Ich habe lange darauf gewartet, einmal einen Film von Ingmar Bergmann zu Gesicht zu bekommen. Denn mehr oder weniger scheint es eine Art Bildungslücke zu sein, sich als Filmliebhaber nie auch nur ansatzweise mit seinem Werk beschäftigt zu haben. Und seit "Vargtimmen" ("Die Stunde des Wolfes") kann ich nachvollziehen warum. Es scheint schon seine Berechtigung zu haben das Ingmar Bergmann als der vielleicht bedeutendste Regisseur unserer Zeit gilt.
Alma (Liv Ullmann) und ihr Mann Johan (Max von Sydow), ein Maler, fahren wie jedes Jahr zu ihrem auf einer Insel vor der Küste gelegenen Sommerhaus. Doch von Anfang an liegt eine merkwürdig betäubende Stimmung auf Johans Gemüt der sich alsbald auch Alma nicht entziehen kann. Immer mehr erkennt sie, wie sie und Johan sich entfremden unter einem seltsamen, undefinierbaren Albdruck der Angst. Wie aus dem nichts treffen die beiden in der kargen Einöde auf unbekannte Menschen, die sich bald als Angehörige des Barons Merkens erweisen, welcher Alma und Johan zu einem Diner eingeladen hat. Die Dekadenz und Überspanntheit der Adelsfamilie verunsichern die nervöse Alma und widern Johan an. Dennoch scheinen diese Menschen Veronica Vogler zu kennen, welche einst Johans Geliebte war und der er scheinbar immer noch nachtrauert. In einem Strudel aus höllischen Visionen wandelt Johan durch das Schloss, in dem Glauben, Alma, auf die er geschossen hat, getötet zu haben und auf der Suche nach Veronica, die bei den Merkens zu Gast sein soll. Schließlich sieht Alma ihren Mann im Wald umgeben von der Adelsfamilie, die über Johan herfällt und ihm das Blut aussaugt…
Es wäre unmöglich gewesen, eine einigermaßen angemessene Inhaltsangabe zu liefern ohne die Interpretation der Vorgänge nicht mit einzubeziehen oder in seitenlange Handlungs-Nacherzählung versinken. So ist zumindest das grobe Gerüst. Dabei sieht sich der Film anscheinend als künstlich nachgestellte Rückblende. Während des Vorspannes hört man unruhiges Stimmengewirr vom Filmset, dann nimmt Alma vor der Kamera Platz und beginnt zu erzählen. Auf ihrem Gesicht liegt eine Mischung aus Trauer, Fassungslosigkeit, Resignation aber auch Erleichterung. Sie beginnt von der letzten Zeit ihrer Beziehung Johan zu sprechen. Von der Angst und der Lethargie, die sich in den letzten Monaten über ihre Beziehung zu Johan gelegt hatte berichtet sie.
Hier ist es sinnvoll, einen der Gäste des Diners auf Schloss Merkens zu zitieren:
"Diese offenen Wunden verheilen nie, sie hören nicht auf zu eitern, eine Infektion die chronisch ist aber lange kann es nicht mehr dauern bis das Ende kommt. Allerdings hängt es davon ab, ob das Herz durchhält."
Dieser Satz fasst die schmerzhafte Entfremdung von Johan und Alma, die auch in quälend intensiver Weise aufs Publikum überspringt äußerst treffend zusammen. Man ist sich sicher, das Beide nicht den ganzen Film über in dieser Starre verharren werden, zumindest Alma versucht immer wieder, Johan wachzurütteln und ihm ihre immer noch bestehende Liebe und Angst zu signalisieren doch Johan scheint vor innerer Zerrissenheit und Angst wie gelähmt, unfähig, Emotionen zu zeigen. Selbst als Alma ihm eröffnet, das sie sein Tagebuch gelesen und die Wahrheit über seine Beziehung zu Veronica Vogler erfahren hat, nimmt er dies nur beiläufig war. Alma hat ihren Mann in diesem Tagebuch von einer ganz anderen Seite kennen gelernt.
Das Zerbrechen der Beziehung wird von Bergmann mit verschiedenen, harten filmischen Mitteln unbarmherzig und kompromisslos zelebriert. Harte Kontraste im Licht zwischen den beiden Partnern, ein an der Wäscheleine wild im Wind flatterndes Laken, das einen nüchternen Austausch der beiden stört sowie scheinbar endlose Einstellungen, in denen die Kamera wie eingefroren auf den Beiden verharrt die sich trotz ihrer Nähe auf zwei unterschiedlichen Bildebenen befinden und nicht zueinander zurückfinden. Auch die Angst vor allem Fremden und die Unsicherheit Johans, die sich in Schwindelerregender Geschwindigkeit zum Wahnsinn entwickelt wird bei dem abendlichen Diner durch schnelle Schwenks und Schnitte, die zwischen den in Großaufnahme gefilmten Gesichtern der feinen Gesellschaft hin- und her pendelt perfekt zum Ausdruck gebracht. Das affektierte Lachen und das banale Geplapper dieser Menschen wirkt in dieser Inszenierung beinahe aufdringlich und bedrohlich und auch als Zuschauer fühlt man sich wie Jonathan nicht recht wohl in der eigenen Haut.
