Dass die Skandinavier seit einigen Jahren wirklich gute und düstere Kriminalgeschichten erzählen können ist ja hinlänglich bekannt. Wer den sonntäglichen ZDF Plan sieht, weiss, dass sich dieser Rentnersender zumindest in diesem Gefilde nicht zu verstecken braucht.
Die sogenannte Millenium Trilogie um Lisbeth Salander bildet hier lediglich die sogenannte Spitze des Eisberges. Es gibt zum einen deutlich bessere Werke, zum anderen ist Lisbeth Salander eine der markantesten und facettenreichsten weiblichen Krimi-Protagistinen der letzten Jahre. Und Noomi Rapaces Performance im schwedischen Original - ganz egal, ob man die Figur nun mag oder nicht - eine der eindrücklichsten Performances der jüngeren Film-Geschichte.
Kein Wunder also, dass man jenseits des großen Teichs im Remake-Land genau jene Trilogie auserkor, neu zu verfilmen, keine fünf Jahre nachdem das original auf der internationalen Leinwand flimmerte.
Man konnte David Fincher überzeugen, die Regie zu übernehmen. Für die männliche Hauptrolle wurde Daniel Craig verpflichtet. Und sämtliche Nebenrollen, auch unbedeutende, wurden sehr namhaft besetzt.
Als Ersatz für Noomi Rapace wurde die noch relativ unbekannte Rooney Mara verpflichtet.
Und dann ging es los...
Die amerikanische Werbemaschinerie titulierte den Film als den Schlechtfühlfilm zu Weihnachten und erste Trailer ließen ein weiteres düsteres Meisterwerk von Meister Fincher erahnen.
Doch hält der Film, was er verspricht, und im gleichen Atemzug: Kann er mit dem Original mithalten?
Eines vorweg: Man sollte das Original vielleicht besser nicht kennen, dann wird einem dieser Film wahrscheinlich besser gefallen. Dummerweise war dies im vorliegenden Review nicht der Fall.
Im folgenden gibt es zwei Herangehensweisen: Erstens der Film an sich, und zweitens der Vergleich.
Finchers Version:
Wie üblich in Filmen von David Fincher spielt hier Style eine überaus große, man mag fast meinen, übergeordnete, Rolle. Blomquist, die Figur von Daniel Craig, ist immer bestens gestyled, wenn amn Büros oder sondergleichen betritt, ist alles geradezu gelackt. Man mag fast meinen steril.
Dieser gelackte Stil macht auch vor dem Vorspann keinen Halt, welcher zwar unglaublich wuchtig und großartig gestaltet ist, aber letztendlich nur ein bombastischer Schauwert mehr ist, den der Film an sich sicherlich benötigt. Dafür ist die Geschichte selbst viel zu gut, um sowas zu benötigen.
Vielerorts wird die Filmmusik positiv hervorgehoben: Als ehemaliger Musikvideoregisseur weiß Mr Fincher natürlich genau, wie er was zu arrangieren hat, um welche Reaktionen vom Publikum zu bekommen. Manchmal sogar ein bißchen zu offensichtlich. So bekommt Lisbeth ein musikalisches Motiv angedichtet, welches beim Zuschauer gewisse Gefühle bewirken sollen. Das funktioniert zwar ganz gut, aber ehrlich gesagt, istg dies eher schummeln, denn so wird der Geschichte der Erzählfluß vorweg genommen.
Ansonsten muß man auch sagen, dass der gesamt Film sehr routiniert und ohne Patzer gedreht ist, alles ist fein orchestriert, die Auflösung weiß zu gefallen, auch wenn der finale Erklärungsansatz etwas blass daher kommt.
Dennoch sehr solide und gut inszeniert.
Es gibt eigentlich kaum etwas, was besonders heraussticht, außer vielleicht Rooney Mara. Sie spielt ihre Rolle als würde ihr Leben davon abhängen. Mit Bravour besteht sie ihre Feuertaufe als Lead Lady in einem absolut kalkulierten Blockbuster für die dunkle Jahreszeit. Das einzige Problem ist, dass ihr sowohl Regie als auch Drehbuch das Leben besonders schwer machen.
