Review

Zwar hat Resnais niemals ein so breites Publikum erreicht wie die etwa zeitgleich während der nouvelle vague bekannt gewordenen Autorenfilmer Francois Truffaut oder Jean Luc Godard, aber mit Werken wie der der frühen Kurzfilmabhandlung über den Holocaust "Nuit et brouillard" sowie seinen drei wichtigsten Spielfilmen "Annee derniere a Marienbad", "Hiroshima mon amour" und "Providence" ist auch er als einer der wichtigsten französischen Regisseure seiner Zeit in die Filmgeschichte eingegangen.

Resnais befasste sich um 1972 einige Zeit mit dem in Frankreich mehr als anderswo geliebten Schriftsteller H. P. Lovecraft, jedoch kam eine filmische Biographie niemals zustande. (An dieser Stelle sei darauf hingewiesen, dass die Lovecraft Dokumentation von P. Trividic und P. M. Bernard aus dem Jahre 1999 äußerst gut gelungen ist - sie wird hin und wieder auf arte und 3Sat ausgestrahlt.)
1977 drehte er schließlich den leider viel zu unbekannten Klassiker "Providence", der einige Lovecraftsche Elemente aufgreift. Bereits in der Hauptfigur kann man grobe Züge des wohl bedeutendsten amerikanischen Horrorliteraten neben Poe und Bierce ausmachen:

Ein einsiedlerischer Schriftsteller (der Shakespearegeprüfte Sir John Gielgud in einer seiner schönsten Rollen) arbeitet nachts, geplagt vom übermäßigen Alkoholgenuß und schmerzhafter Verstopfung, in seinem Anwesen in Providence an seinem neuesten Roman. Dieser beginnt mit einem älteren Herrn, der sich im Wald in einen Werwolf zu verwandeln beginnt und auf eigenen Wunsch hin von David Warner (bekannt aus Alien, Omen, Zeit der Wölfe etc.) erschossen wird. Es kommt zu einer Gerichtsverhandlung in der Warner von einem zynischen Staatsanwalt - Dirk Bogarde (bekannt aus Tod in Venedig) - in die Mangel genommen wird. Schon bald zeigt sich, dass der Schriftsteller in den beiden Protagonisten seines Romans die eigenen Söhne porträtiert - und noch dazu die Ehefrau des einen Sohns die im Roman als Gattin des Staatsanwalts eine Affäre mit dem Angeklagten beginnen wird. Das ganze läuft auf eine immer ein wenig undurchsichtige Dreiecksgeschichte hinaus in der Gielgud auch den Suizid der eigenen Ehefrau verarbeitet, der ihm unbewusst mehr zu schaffen macht als er sich selber eingesteht. Lovecraftsche Elemente tauchen erneut in einer sich abspielenden Werwolfsepidemie auf und einer ominösen Vereinigung die gegen diese vorgeht und Infizierte im Stadion der Stadt einpfercht. Immer wieder bricht die Liebesgeschichte entzwei und Gielgud, dessen Zuneigung eindeutig Warner gehört, schreibt um, lässt weg und fügt hinzu, wodurch die Handlung immer wieder vor und zurückläuft und mehr oder weniger geringfügige Variationen erfährt. Der Logik eines (Alb)traums gemäß ändern sich ständig die Hintergründe des Ort des Geschehens und Figuren wie ein "berühmter Fußballer" tauchen immer wieder in den unpassendsten Sequenzen auf - sehr zum Unwillen Gielguds, der mühsam versuchen muss seine Gedanken beieinander zu behalten - und zudem immer wieder bei der peinigenden Prozedur auf der Toilette und bei erneutem Alkoholgenuß vorgeführt wird. Die groteske Story endet schließlich mit der Hinrichtung Warners durch den betrogenen, aber durch souverän-arrogantes Auftreten immer unantastbar wirkenden Bogarde und als - quasi auf der Metaebene - Gielgud am nächsten Morgen erwacht. Es ist sein Geburtstag und die kühle, sehr dunkele Atmosphäre der vorangegangenen Szenen, die durch eine von H. R. Giger entworfene Ausstattung, Verfremdung gewisser Elemente auf der Tonspur und natürlich die Horrorelemente der Handlung, die hin und wieder in überraschende Splatterszenen wie die schockierende Autopsie überschwenken, erreicht wird. Beide Söhne und Bogardes Gattin kommen zum Gratulieren und das zuvor entworfene Bild der bösen Überzeichnung Bogardes wird plötzlich neu beleuchtet und demontiert. Der Betrachter muss sich urplötzlich als voreingenommen und manipuliert ertappen und ist gezwungen die erzählte Geschichte samt nächtlicher, an die tote Gattin gerichteter Selbstgespräche Gielguds als Projektion verdrängter Selbstvorwürfe und Emotionen in die Figuren seiner Verwandschaft hinein neu zu ordnen, was ein wiederholtes Sehen des Films unbedingt nötig werden lässt.


Wie bereits in "Annee dernier a Marienbad" erzählt Resnais von Schein und Sein und schafft ein für den Zuschauer äußerst ergiebiges, komplexes Puzzlespiel, das ein gewisser Maß an Reflexionsbereitschaft beim Betrachter voraussetzt.
Herausragend ist auch wieder die geniale Kameraarbeit, die für oftmals irritierende Bilder sorgt, aber diesmal nicht von Sacha Vierny erarbeitet worden ist.
"Providence" ist eine äußerst gelungene Mischung aus Drama, Horrorfilm, Groteske, Kriminalfilm und Essay, die einen bleibenden Eindruck hinterlässt und bei jedem Betrachten eine ganz wundersame Atmosphäre erschafft, der sich der Zuschauer nur schwer entziehen kann.
10/10

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