Die Seele leuchtet rot
"Cries & Whispers" - "Schreie & Flüstern" - "Viskningar och rop"
In seinen knapp 90 Minuten packt dieses traumgleiche Werk fast das ganze Können seines Regisseurs auf den Tisch - und selbst dessen Kritiker wissen, dass bei einem filmischen Schwergewicht wie Ingmar Bergman, so mancher Tisch auch mal zusammenbrechen kann. Stellenweise ging es mir bei diesem mystischen Werk wie dem Tisch, von verstört bis gelangweilt durchlief ich konträrste Gegensätze. Das passt zum Glück zu "Schreie & Flüstern", denn die Geschichte der im Sterben liegenden Schwester, an deren Todesbett die anderen zwei Schwestern (& der Zuschauer) einen gefühlvoll-aufwühlenden Alptraum erleben, steckt ebenso voller Gegensätze. Ein Mysterium samt Sogkraft, wie nur wenige Werke in der Geschichte, über dessen Strudel an Eindrücken & Symbolen man sich aber vielleicht erst viel später klar wird. Vielleicht am nächsten Tag, im nächsten Monat, wenn man mit einem Todesfall konfrontiert wird, seine Geschwister wiedersieht oder passenderweise sogar im Traum.
Als eine Mischung aus "Fanny & Alexander" & "Persona" sticht vor allem die Farbe Rot ins Auge. Bergmans schönster Film, auch vom Look her auf den Punkt. Liebe trifft Tod, Blut trifft Wut, Leben trifft Leere, innere Weite trifft äußerliche Klaustrophobie . Diese roten Abblenden, die die vielen Symbole & Metaphern, von unterbewusst bis religiös, nochmal unterstreichen & zusammen mit den wunderschönen Nahaufnahmen die ausdrucksstarken Schauspielerinnen hervorheben, habe ich noch nie so gesehen, der Look hat sich mir ins Auge & Gedächtnis gebrannt. Warm & doch so kalt, ein oft schwer zu entziffernder Traum, schmerzhaft & ehrlich, unser tiefstes Inneres ansprechend wie es fast nur Bergman kann. Hier ist er "On top of his Game" wie man Übersee so schön sagt.
Die Geschichte an sich ist, trotz einiger eingestreuter Rückblenden & Erinnerungen, kaum in Bewegung & in einem Satz erklärt, fast schon kaum der Rede wert & oft träge, ermüdend. Aber genau diese langsame, hypnotische Art ist ein starkes Stilmittel & macht den Film perfekt geeignet, zusammen mit seiner knappen Laufzeit, für wiederholtes Sehen. Interpretieren & Deuten, wie es jeder für sich selbst subjektiv machen kann, war selten geforderter. Die Szenen, in denen die krebskranke Agnes von unglaublichen Schmerzen geplagt, erbärmlich schreit, schwer atmet & letztendlich stirbt, sind unvergesslich. Was man fast bedauert auf Grund ihrer Schrecklichkeit. Noch nie habe ich jemanden so schreien gesehen, weder in einem Film noch in echt, und muss dies eigentlich auch nicht mehr unbedingt. Auch die scheinbare Auferstehung bzw. der kurze, letzte Ruf nach Wärme & Nähe, geisterhaft & fast aus der Ego-Perspektive, ist meisterhaft & verfolgt mich. Das sind Höhepunkte in Bergmans Karriere, in denen der, wie immer differenziert & einfühlsam eingefangenen, Schauspielerinnen & letztendlich auch der Filmgeschichte. Selbst wenn man sich langweilt & einschläft, wird man von den Bildern träumen, selbst wenn der Film einem über den Kopf schießt (wie mir auch teilweise zugegebenermaßen), muss man seine pure Schönheit & Perfektion anerkennen.
Fazit: kalt trotz der wärmsten Farbe, leer trotz der tiefsten Gefühle. Eine Studie wie ein Traum, ein Film wie ein Horror, ein Tod wie eine Erlösung. Bergmann leuchtet mal wieder, erleuchtet mich persönlich aber nur ganz langsam... Bin ich schon reif genug? "Schreie & Flüstern" kommt der Perfektion verdammt nah & ist nicht umsonst einer seiner eigenen Lieblinge, für seine Fans ein Fixstern.