"Mit dem Zweiten fröstelt man besser"
Die Antwort auf die beiden in diesem Zusammenhang am häufigsten kolportierten Fragen lautet ja. Ja, Hollywoods Neuinterpretation des Schweden-Thrillers Verblendung nach gerade einmal zwei Jahren lohnt durchaus den Kinobesuch. Und ja, die von vielen im Vorfeld als reichlich überflüssig abgetane Zweitverwertung ist sogar der bessere Film. Und das war so sicher nicht zu erwarten, gilt doch die Erstverfilmung zu Recht als ebenso werkgetreue wie spannende Umsetzung des Stieg Larsson-Bestsellers und feierte trotz seiner TV-Herkunft europaweit Erfolge auf der großen Leinwand.
Erst als die Besetzung des Regiestuhls mit David Fincher bekannt wurde, drehte sich die öffentliche Meinung in Europa etwas und wich einer gespannten Neugierde. Der für Abgründiges bekannte Filmemacher schien wie geschaffen für den zutiefst pessimistischen Stoff, der auch vor Perversion und Brutalität nicht Halt machte. Und Fincher ging keine Publikumsanbiedernden Kompromisse ein. Weder schielte er trotz eines 90 Millionen Dollar-Budgets auf eine niedrige Altersfreigabe, noch erlag er der Versuchung die Handlung in die amerikanische Heimat zu transferieren.
Auch hier geht es um den Stockholmer Journalisten Mikael Blomkvist (Daniel Craig), dem im Zuge einer politisch brisanten Enthüllungsstory der Prozess gemacht wird bei dem er neben seinem tadellosen Ruf auch seine gesamten Ersparnisse verliert. In dieser Situation zögert nicht lange, als er von dem Großindustriellen Henrik Vanger (Christopher Plummer) den Auftrag erhält das über 40 Jahre zurückliegende Verschwinden seiner Nichte Harriet und den vermeintlichen Mord an ihr endlich aufzuklären. Vanger hat dabei ein Mitglied seiner von gegenseitigen Antipathien geprägten Großfamilie in Verdacht. Bei der Recherchearbeit wird Blomkvist von der jungen Hackerin Lisbeth Salander (Rooney Mara) unterstützt, die ihn zuvor für den Vanger-Konzern unter die Lupe nahm und dabei ihre außergewöhnlichen ermittlerischen Fähigkeiten bewiesen hatte. Die seit ihrer Kindheit schwer traumatisierte Salander hat wenig Skrupel, den Pfad des gesetzlich Erlaubten zu verlassen und bringt mit ihrer unorthodoxen Vorgehensweise auch frischen Wind in Blomkvists stockende Ermittlungen. Dabei kommen die beiden einem in den 1950er Jahren wütenden Serienmörder auf die Spur, der in irgendeiner Form mit dem Vanger-Klan in Verbindung zu stehen scheint ...
Trotz beinahe gleicher Lauf(über)länge gelingt es der US-Fassung weniger episodenhaft und gehetzt zu wirken. Zwar wurde die komplexe Handlung auf beinahe dieselben zentralen Aspekte eingestampft, dafür aber flüssiger und in einigen wichtigen Details (Blomkvists Ermittlungen bekommen mehr Raum) schlüssiger erzählt. Und das, obwohl der Film deutlich temporeicher und druckvoller inszeniert ist. Das ist zum Teil dem rhythmischeren Schnitt geschuldet, aber noch mehr der musikalischen Untermalung zu verdanken. Bestimmte Geräusche der Handlung, wie an- und abfahrende Züge, oder Geschirrgeklapper, gehen unmittelbar in den Score über und umgekehrt. Handlung, Ton, Schnitt und Musik bilden so eine sich ständig im Fluss befindende Einheit die den Film vorantreibt. Dazu passt auch wunderbar die kühle, ästhetisierte Bildsprache von Finchers Hauskameramann Jeff Cronenweth, die den Handlungsort Schweden in vornehmlich grau-blaue Düsternis taucht und gekonnt eine beunruhigend-bedrohlich Atmosphäre kreiert, die einen permanent frösteln lässt.
Schon zu Beginn lässt Verblendung keinen Zweifel daran, wohin die dunkle Reise hinführt. In einem an die James Bond-Filme erinnernden, durchgestylten Videoclip-Vorspann wird die abgründige Düsternis der folgenden zweieinhalb Stunden auf kongeniale Weise audiovisuell umgesetzt. Zum treibenden Elektropunk einer Coverversion von Led Zeppelin´s Immigrant Song - das Duo Trent Reznor (Gründer der Industrial-Band Nine Inch Nails) und Atticus Ross arbeiteten bereits bei The Social Network mit Fincher zusammen und wurden für ihre Arbeit mit dem Oscar ausgezeichnet - transformieren sich sich ölige, in Lack, Leder und Gummi gewandete Körper in Tiere, Pflanzen und andere Personen. Die Undurchsichtigkeit und dunkle Metamorphose steht dabei sinnbildlich für zahlreiche Charaktere der Handlung.
