Daniel Craig spielt den Journalisten Mikael Blomkvist, der wegen Verleumdung angezeigt und verurteilt wird, was seinem Ruf und seiner Zeitschrift Millenium erheblich schadet. Da er eine hohe Geldstrafe bezahlen muss, nimmt er den Auftrag eines Industriellen, gespielt von Christopher Plummer, an, der herausfinden möchte, wer der Mörder seiner Nichte ist. Diese kam vor 40 Jahren auf der Insel ums Leben, die der Familie gehört. Daher verdächtigt der Auftraggeber auch seine Verwandtschaft, die sich aus reichen Einsiedlern und alten Nazis zusammensetzt. Blomkvist benötigt zur Aufklärung der Tat die Hilfe einer jungen Hackerin, gespielt von Rooney Mara.
Hollywood vs. Schweden. Was besser gemacht wurde.
Dass sich das Hollywood-Remake “Verblendung“ mit dem schwedischen Original wird messen lassen müssen, sollte den Machern durchaus klar gewesen sein, immerhin ist der Vorgänger ja gerade einmal zwei Jahre zuvor erschienen und darüber hinaus überaus gut gelungen. Allerdings hat man sich mit David Fincher, zu dessen besten Thrillern “Sieben“, “Zodiac“ und “Fight Club“ zählen, einen Regisseur ins Boot geholt, dem man durchaus zutrauen konnte, dass er es noch besser macht, als seine schwedischen Kollegen.
Und zumindest inszenatorisch gelingt Fincher dies durchaus. Der Vergleich des Hollywood-Streifens mit dem schwedischen Vorgänger fällt genauso aus, wie man es im Vorhinein hätte erwarten können, was nicht negativ gemeint ist. Wo der Vorgänger durch den gemächlichen Erzählstil immer mal wieder kleinere Längen erzeugte, überzeugt Finchers Film mit schnellen Schnitten und einem höheren Tempo, was vor allem im Mittelteil einen höheren Unterhaltungswert zur Folge hat. Dies geht jedoch nicht zu Lasten der düsteren Atmosphäre, die den Vorgänger auszeichnete. Mit tristen, dunklen, aber doch sehr edlen Bildern, mit guten, bedrohlich und geheimnisvoll anmutenden Aufnahmen der entlegenen schwedischen Insel, erzeugt Fincher eine ähnlich beklemmende Stimmung wie im Vorgänger und seinen vorherigen Thrillern. Und so ist “Verblendung“ letztlich ein über weite Strecken fesselnder Film geworden, weil Fincher narrativ wie inszenatorisch erneut unter Beweis stellt, dass er für Stoffe dieser Art einer der besten Regisseure Hollywoods ist.
Nun hätte man vielleicht befürchten können, dass der Hollywoodfilm, vor allem was Sex und Gewalt angeht, verglichen mit dem Vorgänger allzu entschärft daherkommt, aber auch dies ist nicht der Fall, Fincher zeigt, etwa die Vergewaltigungen, explizit und drastisch, was der düsteren Stimmung definitiv zuträglich ist.
Auch Rooney Mara überzeugt auf ganzer Linie. Noomi Rapace hatte in der Rolle der Lisbeth Salander bereits hervorragend vorgelegt, hat die skurrile Figur gekonnt auf die Leinwand gebracht und so verdient den Sprung nach Hollywood geschafft. Aber Rooney Mara toppt mit einer Oscar-verdächtig guten Leistung die der Vorgängerin, zeigt eine Vorstellung, die so schnell nicht vergessen sein wird und wirkt zudem in der Rolle etwas mädchenhafter und glaubwürdiger, immerhin ist Lisbeth ja erst Anfang zwanzig und noch in der Obhut des Staates. Daniel Craig erscheint daneben trotz einer guten Vorstellung eher nichtig. Zunächst will die Rolle des Enthüllungsjournalisten zudem nicht wirklich gut zum “Bond“-Darsteller passen, aber dank einer souveränen Leistung ist der Eindruck schnell verfolgen, von Mara lässt er sich dennoch ein wenig die Show stehlen. Die Nebendarsteller wissen ebenfalls zu überzeugen, zumal man mit Christopher Plummer, Stellan Skarsgard und Robin Wright einige versierte Charakterdarsteller gewinnen konnte.
Von guten Storys und schlechten Autoren.
Stieg Larssons Vorlage bietet definitiv den Stoff für einen hervorragenden Thriller und dieses Potential nutzten die schwedischen Macher definitiv. Ärgerlich ist es, dass Finchers Film hier vermeidbare Defizite anzulasten sind, die sein Werk letztlich nicht wirklich über das Niveau des Vorgängers hinauskommen lassen. Zwar sind die Charaktere sauber konstruiert, vor allem Lisbeth Salander wird, wie auch im Original, viel Zeit gewidmet und auch die erste Filmhälfte, in der die beiden Handlungsfäden rund um die Hauptfiguren zunächst nebeneinander verlaufen, ist durchaus überzeugend erzählt, auch wenn sie sich inhaltlich praktisch überhaupt nicht vom Original unterscheidet und die Dramaturgie etwas umständlich ausfällt.
Doch dann werden unnötige Fehler gemacht. So werden die kauzigen Familienmitglieder, die auf der Insel leben, kaum konstruiert, der Verdacht, wer denn nun der Mörder sein könnte, wird nicht wirklich auf die einzelnen Charaktere gelenkt, bei denen das Potential durchaus da gewesen wäre. Zunächst kündigt der Auftraggeber an, dass es sich bei seiner Familie um den letzten Abschaum aus Perversen, Nazis und einem Mörder handelt, aber davon ist dann leider recht wenig zu sehen, da der Fokus mehr auf das Verhältnis von Blomkvist und Salander, das sicherlich auch wichtig ist, gelegt wird. Man hätte vielleicht noch etwas mehr Laufzeit in Kauf nehmen sollen, um beidem gerecht zu werden. Das Finale kommt dann etwas abrupt, so fällt Craig aus dem Nichts dem Mörder in die Hände. Die zweite Filmhälfte war im Vorgänger klarer und zielstrebiger, hier bleibt leider viel Potential ungenutzt. Richtig ärgerlich ist das, was nach dem Finale folgt, nämlich die Vorbereitung auf “Verdammnis“, die sich etwas unnötig in die Länge zieht und so einen faden Nachgeschmack hinterlässt. Ob einem die Abänderung der finalen Auflösung zusagt oder nicht, ist derweil Geschmackssache. Letztlich wäre der Film wohl besser geworden, hätte man sich auch in der zweiten Filmhälfte eng am Vorgänger orientiert.
Fazit:
Finchers gelungene Inszenierung, die schneller als im Original erscheint und so früher zu fesseln vermag, die düstere Atmosphäre und Rooney Maras Darstellung sind hervorragend gelungen und hätten die Möglichkeit geboten, einen überaus guten schwedischen Thriller mit einem grandiosen Hollywood-Remake noch einmal zu toppen, aber dies gelingt leider nicht. Man bekommt letztlich zu wenig von der obskuren Familie auf der einsamen schwedischen Insel zu sehen, sodass die Mördersuche nicht ganz so interessant ausfällt wie im Vorgänger. Zudem tut sich der Film am Ende mit der Auflösung und der Überleitung zum nächsten Teil sichtlich schwer, sodass er leider etwas abbaut. Dennoch absolut sehenswert, aber eben nicht besser als der Vorgänger.
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