ne Kaufempfehlung – dann doch lieber nochmal den Trailer gucken.
Als Vierzigminüter, der (im Gegensatz zu deutschen FSK18) ausschließlich die schönen Splatterszenen beinhaltet und das rudimentäre Handlungskonstrukt in maximal 20 Minuten abfrühstückt, hätte ich Adam Chaplin vielleicht gefeiert – so aber gucke ich doch lieber wieder die oben erwähnten Vorbilder, wenn ich eine gelungen umgesetzte „Ich räche den gewaltsamen Tod meiner Liebsten“-Story sehen will – und wenn es ein rasantes, modernes und temporeiches Splatterfeuerwerk sein soll, dass seinesgleichen sucht, ist das ein Jahr später durch de Santinis Bruder (?) Giulio realisierte „Taeter City“ eindeutig die bessere Option.