Für Regisseur David Fincher ist es nach Sieben und Zodiac bereits der dritte Serienkiller-Thriller und diese Erfahrung zahlt sich aus. In Verblendung finden sich sowohl die drastische, visuell kompromisslose Schilderung menschlicher Abgründe, wie auch die sich langsam aufbauende Spannung durch die detaillierte Schilderung der kleinschrittigen Ermittlungsarbeit. Keine Frage, Fincher versteht sein Handwerk, was sich insbesondere in der finalen Konfrontation zwischen Killer und Ermittler zeigt, die audiovisuell und narrativ erheblich raffinierter gestaltet ist als beim schwedischen Original.
Ein Problem konnten allerdings auch Fincher und sein für anspruchsvolle Scripts bekannter Star-Drehbuchautor Steven Zaillian (u.a Schindler´s Liste, American Gangster) nicht völlig umschiffen, ist es doch eine Hypothek der in dieser Hinsicht nicht sonderlich clever konstruierten Romanvorlage. So treffen auch hier der schwedischen Enthüllungsjournalist Mikael Blomkvist und die unorthodoxe Ermittlerin Lisbeth Salander erst nach gut der Hälfte des Films aufeinander und arbeiten ab da zusammen. Das ist umso bedauerlicher, da das Protagonistenduo gerade aufgrund seiner Verschiedenartigkeit so prächtig harmoniert. Hier der gestandene Journalist, der trotz Hartnäckigkeit und Aufklärungswut immer darauf bedacht ist nach den Regeln zu spielen und vor drastischen, oder gar illegalen Methoden zurückschreckt. Dort die ebenso unberechenbare wie abgebrühte und im gesellschaftlichen Abseits lebende Hackerin, die in ihrer Arbeit für eine Sicherheitsfirma nicht allzuviel Wert auf Recht und Gesetz legt.
Ähnlich der schwedischen Erstverfilmung trägt auch beim US-Remake die Besetzung der beiden Hauptrollen entscheidend zum postiven Gesamteindruck bei. Daniel Craig verzichtet diesmal auf seine in der Bondrolle so aggressiv zur Schau gestellte Männlichkeit und wirkt damit nicht nur passiver, sondern auch deutlich verletzlicher. Als hitzköpfiger Macho hätte er aber auch nur noch wenig mit dem literarischen Blomkvist gemein. Craigs Zurückhaltung kommt dabei vor allem seinem Costar zu Gute, die damit dem Film ihren Stempel aufdrücken kann.
Ohnehin hatte Rooney Mara die weitaus schwerere Aufgabe zu bewältigen, schließlich ist sie nicht nur eine in jeder Hinsicht unangepasste Figur, sondern zugleich auch Herz und Motor der Handlung. Mit ihrem Einstieg in Blomquists Ermittlungsarbeit wird diese spürbar effektiver und zielstrebiger. Blomkvist kapituliert nicht nur vor ihren technischen Fähigkeiten und wirkt nicht selten hilflos neben der zupackenden Salander. Die Rollen zwischen Assistent und investigativem Journalisten kehren sich immer mehr um. Dieser Tausch etablierter Rollen findet aber auch auf anderen Ebenen statt. So übernimmt Lisbeth auch bei der sexuellen Verführung das Ruder und rettet neben Blomkvists Leben auch noch seine journalistische Reputation.
Eine bemerkenswerte Leistung der darstellerisch eher unerfahrenen Mara, die den Spagat zwischen feministischer Aggressivität und traumatisierter, psychischer Labilität bravourös meistert und die ebenfalls famose Vorstellung ihrer Rollenvorgängerin Noomi Rapace dank einer facettenreicheren Darstellung sogar noch leicht übertrifft. Da verkommt der erlesene Supporting Cast (u.a. Christopher Plummer, Stellan Skarsgard, Robin Wright, Joely Richardson) fast zur Staffage, was schade wäre, ist dieser doch das Rückrat einer in allen Belangen überdurchschnittlichen Neuverfilmung.
Es muss also nicht zwangsläufig ein Ärgernis sein, wenn Hollywood einen europäischen Filmerfolg für den eigenen Markt nachdreht. Genrespezialist David Fincher hat jedenfalls die mit seiner Person verbundenen, hoch gesteckten Erwartungen nicht nur erfüllt, sondern sogar noch übertroffen und den bereits guten Vorgänger mit einer hervorragenden Neuauflage hinter sich gelassen. Bleibt zu hoffen, dass man diesmal auch in Europa einen zweiten Blick riskiert, denn nur bei einem globalen Erfolg wird Fincher auch die beiden Folgeromane inszenieren. Und da ist der Schatten der schwedischen Erstverfilmungen deutlich kürzer.