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Kaum ein Bestseller bleibt ohne Verfilmung, während europäische Kinoerfolge gerne mal für das untertitelfaule US-Publikum ein Remake erfahren, im Falle von „The Girl with the Dragon Tattoo“ mit gerade einmal zwei Jahren Abstand zur schwedischen Erstverfilmung.
Dafür holte das Studio Sony dann mit Thrillerspezialist David Fincher gleich ein ganz großes Kaliber an den Start, der mit seinem Stilwillen und deutlich mehr Budget hantieren durfte, was man schon an der gelackten, allerdings fantastisch inszenierten Creditsequenz zu den Klängen von „Immigrant Song“ sehen darf. Auf eine allzu starke Amerikanisierung des Stoffes verzichteten Fincher und sein Drehbuchautor Steven Zaillian dann allerdings und siedeln „The Girl with the Dragon Tattoo“ (der in den USA den gleichen Titel wie die Schwedenversion trägt, hierzulande sind beide als „Verblendung“ erschienen) wieder in Schweden an, wo Investigativjournalist Mikael Blomkvist (Daniel Craig) und Hackerin Lisbeth Salander (Rooney Mara) ihren jeweiligen Tätigkeiten nachgehen.
Salander, angestellt bei einer Sicherheitsfirma, erhält den Auftrag Blomkvist bei einer Recherche zu durchleuchten, nachdem er eine Story publiziert, die einem Konzernchef nicht schmeckt und auf nicht geprüften Fakten beruht, und vor Gericht verliert. Als Blomkvist gezwungen ist als Chefredakteur seines Magazins zurückzutreten und abzutauchen, meldet sich Salanders Auftraggeber, der reiche Henrik Vanger (Christopher Plummer) bei ihm: Er soll das Verschwinden von Vangers Nicht Harriet vor vierzig Jahren untersuchen. Doch bevor sich „The Girl with the Dragon Tattoo“ diesem Mainplot widmet, beleuchtet Finchers Version den Fall Blomkvists noch mehr als die schwedische Version, stellt seine Hauptfiguren noch ausführlich vor.

Blomkvist nistet sich im Gästehaus der Vangers ein, umgeben von Henriks Verwandtschaft und beginnt Einzelheiten zusammenzutragen. Als er Hilfe bei der Recherche benötigt, empfiehlt man ihm Salander, deren Fähigkeiten sowie lockeres Verhältnis zum Einhalten von Regeln er bereits von seiner eigenen Durchleuchtung kennt. Aber genau deshalb ist sie nun eine große Hilfe für ihn…
Es waren große Fußstapfen, in die Finchers Thriller hineinzutreten hatte, auch in Sachen Besetzung. Doch Daniel Craig straft Skeptiker Lügen, wenn er ganz unbondesk (aber doch etwas heroischer als sein literarisches Vorbild oder sein Pendant aus der Schweden-Adaption) als Journalist auftritt, der die Beine in die Hand nimmt, wenn man auf ihn schießt, und nie als Actionheld auftritt. Craig bleibt stets der Normalo, während Rooney Mara als Punk-Hackerin zwar nicht ganz an Noomi Rapaces Leistung in der schwedischen Version heranreicht, aber immer noch eine sehr starke Vorstellung als sozial unterentwickelte, aber energische und toughe Salander zur Schau stellt. Die Nebenrollen sind durch und durch gut besetzt, vor allem Christopher Plummer und Stellan Skarsgard als wichtige Mitglieder des Vanger-Clans stechen heraus, aber auch Mimen wie Robin Wright, Steven Berkoff und Goran Visnjic können Akzente setzen.
Tatsächlich profitiert „The Girl with the Dragon Tattoo“ von der Versiertheit seines Regisseur, der hier die etwas gelacktere, stylischere Variante des Stoffes präsentiert, gleichzeitig aber nie der Versuchung erliegt den Stoff irgendwelchen optischen Mätzchen unterzuordnen. Auch in der US-Version bleiben die Ermittlungen des Duos Salander/Blomkvist starker Tobak, der in menschliche Abgründe führt, die Akzente hier und da anders setzt als die Erstverfilmung, aber sich nicht zurückhält: Eine besonders unangenehme Szene, die bei jeder Version, egal ob Buch, Schweden-Adaption oder US-Film, für Kontroversen sorgte, wird auch hier schonungslos und nicht abgeschwächt präsentiert.

Auch sonst ist „The Girl with the Dragon Tattoo“ im zweiten Durchlauf ein spannender, langsam aufgebauter und auf faszinierende Weise abgründiger Thriller, der nicht auf große Schauwerte, sondern lieber auf ein komplexes Rätsel setzt, dessen Puzzleteile der Zuschauer zusammen mit den Protagonisten zusammensetzt. Dass Fincher dem Hintergrund um den in Ungnade gefallenen Blomkvist mehr Screentime einräumt, ist Fluch und Segen zugleich: Einerseits gewinnt diese Facette in der US-Version mehr Tiefe und Bedeutung, leider zögert sie das Ende des Films, gerade nach Abschluss des eigentlichen Mainplots doch etwas unschön heraus – der Moment, in dem Finchers sonst so geölt laufende Spannungsmaschine doch kurz aus dem Takt kommt.
Ebenfalls faszinierend bleibt auch hier das Verhältnis der beiden versehrten Hauptfiguren: Blomkvist, der gebrannte Idealist und Verführer im Rollkragenpulli, und Salander, das mit einer geheimnisvollen Vergangenheit belastete Superbrain, bilden nicht nur ein Ermittlerduo, sondern auch eine komplexe private Beziehung entwickelt sich, die stellenweise die Geschlechterrollen gegen den Strich bürstet – so wie auch einige andere Stellen des Films. So vielschichtig wie die Figuren sind auch die Hintergründe des Verbrechens, das Salander und Blomkvist aufrollen, und beiden Aspekten geht man von Finchers sicherer Hand geführt gerne auf den Grund.

Insofern ist David Finchers „The Girl with the Dragon Tattoo“ schon ein kurioser Film: Einerseits ein in gewissem Sinne unnötiges Remake, da die Hollywoodversion dem Stoff kaum neue Facetten abzugewinnen weiß, sieht man von der edleren Optik und leichten Akzentverschiebungen bei der Erzählung ab. Andrerseits ist aber auch die US-Variante ein stimmiger, nicht verwässerter, vielschichtiger und abgründiger Thriller mit gelungenem Spannungsaufbau. Insofern fast auf Augenhöhe mit der Schwedenvariante, die sich in erster Linie durch ihre noch bessere Salander-Darstellung durch Noomi Rapace absetzen kann.

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