Review
von Leimbacher-Mario
Jäger und Gejagter
"The Stranger" - der dritte richtige Film von Genie und Tausendsassa Orson Welles. Immer in den mächtigen Schatten seiner berühmteren (und besseren) Werke, von ihm selbst gerne missachtet oder beiseite geschoben, zwar sein erster Publikumserfolg aber scheinbar künstlerisch eher zweitrangig. Nur ist ein zweitrangiger Orson Welles nicht noch immer eindeutig erstklassig? "The Stranger" beantwortet dieses Frage recht deutlich mit Ja. Ein Thriller über einen hochrangigen Nazi, der es sich nach dem Krieg bzw. in der Endphase von diesem in den Staaten unter neuer Identität gemütlich gemacht hat und sogar heiratet. Doch ein erbarmungsloser und hartnäckiger Nazijäger ist auf seinem Versen und lässt nicht locker, bis Orson Welles als anpassungsfähiger Holocaust-Architekt dieses Mal nicht von Schweizer Uhren quatscht, sondern direkt von einer aufgespießt wird...
Beeindruckende Kamerafahrten, eindringliche Winkel und extreme Kontraste - alles vorhanden, wenn auch lange nicht so exzessiv wie in seinen Meisterwerken. "The Stranger" trägt unverkennbar Welles' Handschrift, kombiniert diese jedoch mit einer simplen Verfolgungsjagd, die sich zwar ein paar Auszeiten gönnt, aber nie still steht oder Unterhaltungswert ablegt. Mainstream trifft hohe Kunst, ein Meister macht Massenware. Welles spielt die Naziführungskraft auf Abwegen eindringlich und vielschichtig, doch gegen das schauspielerische Schwergewicht Edward G. Robinson kann er nur den Kürzeren ziehen. Dieser spielt den Wadenbeißer und Ermittler mit einem einzigartigen Verve während Loretta Young als getäuschte und am Ende desillusionierte Ehefrau ebenfalls im Gedächtnis bleibt. "The Stranger" mag kein unabkömmlicher Klassiker sein, doch ein solider Thriller, inszeniert und gepimpt von Orson Welles, dürfte genug für sich sprechen.
Fazit: ein für Welles erfrischend geradliniger und kompakter Krimi, der dennoch seine stilistischen Schauwerte in sich trägt und von vorne bis hinten fesselt. Eine adrenalintreibende Film Noir-Nazijagd von Orson Welles (momentan auf Netflix) - ganz ehrlich, worauf wartet ihr noch?!