Immer wieder schön, wenn man im Italowestern auf gehaltvollere Produktionen trifft, die etwas mehr möchten, als nur die bekannte Leier herunterzubeten.
„Rocco, ich leg’ Dich um“ von Giuseppe Vari („Die Höllenfahrt, „Urban Warriors“), beileibe kein typischer Westernregisseur, dürfte zumindest inspirierend auf die wenig später produzierten „Der Tod ritt Dienstags“ oder auch „Bandidos“ eingewirkt haben, tritt doch auch dort die selbe Prämisse in Kraft. Der Meister muss sich nach getaner Ausbildung mit seinem Schüler duellieren..
Der (natürlich finale) Konflikt entwickelt sich dabei vor einer klassischen Konstellation. Der Großgrundbesitzer Barrett (Daniele Vargas, „Friedhof ohne Kreuze“) will mithilfe einer simplen wie effizienten Finanzstrategie das Land aller umliegenden Farmer an sich reißen, indem er ihnen erst Darlehen überlässt und die später wieder mit dem Wissen einfordert, dass sie gar nicht zurückzahlen können und sich so ihr Land überschreiben lässt. Eine sichere Sache, zumal der Sheriff keinen blauen Dunst hat.
Sein Kumpan legt derweil lieber selbst Hand an, um die zähen Fortschritte zu beschleunigen, zieht damit aber auch den Wut der Farmer auf sich, die sich darauf organisieren.
Nur der friedfertige Mexikaner Ramón (George Eastman, „Django und die Bande der Gehenkten“, „Antropophagus“) will sich ihrem gewalttätigen Widerstand nicht anschließen, obwohl er von Barretts Männern überfallen und um das Geld, das ihn aus dem Griff des Finanziers befreit hätte, erleichtert worden ist.
Als er zu Barrett reitet, um den Verlust seines Vermögens zu erklären und sogar einen Schuldigen wiedererkennt, wird er ausgepeitscht und verprügelt, um nach seiner Rückkehr zu Hause nur noch eine abgebrannte Farm und tote Familienmitglieder vorzufinden. Als Vergeltung für die Meuterei der Farmer hat Barrett zurückgeschlagen. Nicht schwer auszumalen, was Ramón nun vor hat.
Trotz des schwer nach Konserve klingenden Scores von Roberto Pregadio („Seine Kugeln pfeifen das Todeslied“, „Django - Unerbittlich bis zum Tod“), der ganz sicher nicht zu den Bildern komponierte, und einer eigentlich unspektakulären, ruhigen Umsetzung bewahrt sich der Film dank souverän gezeichneter Figuren seine nicht abzuleugnende Qualität. Denn so viel ist insgesamt gar nicht einmal los, zumal abseits der bald einsetzenden Beziehung zwischen Ramón und Rocco nur Barrett sein Netz der Intrigen weiterspinnt.
Pikant an der Angelegenheit ist die Tatsache, dass Rocco von Barrett engagiert worden ist, damit er die ihm im Weg stehenden Leute tötet, was er im ersten Fall auch gleich umsetzt, als er im Saloon Barretts viel zu eigensinnigen Partner umbringt. Beim Verlassen des Saloons soll der angeheuerte Killer jedoch hinterrücks erschossen werden, was Ramón verhindert und sich dafür eine Kugel einfängt. Rocco steht in seiner Schuld, nimmt ihn mit, pflegt ihn gesund und kommt dem Wunsch nach, aus dem Mexikaner einen erstklassigen Revolverschützen zu machen. Natürlich ohne zu wissen, dass er damit seine eigene Nemesis ausbildet.
Die interessante Gegensätzlichkeit der einsamen Figuren sind das Salz in der Suppe. Der müde Meisterschütze Rocco, der, wenn die Kasse stimmt, jeden Auftrag kaltblütig erledigt, will diesen letzten Job für Barrett eigentlich nur noch des Geldes wegen mitnehmen und damit in seine Heimat zurückkehren, um dort ein friedliches Leben als Farmer zu führen und seinen Lebensabend zu genießen, während Ramón ziemlich geduldig auf Rache brennt und sich als Naturtalent herausstellt.
Obwohl George Eastman natürlich in den fiesen Maniac-Rollen wesentlich eindrucksvoller agiert und ich mir an seiner Stelle einen Tomas Milian wesentlich besser vorstellen kann, so macht er abseits seiner Paradebesetzung eine gute Figur, zumal eine Spur funkelnde Unberechenbarkeit bei ihm hin und wieder trotzdem durchscheint.
Gegen den eindrucksvollen Jugoslawen Dragomir „Gidra“ Bojanic („Rocco - der Einzelgänger von Alamo“, „Django - Den Colt an der Kehle“) besteht er also, obwohl der mit seiner Abgebrühtheit und Weisheit einige Lacher auf seiner Seite hat und die besseren Szenen erhält.
Diese bald aufkeimende Männerbeziehung, fast schon ein Vater-Sohn-Verhältnis, stellt dann auch das beste und interessanteste Kapitel des Films dar.
Rocco breitet seinen gesamten Erfahrungsschatz vor dem Jungen aus, erteilt ihm Lektionen, unterweist ihn in bestimmten Riten, erklärt ihm vorteilhafte Kleinigkeiten während eines Duells, lehrt ein paar Tricks oder die Regeln seines tödlichen Handwerks und stößt ihn regelmäßig vor den Kopf, um festzustellen, wie ernst es dem Jungen ist. Sein Beruf fordert Perfektion, sonst macht man es nicht lange und erbringt Ramón an einer Hütte in den Bergen alles bei, was er selbst weiß.
Obwohl nie eine dicke Freundschaft zwischen den beiden gedeiht, so finden die beiden sich doch schnell sympathischer als anfangs noch gedacht, bis Rocco loszieht, um seinen Auftrag erfolgreich abzuschließen, der Versuchung von noch mehr Geld darauf nicht widerstehen kann und schließlich Ramón in einem dramatischen Finale gegenübersteht, das nur einen Gewinner zulässt.
Einen guten Eindruck hinterlässt „Rocco, ich leg’ Dich um“ letztlich vor allem durch seine sehr konzentriert ausgearbeitete Beziehung zwischen den beiden Hauptfiguren, die sich gerade in einem Stadium der Veränderung befinden. Ramón, der friedfertige Bauer will zum perfekten Revolverschützen ausgebildet werden, während Rocco damit längst durch ist und sich nach eben dem Leben zurücksehnt, dass Ramón bis dato geführt hat.
Schießereien gibt es eigentlich keine, wenn man auf kleinere Schusswechsel, die dann aber auch gleich Folgen haben, absieht und das eigentlich bewährte Motiv habgieriger Großgrundbesitzer ist auch nur der Rahmen für die Geschichte.
Obwohl kompetent inszeniert, liegt die Stärke damit im intelligenten Drehbuch, dem weniger an der x-ten Rekapitulierung bekannter Schemata liegt, sondern auf ausgearbeitete Figuren setzt.
Fazit:
Überraschend gelungener Italowestern, der seine Stärke primär aus seinen Figuren und ihrer Beziehung zueinander bezieht. George Eastman und Dragomir „Gidra“ Bojanic spielen gut, der Humor wird wohl dosiert, die Inszenierung gibt keinen Anlass zur Klage und das tragische Ende, so absehbar es auch ist, schon ein kleines Highlight.
Sicherlich ein eher unspektakulärer Italowestern, doch dafür einer mit liebevoll gezeichneten Charakteren und einer Portion Innovativität. Beides bekommt man nicht unbedingt oft in diesem Genre zu sehen.