Bei Nyotaimori handelt es sich um einen relativ obskuren, im betreffenden Land allerdings weder gängigen noch in jener Kultur irgendwie verwurzelten japanischen „Brauch“, bei dem eine (möglichst attraktive) mit dem Rücken auf einem Tisch liegende nackte Frau als eine Art „lebendiges Buffet“ für unterschiedliche kulinarische Köstlichkeiten (á la Sushi oder Sashimi) dient, welche man im Vorfeld des Verspeisens (meist auf dezenten kleinen Bananenblättern platziert) „optisch ansprechend“ auf ihrem ansonsten unverhüllten Leibe hergerichtet hat. Ein eben jene „exotische Profession“ ausübendes Mädel verfügt über einen „Schlüsselpart“ innerhalb des hier nun zu besprechenden (und demgemäß benannten) 2012er Crime-Thrillers „Sushi Girl“ – dem Spielfilmdebüt Kern Saxtons, der gemeinsam mit seinem „kreativen Partner“ Destin Pfaff zugleich auch das zugrunde liegende Drehbuch verfasste…
„Remember: You are a tray. You must not move, you must not make eye contact, you must not react – no matter what you see or hear.” Dies sind die Worte, die ein erfahrener Sushi-Chef (Sonny Chiba) einer jungen Dame (Cortney Palm) mit auf den Weg gibt, bevor diese ihre Position auf der Speisetafel des gefürchteten Unterweltlers Duke (Tony Todd) einnimmt. An diesem Abend hat jener vier seiner ehemaligen Partner zu einem Treffen im Hauptsaal eines kürzlich erst von ihm erworbenen (und bislang noch unfertig-ungeöffneten) asiatischen Restaurants geladen: Bei der Zusammenkunft soll es um die „Aufarbeitung der Ereignisse“ rund um einen böse misslungenen Überfall vor knapp sechseinhalb Jahren gehen, bei welchem u.a. einer ihrer Kameraden getötet wurde sowie im Zuge dessen die „eigentlich gesicherte“ Beute (eine Tasche voller Diamanten) unter nie geklärten Umständen ohne jede Spur verschwand…
Seit jenem Tage hatte Fish (Noah Hathaway) – derjenige der Gruppe, welcher damals (direkt nach dem Coup) das Diebesgut anvertraut bekam, kurz bevor er dann jedoch seitens der Cops geschnappt worden war – eine Haftstrafe abgeleistet, ohne dabei aber weder seine Komplizen noch irgendwelche Infos hinsichtlich des Verbleibs der Edelsteine zu verraten. Von einem der Handlanger Dukes direkt am Gefängnistor in Empfang genommen, sitzt er dem Boss und den anderen drei Männern – ihres Zeichens der hitzköpfige Max (Andy Mackenzie), der an einem Drogenproblem leidende Francis (James Duval) sowie der sadistische Crow (Mark Hamill) – wenig später (nun) an dem erwähnten Tisch gegenüber: Fest davon überzeugt, Fish hätte die Steinchen im Vorfeld seiner Verhaftung versteckt, was jener im Übrigen vehement bestreitet, dauert es im Folgenden nicht lange, bis die Lage eskaliert sowie man ihn, der unbeirrt bei seinen Ausführungen bleibt, immer grausameren „Verhörmethoden“ aussetzt…
In vielerlei Belangen erinnert einen „Sushi Girl“ ans Oeuvre Quentin Tarantinos: Allen voran kommt einem beim Betrachten (geradezu unweigerlich) dessen '92er Debüt „Reservoir Dogs“ in den Sinn – was in erster Linie daran liegt, dass sich beide Werke diverse inhaltliche wie stilistische Eigenheiten (u.a. eine überaus ähnliche Plot-Struktur) teilen. Egal, ob wir es hier nun vorrangig mit einer „Ehrerweisung“ oder einem „dreisten Ideenklau“ zutun haben – und völlig losgelöst der Tatsache, dass sich QT bei seinem Film ja ebenfalls von so manchem „cineastischen Vorbild“ hat inspirieren lassen – ändert das in diesem Fall nichts daran, dass es sowohl Saxton als auch Pfaff (augenfällig) am nötigen Talent mangelt, um aus jenen „Zutaten“ und damit verbundenen Möglichkeiten ein „vernünftiges Ganzes“ zu erschaffen, welches über die Summe der betreffenden Versatzstücke hinausreicht...
