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Es gibt sie, es gibt sie wirklich! - Filme in denen Mickey Rourke („White Sands“, „ 9 ½ Wochen“) richtig gut schauspielert. Bevor er sich in den Neunzigern an einer Karriere als Profiboxer versuchte, sein Gesicht von Schönheitschirurgen verunstalten ließ und nur noch als Bösewicht zweiter Wahl gecastet wurde, hat der Mann ein paar sehr ordentliche Filme abgeliefert. In „Year of the Dragon“ zeigt er die wohl beste Leistung seiner Karriere.
Regie führte hier niemand anderes als Michael Cimino, der mit „The Deer Hunter“ eine der wohl eindringlichsten Charakterstudien heimkehrender Vietnamveteranen ablieferte und mit dem geflopten „Heavens Gate“ United Artists den finanziellen Tod bescherte. Auch „Year of the Dragon“ sollte die Gemüter erregen, waren doch viele chinesische Einwohner des New Yorker Stadtviertels Chinatown verständlicherweise nicht ganz zufrieden von dem Bild, das Cimino hier schuf.

Chinatown ist in Wirklichkeit längst nicht das ruhige, nach außen scheinbar friedliche Viertel. Im Hintergrund ziehen die Triaden ihre Fäden, erpressen Schutzgeld und importieren Drogen. Von der Polizei wird dies alles stillschweigend geduldet. Sie haben entweder ein Abkommen mit ihnen oder lassen sich schmieren. Nicht so New Yorks höchstdekorierter Cop Stanley White (Mickey Rourke), der, nachdem ein Triadenboss getötet wurde, dort ein für alle mal aufräumen will, von allen Seiten aber nur auf Gegenwehr und taube Ohren stößt. Die Lage ist angespannt, aber er legt trotzdem los. Cimino fängt diese ganz eigene Atmosphäre Chinatowns hervorragend in schmutzigen, farblosen Bildern ein. Es ist ein stetes Gewusel, einer Ameisenkolonie gleichend, was sich seinen Weg durch die Straßen bahnt.

White ist niemand der Angst hat oder Respekt vor seinen Vorgesetzten hat. Er ist Vietnamveteran (ergo antiasiatisch eingestellt) und meint die politischen Ränkespiele hinter den Kulissen zu kennen. Cimino gelingt es dieser Figur Tiefe zu verleihen und trotzdem nicht die Triaden aus den Augen zu verlieren. Rourke erinnert hier in seiner zynischen, unbeherrschten Art sehr an den jungen Bruce Willis, was dadurch unterstützt wird, das man ihm hier auch dessen deutsche Synchronstimme verpasste. Unbeherrscht und impulsiv steigt er den Mafiabossen aufs Dach und poltert wütend durch Chinatown – ohne Rücksicht auf Verluste. Seine Ehe und Freundschaften zerbrechen an diesem Job, aber White ist wie besessen und geht dafür, um die mediale Gewalt zu nutzen, trotz seiner Abneigung gegenüber Asiaten, auch eine Zweckbeziehung mit der Reporterin Tracy Tzu ein.

Zugegeben, Ciminos Bild von Chinatown ist nicht das Beste. Er wühlt gewaltig im Dreck und fördert nichts Gutes zutage. Man merkt, dass Oliver Stone, ein Garant für politisch unkorrekte Themen, mit am Drehbuch werkelte. Ungeheuer viel Zeit wird mit den Triaden verbracht, vor allem den aufstrebenden Joey Tai (John Lone), der die ganze Organisation modernisieren will. Um Authentizität bemüht läuft der Großteil dieser Gespräche im O-Ton ab. Wenig Zugeständnisse werden den Chinesen gemacht, wenn dann nur in Form von Vergangenheitsbewältigung (Eisenbahnbau) und Rassendiskriminierung.

Lieb gewinnen wird man White nicht, auch wenn er seine tragischen Momente hat. Er betrügt seine Frau, lässt sie später für seine Starköpfigkeit bezahlen und schlägt brutal, beziehungsweise schießt kompromisslos alles über den Haufen, was ihm nicht in den Kram passt. Seine Kollegen müssen dran glauben, weil er sie nur für seine Zwecke missbraucht und ihr Leben riskiert. Mitunter wird auch nicht vor Frauen halt gemacht. Ungewöhnlich hart, detailreich und explizit sind die Schießereien, in denen sehr viel Blut vergossen wird. Der pessimistische „Year of the Dragon“ ist in diesen Momenten nichts für zarte Gemüter.

Das Ende ist, rein von der Inszenierung her, die Krönung des Films. Wie White schreiend hinter Tai her in das weiße Licht rennt und mit der Knarre wild ballert wird in sehr poetischen Bildern fest gehalten – inklusive Ehrerbietung, damit einer von beiden nicht sein Gesicht verliert. Respekt unter Todfeinden - klasse!

Man kann „Year of the Dragon“ sicherlich als ein kleines Epos ansehen, denn was Cimino an Atmosphäre heraufbeschwört und in diesen düsteren, pessimistischen Bildkompositionen fest hält, dass hat etwas Unvergängliches, etwas Denkwürdiges an sich. Zudem gesteht er, neben der sich in die Story einfügende harte Action, den Figuren und der Organisation Chinatowns ungewöhnlich viel Zeit zu.

Fazit:
Mit „Year of the Dragon“ gelang Michael Cimino ein exzellenter Thriller, der sich mit den Triadengeschäften in Chinatown beschäftigt. Mit viel Feingefühl blickt er hinter die Kulissen und fängt die Stimmung dieses ungewöhnlichen Stadtviertels ein, ohne dabei seine Pro- und Antagonisten aus den Augen zu verlieren. Ein großartig aufspielender, zutiefst zynischer und später verbitterter Rourke erledigt in kompromisslosen Shootouts den Rest. Schade, dass Cimino so etwas nie wieder gelang. Die Schwarzweiß-Malerei sei ihm da verziehen.

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