Review

Bleiben wir doch noch ein wenig bei den Schneidewerkzeugen…
Nachdem „Dementia 13“ seinen Psycho fröhlich mit der Axt hantieren ließ, darf in „Night must fall“ alias „Griff aus dem Dunkel“ ein weiterer Vertreter seiner Zunft Angst und Schrecken verbreiten.
In diesem Fall geht es aber nicht darum, den wirren Schlitzer zu identifizieren, er ist bekannt, noch bevor die Vortitel sich in der englischen Sommersonne komplett ausgerollt haben. Denn Kellner, Teddyboy und Lebeschnuckel Danny, dargestellt von mit einer ungeheuren Präsenz von Albert Finney, nimmt im nahen Tann im Unterholz gerade sein jüngstes Opfer auseinander, was soviel bedeutet wie: es rollt der Kopf. Anschließend versenkt er die Dame im See – um dann alsbald bei seiner Freundin Dora vorstellig zu werden, die bei der rollstuhlgebundenen Mrs.Bramson den Haushalt besorgt. Dort hat der junge Mann aufgrund seines „boyish charme“ bald alle Steine im Brett und bekommt eine Quasi-Anstellung als Dekorateur. Davon hat er zwar keine Ahnung, aber er dient eh mehr als verspielter Gesellschafter, da er sichtlich bemüht ist, sich gleichzeitig um Dora, Mrs. Bramson und ihre Tochter Olivia zu kümmern.

„Kümmern“ bedeutet, dass er sich beständig einen Spaß daraus macht, quer durch das Haus zu wuseln wie ein Grundschüler, der nicht hören will, aber sehr schnell sehr bockig werden kann.
Was genau mit Danny nicht stimmt, bleibt bis zum Ende nicht ganz geklärt, aber wenn es gerade keinen Spaß zu haben gibt, dann wird der kraftstrotzende junge Mann vom aufgekratzten Achtjährigen ganz schnell zum messerwetzenden Fiesling, der stets eine verdächtige Hutschachtel im Gepäck dabei hat und in die er einmal gar grauslich „Hallo“ hinein grüßt.

„Night must fall“ ist aber eins nicht: ein Potboiler unter Druck, in dem am Ende ein Psycho in den Gängen eines britischen Anwesens auf Hasenjagd geht. Stattdessen wirkt die Story mehr wie ein breit angelegtes Theaterstück, in dem ein psychotischer Faun alle Frauen eines Haushalts umgarnt, die aus verschiedenen Gründen an ihm hängen: Dora, weil sie denkt, dass sie ihn liebt und umgekehrt; Olivia, weil sie sich von Dannys unter der Oberfläche lauernden Brutalität und dem Charme eines reizvolleren Mannes angezogen und abgestoßen fühlt und Mrs.Bramson, die zunehmend einem Altersgrenzen überschreitenden sexuellen Stimulus verfällt, während Danny sich wie ihr Enkel gebärdet.

Der Film gilt zwar als kleine Perle, hat aber ordentlich Schwierigkeiten mit der Dramaturgie, weil er psychologisch nie klärt, was den Protagonisten treibt und die Kontroversen nie bis zur Spitze treibt. Das alles wird von einem Look getragen, irgendwo zwischen einem TV-Kammerspiel und den ab den späten 50ern so beliebten Kitchen-Sink-Melodramen der Engländer, die den tristen Realismus der Gegenwart als visuelle Komponente in ihre Personenstücke aufnahmen.
Die Mischung geht nicht jedem zur Hand und so ziehen sich die gerade mal 90 Minuten auch tüchtig, außer man ist zufällig Fan von beiden Subgenres, was aber eher selten der Fall sein wird.

Getragen wird der Film hauptsächlich von Finneys Performance, der zehn Jahre später ja Hercule Poirot im Orient Express spielen sollte und den man kaum wiedererkennen dürfte. Finneys Portrait eines innerlich kindgebliebenen Soziopathen mit dem Charme eines Gigolo und der Aufmerksamkeitsspanne einer Stubenfliege ist Herz und Seele des Films und mitunter kann der Mann einem rechtschaffend Angst machen, auch wenn die Produktion praktisch jeden Blutstropfen aufwändig vermeidet. Die völlige Unberechenbarkeit dieser Figur macht sie so faszinierend, nur hat das leider auch der Regisseur erkannt und setzt fast ausschließlich auf Szenen mit seinem Protagonisten, dessen selbstverliebtes Gesabbel und Gezappel Teile des Publikum sicher schon nach 20 Sekunden zu Tode nerven dürfte.

Für mich weder Klassiker noch Niete, sondern eher eine seltsame Chimäre verschiedenster Einflüsse, die leider nicht die Spannung erzeugen, die möglich wäre und stattdessen eher eine bühnenhafte Produktion setzen, die man in ihrer Sprödigkeit sich erarbeiten muss, die aber anstrengend bleibt. (6,5/10)

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