Dass die Ausgangssituation der Geschichte über ein gutes Maß an Potential verfügt, ist nicht zu verkennen: Fünf Kriminelle, die sich gegenseitig nicht gerade über den Weg trauen, noch die eine oder andere Rechnung untereinander offen haben sowie weitestgehend „angespannter Natur“ sind, in einem Raum mit einer jungen Dame, welche somit (ganz unweigerlich) Zeuge aller sich entfaltenden Geschehnisse wird – ergänzt um eine Rückblenden-Struktur, in deren Rahmen der Tag des missglückten Überfalls (schrittweise sowie in chronologischer Abfolge) seine Präsentation findet. Ein Konzept wie dieses steht und fällt zu einem entscheidenden Teil mit der Qualität seiner Dialoge und gezeichneten Charaktere. Wenn diese beiden „Kriterien“ (so wie im Vorliegenden) allerdings jeweils relativ uninspiriert und dazu noch „merklich gewollt“ anmutend daherkommen, hat der Film mit markanten Problemen zu kämpfen…
Ein weiterer Schwachpunkt des Streifens ist es, dass man als Zuschauer nie so recht mit Fish mitzufiebern bzw. um sein Schicksal zu bangen vermag: Ein kurzer, ernüchternd-emotionaler Anruf daheim bei seinem Sohn und dessen Mutter, die offenkundig nichts mehr mit ihm zutun haben will, reicht beileibe nicht dafür aus, um in der Beziehung eine „ergiebige Verbindung“ aufzubauen – zumal man ja auch keineswegs weiß, ob er nicht vielleicht doch das Erbeutete „irgendwo beiseite geschafft“ hat. Die bestenfalls mäßige Performance Noah Hathaways (Atreyu aus Wolfgang Petersen´s „the Neverending Story“) ergänzt diesen Eindruck nur zusätzlich. Nach einer gewissen Zeit, in welcher ihm noch die Chance eines „Geständnisses“ eingeräumt wird, verbringt Fish seine verbleibende Screen-Time ohnehin nahezu restlos an einen Stuhl gefesselt, während seine ehemaligen Komplizen ihn (der Reihe nach) aufs Brutalste foltern…
Duke bestimmt die „Regeln“ des Abends – entsprechend auch die, nach denen das „Verhör“ abzulaufen hat: Basierend auf einer Überlieferung seines Vaters, erhält jeder der Anwesenden eine festgelegte Zeitspanne zugestanden, in welcher er Fish (jeweils) zuerst befragen sowie im Anschluss dann „mit speziellen Hilfsmitteln“ bearbeiten darf. In langen, expliziten Einstellungen finden u.a. Ess-Stäbchen und eine leere Sake-Flasche (in eine Socke gestopft sowie dem Opfer wiederholt ins Gesicht geschlagen) ihre grausame Verwendung. Dank der guten Make-up-Arbeit und „rohen Inszenierung“ sind diese Sequenzen echt ungemütlich beizuwohnen – wirken aufgrund ihrer ausgedehnten und vordergründigen Beschaffenheit zugleich jedoch (gerade im Kontext verortet) wie nicht viel mehr als eine Art „kalkulierte Steigerung“ der berüchtigten Mr.Blonde/Cop-Szene in „Reservoir Dogs“…
Mit seiner markanten tiefen Stimme, imposanten physischen Erscheinung sowie ruhigen, stets aber dominanten Darbietungsweise portraitiert Tony Todd („Candyman“), der bei dem Werk übrigens auch als ein „Executive Producer“ fungierte, einen bedrohlichen Gangsterboss mit einem Faible für die japanische „Yakuza-Kultur“ (bzw. für einige ihrer „Riten“). Während mir sein Auftritt durchweg zusagte, war ich indes von der Leistung James Duvals („Kaboom“) doch ein Stück weit enttäuscht – denn in der Rolle des (eigentlich nicht ohne Reiz gestrickten, wenigstens „etwas Moral“ in sich tragenden) Francis blieb er insgesamt leider überwiegend blass. Unabhängig dessen gefiel mir der Moment, in welchem er – nachdem er schlichtweg nicht mehr weiter weiß – „eine Nase Koks“ ausgerechnet durch ein zusammengerolltes Foto seines jungen Sohnes „zu sich nimmt“: Ein nettes kleines Detail mit klarem Symbolcharakter…
