Interessant ist immer wieder zu betrachten, wie sich über die Jahre die Sensibilität gegenüber bestimmten Stoffen verändert.
„Im Jahr des Drachen“ wurde zu seiner Zeit zum Einen Gewaltverherrlichung ,zum Anderen eine rassistische Einstellung vorgeworfen. Beides zeigt, daß „Political Correctness“ schon lange vor Entstehung dieses Begriffs, in den Köpfen herumspukte.
Leider wurde dieses Prädikat schon oft mißbraucht, in dem man es zum Glattbügeln von vermeintlich kontroversen Themen benutzte.
Man wollte nicht wahr haben, daß es in der Realität einfach Charaktere gibt, die nicht in diesen „korrekten“ Rahmen passen.
Und man wollte deren Darstellung verhindern, in dem man Regisseuren und Drehbuchautoren vorwarf, damit schon gegen die Gesetze des vermeintlichen Anstands zu verstoßen....
Stanley White (Mickey Pourke) ist so ein Charakter. Er macht aus seiner fremdenfeindlichen Gesinnung , besonders gegen asiatisch stämmige Mitbürger von New York, kein Geheimnis.
Entsprechend vehement geht er, nachdem er nach Chinatown versetzt wurde, gegen die vielen Verstrickungen der Triaden ,der chinesischen Mafia, vor. Diese hatten es sich seit einigen Jahren recht gut eingerichtet, die Geschäfte der verschiedenen Familien liefen gut, aber plötzlich kommt es zu internen Auseinandersetzungen, die Todesopfer fordern.
Michael Cimino spart dabei nicht an drastischen Darstellungen .Die brutalen Auseinandersetzungen, die an öffentlichen Orten auch unschuldige Opfer fordern, lassen keine Zweifel an der Rücksichtlosigkeit in der Auseinandersetzung. In der Art, wie diese Aktionen gezeigt werden, ist auch schon deutlich die Handschrift des Drehbuchautors und späteren Regisseurs Oliver Stone zu erkennen.
Genau in diese Situation, die in der Regel die Familien unter sich ordnen, bricht White ein und erzielt damit erste Erfolge. Normalerweise sind die Menschen in Chinatown äußerst verschwiegen, aber durch die internen Kämpfe herrscht so viel Unruhe , daß immer wieder neue Informationen an White durchdringen...
Gerade mit der heutigen Sichtweise ist sehr gut zu erkennen, daß dieser als Actionfilm geltende Streifen, mit dem heutigen Anspruch an dieses Genre kaum noch etwas zu tun hat. Er läßt sich trotz der immer wieder auftauchenden Gewalt sehr viel Zeit und ist von großer Ernsthaftigkeit.
Das liegt besonders an Mickey Rourke, der hier einen einerseits von Ehrgeiz und Fanatismus zerfressenen Polizisten gibt, der andererseits höchst unsicher wirkt und dieses immer wieder durch großes Getue überspielen muß. Dabei ist er unfähig irgendeine Beziehung zu führen – seine Ehe ist gescheitert ohne das er in der Lage wäre das überhaupt zu erkennen, seine irischen Freunde erreichen ihn nicht mehr.
Ihn interessiert nur noch die Auseinandersetzung mit Joey Thai (John Lone), den er für den Hauptverantwortlichen hält. Die Beziehungen ,die er neu aufbaut, z.B.zu der asiatisch stämmigen Journalistin oder zu einem asiatischen Polizisten, der als Spitzel eingeschmuggelt wird, dienen nur dem Zweck, den er verfolgt. Selbst seine Trauer darüber, wenn einem der Freunde etwas zustößt, wirkt eher so, als ob ihn dieser Rückschlag in seinen Ermittlungen unglücklich macht.
Rourke gelingt es diesen im Grunde genommen „miesen Typen“ so nachvollziehbar und menschlich darzustellen, daß man ihn trotzdem mag und mit ihm leidet....
Michael Cimino schafft gerade mit diesen extremen Mitteln ein realistisches Bild. Die Welt ist eben nicht so, wie man sie sich gerne zimmern möchte, hier gibt es eben keinen „coolen Polizisten“ oder nur „sadistischen Verbrecher“ .
Heute gilt die Kritik deshalb auch weniger einer vermeintlichen Gewaltverherrlichung - da ist man inzwischen mehr gewöhnt - sondern mehr an der für einen Actionfilm ungewöhnlichen Komplexität, die auch entsprechend langsam entwickelt wird.
Der Betrachter sollte sich deshalb dieser Ettikettierung entziehen ,denn dieser Film fordert einen und strengt an.
Man muß Stellung beziehen und eine Ablehnung ist da nur der einfachste Weg (9/10