Es war einmal in einem weit, weit entfernten Krieg ....
... als im sonnigen Süditalien eine Staffel afroamerikanischer Kampfpiloten ein beschauliches aber unbefriedigendes Dasein führt. Denn trotz edler Gesinnung, gepaart mit einer großen Portion Idealismus und Patriotismus bekommt man vom rassistischen Oberkommando nur Brotkrumen hingeworfen. Da hilft es auch nichts, dass zwei der verkannten Helden einen schwer bewaffneten deutschen Güterzug mal eben so im Vorbeifliegen aus den Schienen ballern. Also muss man sich die Zeit notgedrungen mit Basketball und glutäugigen Seniorinas vertreiben.
Glücklicherweise lässt sich das Gute auch von noch so widrigen Umständen letztlich nicht aufhalten und so erkennt man dann auch im bösen Washington und unter den Air Force-Kollegen, dass die Tusgegee Airmen nicht nur menschlich und moralisch eine ganz feine Truppe sind, sondern zieht auch die Militärmütze vor ihren herausragenden fliegerischen Fähigkeiten. Und wenn es noch deutsche Flieger zum Abschießen gäbe, dann würden sie auch heute noch aufsteigen und fröhlich losballern ...
Ja, Märchenonkel George Lucas hat wieder zugeschlagen. Zwar geht es diesmal nicht in ferne Galaxien, aber sonst ist alles beim alten geblieben. Plakative Schwarz-weiß-Malerei zum Niederknien, uninteressante, weil völlig holzschnittartige Figuren, Dialoge die jede Konkurrenz beim Fremdschäm-Oscar steinalt aussehen lassen würden und eine jeglicher Spannung entbehrende Dramaturgie, die bestenfalls Spielfilm-Novizen im Vorschulalter ein zwei Schweißperlen auf die Stirn treiben dürfte.
Das wäre alles nicht weiter tragisch, wenn man ein kindliches Publikum fürs Nachmittagsfernsehen anvisieren würde. Red Tails ist allerdings ein 60 Millionen Dollar teurer Kriegsfilm für die große Leinwand, der den Anspruch erhebt den ersten schwarzen Kampfpiloten der US-Air Force ein Denkmal zu setzten. Dass man es dabei mit historischer Authentizität allerdings nicht allzu genau nehmen würde ist von Beginn an klar. „Inspired by true events" steht da zu lesen und als historisch Interessierter bzw. in der Geschichte des zweiten Weltkriegs Beschlagener kann man eigentlich gleich abschalten. Sollte dennoch die Neugier siegen, folgt Sekunden später gleich der nächste Volltreffer für den halbwegs anspruchsvollen Kriegsfilm-Affinen.
So zeigt die erste Einstellung des hasserfüllte Gesicht eines deutschen Jagdfliegerpiloten mit dem (im Original nicht synchronisierten) Aufruf: „Keine Gnade!" (und weils so schön war, darf er diesen gemeinen Spruch im Endkampf nochmal aufsagen). Man fühlt sich sofort in die 50er Jahre zurückversetzt, als die deutschen Soldaten in US-amerikanischen Kriegsfilmen - als Pendant zu den Indianern in vielen deckungsgleich gestrickten Western - als tumbe, brutale, gesichtslose Masse dargestellt wurde, die sich regelmäßig dilettantisch anstellen und lediglich als Kanonenfutter für die heroischen US-Boys herhalten müssen.
In einem in jeder Hinsicht überzeichneten Comic-Strip-Abenteuer wie Indiana Jones hat das durchaus einen pulpigen Charme, in einem vermeintlich seriösen Kriegsfilm ist das aber nur noch unglaublich dumm, ärgerlich und hoffnungslos antiquiert. Schon in der Antike wusste man allerdings, dass ein besiegter Gegner militärisch eher übertrieben positiv dargestellt werden muss (so geschehen bei Hannibal seitens der römischen Geschichtsschreibung), will man die eigene Leistung besonders herausstellen.
Einsamer Höhepunkt in Red Tails ist in diesem Zusammenhang die Versenkung eines aus allen Rohren feuernden deutschen Kriegsschiffs (zuvor gelang ein ähnliches Husarenstück schon einmal mit einem Geschütz-technisch bestens ausstaffierten feindlichen Flugplatz), das vom Maverick der Staffel auf dem Rückflug von einem Luftkampf mal so ganz nebenbei im Alleingang zusammen geschossen wird. Wer den Film bis zu diesem Zeitpunkt durchgestanden hat, den dürfte allerdings auch diese erneute Superhelden-Einlage nicht mehr schocken.
