In der Theorie ideell und imaginär, in der Aufführung leider nicht mit der Umsetzung diesen Wissens, erweist sich My Kingdom wenigstens über die erste Spielhälfte als doch sehr interessante Zutat zum diesjährigen Chinesischen Kino; und dies gerade aufgrund dessen, dass es eigentlich ein ganz anderes, einst gefeiertes und mittlerweile in den Elitären Kreis zurückgeschobenes Medium bemüht. Denn anfangs steht im Vordergrund der Geschichte um die private und so intime Variante eines "Bandenkrieges" im Shanghai Anfang des 20. Jahrhunderts nicht das verbalisierte und emotional zur Schau getragene Spiel der Gefühle, sondern das Spiel der Bewegungen. Das stumme, aber umso überzeugende, da mit physischen Aktionen ausgetragene Agieren in Tradition, Kostüm und Schminke. Inklusive Actionszenen überwacht von Chin Kar-lok und Sammo Hung:
Nord-China. Am Ende der Ching-Dynastie wird die gesamte Familie des fünfjährigen Meng Er-kui [ jung: Tan Yang. erwachsen: Han Geng ] durch ein Erlass des Prinzregenten hingerichtete, einzig er überlebt durch Gnade und Aufnahme in die Beijing Opera Schule von Yu Sheng-ying [ Yuen Biao ], der ihn an der Seite des siebenjährigen Waisen Guan Yilong [ jung: Xie Shangchen. erwachsen: Wu Chun ] lehrt. Als Yu eines Tages vom brüsken Shanghai Grand Opera Master Yue Jiang-tian [ Yu Rongguang ] gegen seinen Willen herausgefordert und durch eine Einmischung seiner noch unwissenden Schüler verliert, schwören die beiden Heranwachsenden erbitterte Rache, wozu sie 15 Jahre darauf auch Gelegenheit erhalten sollten. Auf Yues Heimatbühne im Shanghai von 1920 fordern sie andererseits den umjubelten Theaterstar und respektierten "Opera Warrior" heraus, was vom skrupellosen, unter dem britischen Zugeständnis dienenden Polizeichef Lu [ Louis Liu ] aufmerksam beobachtet, von Yues bester Schülerin und Geliebtin Xi Mu-lang [ Barbie Hsu ] allerdings ungern gesehen wird. Zusätzlich von der Vergangenheit angestachelt will Meng Er-kui als "Flying Spear Killer" auch noch sämtliche Söhne des Prinzenregenten töten, wodurch er bald in die Ermittlungen der Polizei und auch eine gravierende Gewissensentscheidung gerät.
Once Upon A Time In Shanghai.
Die Theorie des Theaters und der Chinesischen Oper trifft dabei auf die Abänderung im Cineastischen ebenso wie Brauchtum auf Modernität und Alt und Jung aufeinander, was dem bislang dritten Film vom (weitgehend unerfahrenen, zuvor eher als Komponist, Liedtexter und Musikproduzent bekanntgewordenen) Gao Xiao-song nach dem Skript des letztlich eher reputierten Zou Jing-zi zumindest weitaus genug Zutaten und Beimengungen dessen verschafft. Warum man trotz des mehrmals offen zur Schau getragenen Wissens von "Life is like a drama" – "...I think, drama is like life" und "As long as the action is captivating, no one will complain" und insgesamt vier Jahren Vorbereitungszeit nicht auf die eigenen Aussagen vertraut oder dies in die Bilder selber auspflanzen kann, gehört schon zu dem einzigen, aber auch schwerwiegenden Nachteil des Filmes. Erst Positives und Erfrischendes wird dann doch zum Klischee gefroren, den begrenzten Darstellungen gerade der jüngeren Schauspieler zu sehr vertraut, der Inhalt von Intimität zu Begrenztheit verwandelt. Das ist handsome, zerbrechlich wie ein Porzellanpüppchen, und ziemlich manieriert.
So stellt sich die Handlung trotz öffentlichkeitsaktiver Ein- und Ausflüsse als Kammerspiel eher hinter als auf der Bühne dar, ist das Umkleidezimmer mit Spiegel und Fundus der eigentliche Ort von Austragung und Diskussion, geht die Show nicht konkret oder visionär weiter, sondern bleibt im trockenen Skript, den steifen Wörtern und bemühten Schauspiel samt Paraphrasieren stecken. Dabei sind die Möglichkeiten für Mehr durchaus gegeben und anfangs auch genutzt, wird die Vor- und Nachbereitung hinter der Bühne in braungedämpfter Wärme und die Performance auf dem Podium vor Publikum im sachgemäßen und sachverständigen Wechsel gereicht und mit mehrerlei Analogien und Thesen dargeboten. Gerade die erste, die zweite und dann auch lange Zeit letzte Kampfszene auf beweglicher Empfangfläche trägt das Geschehen von der normalerweise in Buchstaben und Raum gefangenen Arena des Theaters hinaus in die sozialen Bereich davor, erwacht das geschriebene Bühnenwerk quasi zum Leben, was nicht nur die Statisterie, sondern auch die Zuschauerschaft mit einschließt. Für einen Moment wird das jeweilig gezeigte Stück – in dem Fall eines namens "Batter of the Flags", wo ansonsten auch "Farewell My Concubine" oder "Monkey King" gespielt werden – atmend und temperamentvoll und versetzt auch das sonst passive Auditorium in einen ekstatischen Zustand. Eine mehrminütige Sequenz aus Darstellung, Deklamation, Martial Arts und Waffenkampf, das repräsentatives Ereignis ungeheuerer Energie für sich, aber auch schon früher und eigentlich auch einziger Höhepunkt des Filmes selber ist.
Wo dort die Übertragung aus dem geographisch geschlossenen Raum der Bühnendekoration mit fest gemalten Hintergrund hinein in das Theater selber und seine Gesellschaft und so eine atmende und atemberaubende Dreidimensionalität gelingt, verbleibt der Rest leider in merkbarer, wenn auch weiterhin tadellos angezogener Kulisse und auch spürbarer und so grauer Theorie. Der Übertritt von onstage und offstage wird alsbald vernachlässigt, das Erzählen einer archaischen und schon oft erzählten Geschichte im visuell modernden Gewand durch das Verharren auf unglaubhaften Gefühlen in einem jeweils gleichen dunklen Farbton ebenso. Die Tragenden Säulen des Theaters bleiben behauptet, macht sich trotz ausgerufener Neuer Ära und eines Neuen Chinas eine merkwürdige Schwelle des Widerstandes und der Zähigkeit breit, wird auch die Inszenierung der 10.5 Mio. USD und bald eher nach Fernsehen ausschauenden Produktion nun abweisend statt hingebend. Erst die Individualität, dann die Naivität und Trennungsstriche.