Irgendwer hat mal gesagt, dass in der US-Version Lisbeth Salander ein bißchen wie eine rebellische Teenagerin daherkommt, denn als eine vom Leben in diese Rolle geschobene Außenseiterin. Dem muß ich mich leider anschließen.
Ansonsten gibt es eigentlich nichts zu bemäkeln. Guter Film mit einigen ekligen Szenen, die aber wohl dazugehören. Für einen intelligenten Film gibt es ein paar plumpe Szenen und Dialoge zuviel aber das ist okay, schließlich soll der Film ein Blockbuster werden.
Nur für sich betrachtet 7 Punkte.
Wenn da jetzt nicht das original und damit einhergehend der unweigerliche Vergleich wäre...
Der Vergleich mit dem Original:
Das Original ist von Anfang an weniger gelackt, weniger stylisch, dafür authentischer und geerdeter.
Während Daniel Craigs Blomquist immer top gestyled rumläuft, als wäre er dem Esquirer entsprungen, läuft Michael Nyquists Blomquist wie ein tatsächlicher Normalo rum, inklusive Rentierpullover in einigen Szenen.
Auch die Inszenierung ist dadurch weniger auf das Spektakuläre aus sondern weiß, dass die Geschichte an sich schon drastisch genug ist, ohne die Sachen extrem in die Länge zu ziehen.
So ist beispielsweise die "eine Szene" und die "Rache danach" in Finchers Version tatsächlcih vielleicht drastischer und härter, aber auf der anderen Seite weniger verstörend, gerade weil es so kalkuliert wirkt. Dagegen ist die Version in der skandinavischen Version einfach nur kalt und verstörend. Solche kleinen Details sorgen dafür, dass Finchers Verblendung tatsächlich massentauglicher wird, während die europäische Version tatsächlich wie ein astreines Nischenprodukt daherkommt.
Hierfür sorgt im übrigen auch die Tatsache, dass die sogenannte "Liebesgeschichte" im Remake viel mehr nach dem üblichen Verlauf zu gehen versucht, während das Original herrlich unorthodox auch bis zum Ende bleibt. Im Rahmen seiner Möglichkeiten beläßt es Fincher dennoch schon beim unorthodoxen, soviel sollte man ihm schon zugestehen.
Doch kommen wir zum Alpha und Omega, der Figur Lisbeth Salander. Beide Darstellerinnen machen ihre Sache souverän, daran besteht kein Zweifel.
Doch Noomi Rapaces Lisbeth ist definitiv keine kleine rebellsiche Prinzessin, sie ist ein Raubtier, sie ist der Drache, den sie als Tattoo trägt.
Das ist unglaubliches Schauspielkino, da kann Rooney Mara nie mithalten. Und dies liegt auch zum Teil an Finchers Regie(-versäumnissen). Rapaces Lisbeth Salander bleibt den ganzen Film über ihr eigener Herr und degeniert nicht im Laufe des Films zeitweise zu einem bloßen Sidekick. Genau diesen Fehler begeht Fincher. Auch sonst gewährt ihr im Original das Drehbuch wirklich grandiose Szenen, die im remake immer gerade so abgewandelt werden, dass sie zwar auftauchen, ihre Kraft aber verlieren.
Hier trumpft das Original absolut überzeugend auf.
Auch die Auflösung ist im Original deutlich besser, die Dialoge sind sowieso von höerem Karat, und obwohl es sich um einen Film mit Ecken und Kanten handelt, handelt es sich absolut um einen runden Film.
Wenn man beide Filme nebeneinander stellt, hat man vielleicht einen guten und einen fast sehr guten Film, wodurch der gute Film aber dennoch verliert, gerade weil hier soviel mehr möglich gewesen wäre.
Wer die Möglichkeit hat, sollte definitiv zum Original greifen, dieser Film ist definitiv genauso spannend, mindestens genauso perfekt inszeniert, die Charaktere handeln glaubwürdiger und die Hauptdarstellerin - an der wirklich alles hängt!!! - ist hier definitiv eher ihr Geld wert.
Insgesamt also doch nur 6 Punkte für das Remake, denn wenn es einem kalkuliert kommerziellen Film gelingt, in fast allen wichtigen Disziplinen gegen das Original mit ungleich niedrigerem Budget, den Kürzeren zu ziehen, trotz aller talentierter Mitarbeiter, dann kann es nicht so gut gewesen sein.