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Andreas Winkelman (Max von Sydow) lebt allein in einem heruntergekommenen Haus auf der Insel Färo. Eines Tages bekommt er Besuch von der vom Leben gescholtenen Anna Fromm (Liv Ullmann), die nach einem verzweifeltem Telefonat genauso schnell verschwindet, wie sie erschienen ist. Die Tasche, welche sie vergessen hat, enthält den Abschiedsbrief ihres Ex-Mannes, in dem es heißt, dass ihre Beziehung zueinander aufgrund von psychischen und physischen Schmerzen, welche sich beide gegenseitig zufügen, nicht mehr ertragbar ist. Andreas gibt die Tasche in Annas Haus ab, lernt dabei ihre Bekannten kennen: Eva Vergerus, eine Frau die sich im Schatten ihres Mannes in eine unauffallende Existenz verflüchtigt hat, und Elis Vergerus, ein notorischer Fotograph, welcher für sich selbst und für seine Umwelt nichts anderes übrig hat, als Zynismus und seine Freizeit mit dem Sammeln und Erstellen dubioser Fotoreihen verbringt.
Nach einer kurzen Liason mit Eva geht Andreas schließlich eine Beziehung mit Anna ein, welche jedoch alsbald in einem weiteren Disaster zu enden droht.

Seelische Isolation, Verzweiflung und die Suche nach dem individuellen Sinn des Lebens sind wie schon oft Kernpunkte von Ingmar Bergmans Film En Passion. Die Haupthandlung rankt sich um zwei gescheiterte Existenzen: Andreas, welcher nach der Scheidung seiner Frau zurückgezogen lebt, und immer unfähiger wird, seine Gefühle auszudrücken und zu empfinden, und Anne, dessen Mann und Kind bei einem Autounfall ums Leben gekommen sind und sie traumatisiert und auf sich allein gestellt im Diesseits zurückgelassen haben.

Die Beziehung der beiden verläuft anfangs harmonisch, wennauch wenig emotional, denn die Unfähigkeit, zueinanderzufinden und die stetige Abgrenzung voneinander, bedingt durch die das Leben disillusionierende Vergangenheit, lassen kein herzliches Verhältnis zu. Ihre Partnerschaft gleicht mehr einer Waage, die sich beide halten um nicht in Depression und Verzweiflung abzusinken. Schließlich findet Anna genug Vertrauen, um offen mit Andreas über ihren psychischen Kummer zu reden, er jedoch verschließt sich völlig, mißtraut ihr. Denn der Brief, welchen er in Annas Tasche gefunden hat, schildert ein völlig anderes Verhältnis zu ihrem Ex-Mann als sie es beschreibt, als eine ehrliche, aufrichtige und gegenseitige Liebe.

Das Rätsel, das sich Andreas nun stellt, ist genaus das gleiche, das dem Zuschauer gestellt wird. Lügt Anna? Ist der Brief authentisch? Annas Verletzung vom Autounfall ist zumindest echt, und auch die Schilderungen Elis über das Verhältnis bestätigen die These. Könnte der Brief eine Zukunftsweisung über das Ende von Andreas und Annas Beziehung sein? Schließlich kommt es zu einem gewalttäigen Akt zwischen ihnen, als Andreas die Nerven verliert und Anna attackiert nachdem beide viel Stress wegen den Selbstmord eines Bekannten Alexanders durchleben mussten.

Am Ende des Films fällt der Satz: "Und auch er hieß Andreas". Andreas, der Name des vergangenen und des gegenwärtigen Partners Anna. Die beiden Namensvetter bilden eine Entität, die Annas Existenz und ihren Glauben an ein gerechtes, sinnvolles und eheliches Leben zerstört haben, sie verletzen und allein lassen, sind ein Mysterium. Symbolisch für die psychische Destruktion des Partners, die Verfremdung voneinander, die Lügen und deren Folgen für eine Beziehung. Sie könnten ein-und diesselbe Person sein.

Auch das Ehepaar Vergerus leidet unter ähnlichen Problemen, von denen vor allem Eva betroffen ist. Das Desinteresse ihres Mannes an ihr und ihre eigene Unfähigkeit, sich aus dieser Position zu befreien haben sie zu einer psychisch labilen und ausbeutbaren Person gemacht, bei einer kurzen Begenung mit Andreas fängt sie alsbald an, ihn mit Küssen zu übersähen, ihm näher zu kommen und Zartlichkeit und Zuneigung zu erhalten. Ihr Mann hingegen lebt in einer Welt aus Fotos und dem Beruf, bei der Psychoanalyse seiner vielen Motive hat er vergessen, sich um die Psyche seiner Frau zu sorgen.

Dieses raue, verhärtete Verhältnis zwischen den Protagonisten wird passend durch die Landschaft der kargen, kalten Insel Färo reflektiert. Kalte Farbtöne dominieren das Bild und nur in einer kurzen Sequenz, dem Treffen zwischen Alexander und Eva, der einzigen Szene bei der echte, positive Emotionen herrschen, scheint an knallrotes Licht auf die Protagonisten. Der Rest des Films versinkt in Wind, Matsch, Regen und Frost.

Zwischendurch werden kurze Interviews mit den vier Hauptdarstellern eingeblendet, in denen sie ihre persönlich Sicht auf ihre Rollen darlegen und dem Zuschauer somit ein paar Anhaltspunkte geben, die Charaktere als Individuen und in der Gesamtkonstellation unter verschiedenen Aspekten zu betrachten, ein genialer Kniff.

Für mich ist En Passion eine der besten Bergman/Sydow/Ullmann Kollaborationen überhaupt, überzeugend und mit erdrückender Autentizität gespielt und stimmungsvoll inszeniert stellt der Film einen weiteren Höhepunkt unter vielen in der bedeutenden Karriere dieses ikonklastischen Regisseurs dar.

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