Nachdem bereits die „Freitag, der 13.“-, „Halloween“- und „A Nightmare on Elm Street“-Horrorfilmreihen ausführlich in Dokumentarfilmen behandelt wurden, wobei sich besonders die beiden letztgenannten qualitativ wie informativ hervortaten, machte sich US-Regisseur Robert V. Galluzzo mit seinem Regiedebüt auf, der von Alfred Hitchcock initiierten „Psycho“-Reihe um Motelbetreiber, Muttersöhnchen und Psychopath Norman Bates alle Ehre zu erweisen. Der 2010 erschienene Film „Psycho Legacy“ behandelt dabei nicht nur Hitchcocks Meisterwerk, sondern auch die von der Kritik unterschiedlich aufgefassten drei Fortsetzungen.
„Psycho Legacy“ setzt sich in erster Linie aus Interviews mit beteiligten Regisseuren und Schauspielern, von „Psycho“ beeinflussten Filmschaffenden und belesenen Fans sowie kommentierten Filmausschnitten zusammen und geht dabei in seinen rund 90 Minuten chronologisch vor. Da sowohl Alfred Hitchcock als auch Norman-Bates-Darsteller Anthony Perkins leider verstorben sind, muss man für beide auf Archivmaterial zurückgreifen. So erfährt man, was am 1960 veröffentlichten „Psycho“ so neu und andersartig war, dass er nicht nur zu einem der erfolgreichsten und meistzitierten Horrorfilme, sondern auch zum Prototypen eines Jahre später von John Carpenter mit „Halloween“ ins Leben gerufenen Subgenres, dem „Stalk’n’Slash“-Film, kurz: Slasher, avancierte. So machte Hitchcock beispielsweise Schluss mit der Unsitte, dem Publikum zuzugestehen, ruhig etwas später in die Vorstellung kommen zu können, da zu Beginn eines Films ohnehin nicht viel passiert. Wer bei „Psycho“ zu spät kam, hatte das Nachsehen. Zudem bat er um absolute Geheimhaltung des Plottwists, der die Identität des Mörders und dessen Motiv enthüllt. Auf Feinheiten wie Hitchcocks Vogelsymbolik wird ebenso eingegangen wie auf die berüchtigte Filmmusik, die schockierende Duschszene und ganz besonders natürlich auf Hauptdarsteller Anthony Perkins. Dieser war vor „Psycho“ vornehmlich der nette Junge von nebenan, nahm aber die Rolle an, identifizierte sich mit ihr und führte sie weiter, baute sie aus. „Psycho Legacy“ erklärt, wie Hitchcock das Filmemachen verändert und geprägt und den Grad der Akzeptanz von Gewalt im Film erhöht hat. Und wer es nicht ohnehin schon wusste, erfährt, dass der US-amerikanische Serienmörder Ed Gein reales Vorbild für den Charakter Norman Bates war.
Während sich hinsichtlich der Qualitäten des Original-„Psycho“ heutzutage alle weitestgehend einig sein dürften, gehen die Meinungen in Bezug auf die Fortsetzungen stark auseinander. Erst im Jahre 1983 wagte sich US-Regisseur Richard Franklin („Link, der Butler“) an „Psycho II“, der von einem nach 22 Jahren als geheilt entlassenen Norman Bates ausgeht und Anthony Perkins erneut für dessen Paraderolle gewinnen konnte. Die Auseinandersetzung mit den so ein bisschen ein stiefmütterliches Dasein gefristeten Fortsetzungen ist für mich das eigentlich Interessante an „Psycho Legacy“. Auch für die künstlerischen Details dieser Filme wird der Blick geschärft, über Erfolg und Misserfolg informiert, Konzepte und Drehbücher erläutert. Im Mittelpunkt steht nach wie vor Perkins, über dessen Zusammenarbeit Regisseure und Schauspielkollegen berichten. „Psycho III“ wurde von Perkins höchstpersönlich inszeniert, für „Psycho IV“ die Mythologie abgeändert und Stephen-King-Hausregisseur Mick Garris verpflichtet. Das ist alles zweifelsohne interessant zu verfolgen und macht große Lust, sich die Filme (noch) einmal anzusehen – als etwas problematisch empfinde ich jedoch die Perspektive: Diese fiel recht einseitig aus, wirkliche kritische Stimmen finden keine Berücksichtigung. Das ist schade, denn gerade die Gegenüberstellung von argumentativ untermauerter positiver und negativer Kritik wäre interessant gewesen. Diese Chance ergreift Galluzzo leider nicht, so dass „Psycho Legacy“ bisweilen wie eine Werbeveranstaltung für die Filmreihe wirkt. Generell erscheint die Laufzeit des Films aber auch etwas zu kurz geraten, um wirklich in die Tiefe gehen zu können.
Die Interview-Passagen wurden so zusammengeschnitten, dass sich ein unterhaltsamer, dynamischer Informationsfluss ergibt. Der radikale Schnitt verfuhr jedoch vermutlich nach dem Motto „besser zu wenig als zu viel“ und ließ mit Sicherheit viel Interessantes unter den Tisch fallen, gefangengenommen vom 90-Minuten-Diktat. Wem es nach mehr dürstet, wird aber vermutlich im ausgiebigen Bonusmaterial der Heimkino-Veröffentlichungen fündig werden. „Psycho Legacy“ ist eine unterm Strich nicht uninteressante Ehrerbietung an die gesamte Filmreihe, die in erster Linie dazu animiert, sich selbst mit den Filmen auseinanderzusetzen, aber auch schönes, rares Bild- und Videomaterial Anthony Perkins‘ bietet, der mit seinem Schauspiel alle vier Filme prägte und hoffentlich auf ewig unvergessen bleiben wird.