Ähnlich der lächerlich karikaturhaften Darstellung des Gegners wird auch das Thema Rassismus auf entlarvend simplifizierende und verharmlosende Weise dargestellt. Zwar werden die Airmen in der ersten Filmhälfte ein zweimal mit diffamierenden Äußerungen seitens höherer Offiziere und weißer Fliegerkollegen konfrontiert, allerdings wirken diese Szenen lediglich pflichtbewusst eingefügt und werden weder dramaturgisch noch narrativ weiterverfolgt. In der zweiten Filmhälfte gibt es dann jeweils die spiegelbildlichen „Versöhnungs-" bzw. „Anerkennungs-Szenen" und alle haben sich am Ende ganz doll lieb.
Ansonsten widmet sich der Film zwischen den Actioneinlagen ausführlichst dem kuscheligen Etappenleben der Tuskegee Airmen. Der väterliche Kommandeur Major Stance (Cuba Gooding Jr. durfte mal wieder aus dem C-Action-Sumpf in allerdings qualitativ ähnlich morastige Kinogefilde „aufsteigen") nukkelt permanent wohlig grinsend an seiner Pfeife, Starpilot „Lightning" (David Oyelowo) bandelt mit einer italienischen Dorfschönheit an und der Rest widmet sich diversen Ballsportarten. Diese Kitsch-Idylle wird in ein warmes, bräunliches Sepia-Sonnenlicht getaucht und erinnert frappierend an die Postkarten-Optik von Michael Bays in Ton, Anspruch und Geschichts-Malträtierung ganz ähnlich gestrickter Pearl Harbour-Schmonzette.
Bleibt die Action. Obwohl Lucas Effektschmiede ILM sowohl über eine Menge Erfahrung wie auch ein ordentliches Budget verfügte, können auch diese Sequenzen nicht überzeugen. Zu deutlich ist - wie auch schon bei den Star Wars-Prequels - die digitale Handschrift zu erkennen, so dass man sich in einem aufgepimpten Computerspiel zu befinden scheint. Das wirkt steril, künstlich und lässt de Betrachter daher völlig kalt. Auch sind die Luftkämpfe nur unzureichend in den Rest der Handlung integriert und sind somit nichts weiter als Weckrufe in einer ansonsten höhepunktlos dahinplätschernden Märchenstunde.
Am Ende - natürlich weht da die US-Flagge - ist man vor allem froh, dass es vorbei ist. Star Wars-Erfinder George Lucas hat mit diesem erklärten Herzensprojekt mal wieder alle seine bekannten Schwächen schonungslos offengelegt: grenzenlose Infantilität, keinerlei Gespür für Dramatik, Spannung oder echte Emotionen und eine trotz allen Pomps seltsam offenkundige Belanglosigkeit. Zwar hat er diesmal nicht das Skript verfasst, zeichnet aber als ausführender Produzent und Ideengeber für die Ausrichtung und Anlage des Films federführend verantwortlich.
Fazit:
Red Tails ist vor allem als Kriegsfilm mit Historienfilm-Ambitionen ein Total-Ausfall und verfällt in steinzeitliche Schwarz-weiß-Malerei der unmittelbaren Nachkriegszeit. Dem Ansehen der ersten schwarzen Fliegerstaffel der US-Air Force wird dieses Machwerk zu keinem Zeitpunkt gerecht und lässt die Leistungen und Entbehrungen dieser Männer in einem wenig erhellenden Nebel aus Oberflächlichkeit, sülzigem Patriotismus bzw. Heroismus sowie unnötiger Faktenuntreue versinken.
Märchen werden immer wieder auch pädagogische und/oder erzieherische Bedeutungen zugesprochen, da macht auch Red Tails keine Ausnahme. Gerade für die in heutigen bundesdeutschen Lehrplänen fest verankerte Medienerziehung ist er bestens geeignet, kann man doch hier wunderbar sehen wie manipulativ, verfälschend und fragwürdig vermeintlich historische Spielfilme sein können. Setzen, sechs!