Aus den asketischen Schwarzweißbildern die teilweise in Grau zu versinken scheinen, dann wieder durch harte Kontraste überstrahlen und nur einen Teil der Wirklichkeit abbilden resultiert eine merkwürdige grobschlächtige doch zugleich auch streng kalkulierte Ästhetik, die an den expressionistischen Stummfilm erinnert und dem Geschehen eine zusätzliche Intensität verleiht.
Am Ende des Filmes fragt Alma:
"Stimmt es, das wenn man viele Jahre mit ein und derselben Person zusammenlebt, man ihr dann immer ähnlicher wird, den gleichen Gesichtsausdruck und das gleiche Denken annimmt? Und habe ich diese Wesen (die Adelsfamilie der Merkens, die über Johan hergefallen ist) nur deswegen gesehen oder waren sie wirklich da?"
Bergmann eröffnet somit auch die Alternative der Fiktion, das letzten Endes all diese schockierenden Visionen am Ende des Filmes nur in Almas Imagination existierten und nie real waren. Und das kann als Erklärung des gesamten Filmes dienen. Denn Johan erscheint schizophren, abwesend und introvertiert im einen Moment, schüchtern aus sich selbst heraustretend und offen für einen kurzen Augenblick fragilen Glücks mit seiner Frau im Nächsten. Eine schizoide Maske scheint über allem zu liegen und dies von Anfang an, und am Ende als Johan im Schloss nach Veronica Vogler sucht, vollzieht einer der Adelsfamilie eine Metamorphose an ihm, schminkt und kleidet ihn neu.
"Sieh in den Spiegel und erkenne dich selbst. Du meinst dich zu sehen- und doch bist du es nicht!"
Und der Maler Johann, der in abgetragenen Kleidern über die Klippen der Insel wandelt und dieser neue, androgyne Johan erscheinen bereits rein äußerlich vollkommen verschieden.So lassen sich die ständigen Wandlungen von Extrem zu Extrem begreifen: Eine Persönlichkeitsspaltung, die sich in Wahnvorstellungen und Verfolgungswahn äußert (Außer Almas Berührung lässt Johan niemand zu nahe an sich heran und versucht der Nähe anderer Menschen zu entkommen).
Eine Schizophrenie, die ihn zu Taten treibt, die er nie
begehen würde, wäre er von nur einer Persönlichkeit beherrscht. Er würde nur Alma lieben, in seinen Halluzinationen nie mehr einen Gedanken an die unwirkliche Veronica Vogler verschwenden, es gäbe diese dämonische Aristokraten-Familie vielleicht gar nicht, ohne die er Alma nie angeschossen hätte da er den Revolver von ihnen erhalten hatte und er hätte sich vielleicht auch nie umgebracht (?), hätte er sich nicht von ihnen verfolgt gefühlt, genauso wie er nie den kleinen Jungen am Strand erschlagen hätte, den er in seiner Angst für einen bösen Geist gehalten hatte.
Doch man ist sich als Zuschauer nicht sicher, schwankt zwischen dieser Möglichkeit und mannigfaltigen weiteren Deutungsmöglichkeiten hin und her. Und so soll es jedem selbst überlassen sein, "Vargtimmen" zu begreifen.
Für mich selbst handelt es sich hierbei jedoch um ein atemberaubendes, und in beängstigendem Maß suggestives Kunstwerk das von Bergmanns virtuoser Regie, der spielenden Leichtigkeit, mit der er verschiedenste filmische Stilmitte zu einer harmonischen Gesamtkomposition zusammenträgt und seinen schlichtweg grandios und einfühlsam agierenden Hauptdarstellern, Liv Ullmann und Max von Sydow getragen wird. Auch wenn Anfangs große Verwirrung herrscht: Beim zweiten Sehen lichtet sich der Dunstschleier der Reizüberflutung und macht dem fragenden Wunsch, diesen beängstigenden und verunsichernden Reigen aus Bildern und Phrasen der Entfremdung und der Paranoia zu verstehen Platz und da es sich hier trotz aller wissenschaftlichen Analysen meiner Meinung nach doch schließlich und endlich um ein Psychodrama handelt, wird Ingmar Bergmanns Meisterwerk auch niemandem für ewig unzugänglich bleiben. Vielleicht die gelungenste filmische Umsetzung von Schizophrenie, die je entstanden ist und für jeden Liebhaber von filmgewordenen, surrealistisch umgesetzten psychischen Extremzuständen ein Pflichtfilm.