Mark Hamill (jip, Luke Skywalker himself), der hier quasi wie eine Kreuzung aus Heath Ledger´s „Joker“ und dem jüngst ja relativ „aufgedunsenen“ Val Kilmer auftritt, präsentiert den sadistischen Psychopathen Crow mit einigen eigenwilligen Charakteristika und Manierismen, einer „leicht tuntigen“ Note sowie einem schrägen Sinn für Humor: Eine Zeit lang zweifellos interessant mit anzusehen – alles in allem aber ein Tick zu „gimmicky“ geraten bzw. wirkend. Regelmäßig gerät Crow mit dem ungezügelten Max aneinander – einem „groben Schläger“, der von Andy Mackenzie („MacGruber“) adäquat verkörpert wird – was schon bald dazu führt, dass sie sich gegenseitig immer weiter aufstacheln und außerdem (unter Verwendung ihrer jeweiligen „Methoden“) darin zu übertrumpfen versuchen, irgendwie (hauptsächlich per Zufügen von Qualen) die Wahrheit aus Fish herauszubekommen...
Wiederkehrend werden dem Publikum Details des Überfall-Ablaufs in Form von Flashbacks dargereicht: Wie erwartet, entfaltet sich eben jener sehr „schonungslos und direkt“ arrangiert – wurde an sich jedoch nur weitestgehend konventionell erdacht und in Szene gesetzt, einschließlich eines (netten) Stunts mit einem Van. In diesem Rahmen vermag sich der geneigte Betrachter immerhin an gleich drei Cameos zu erfreuen – obwohl die betreffenden Herrschaften im Prinzip allesamt „verschenkt“ wurden: Während Jeff Fahey („Body Parts“) einen Diamanten-Dealer mimt, sind Michael Biehn („the Divide“) und Danny Trejo („Desperado“) als „Aufpasser“ mit für die Sicherheit der wertvollen Steinchen verantwortlich. Letzterer zückt an einer Stelle übrigens eine Machete – ein eher lahmer „Gag“, welchen einige Zuschauer (in der von mir besuchten Vorstellung) offenbar allerdings erstaunlich amüsant fanden...
Als u.a. in der Kunst der Fugu-Zubereitung geübter Sushi-Chef absolviert Sonny Chiba („Kill Bill“) einige ordentliche Momente Screen-Time – doch von allen Figuren ist ausgerechnet die am reizvollsten, deren Anwesenheit man in vielen Sequenzen gar nicht bewusst wahrnimmt, was genau so ja auch ausdrücklich (über ihre „reine Jobbeschreibung“ hinaus) gewollt ist: In der Titelrolle gelingt es Courtney Palm („Silent Night“), trotz ihrer Bewegungslosigkeit ein gutes Maß an Reaktionen und Emotionen allein mit ihren Augen zu transportieren – worüber hinaus sie (obendrein) keineswegs unattraktiv anzuschauen ist. Eingangs sorgt ihre Nacktheit für einen gewissen „Kitzel“ innerhalb des Raumes bzw. unter den Männern – wohingegen sie später (gegenüber ihnen sowie der eskalierenden Situation) kontinuierlich stärker in den Hintergrund gerät, nicht bloß weil jegliche Regung (vermutlich) sofort in ihrem Todesurteil resultieren würde...
Sowohl der Anfang als auch das Ende des Streifens gehören zu seinen Highlights – vor allem dank der stilvollen Inszenierung dieser Augenblicke. Generell gehen Ausstattung und Kamera-Arbeit in Ordnung, was in Kombination mit der „düsteren“ Materie sowie klangvollen Musik-Untermalung eine durchweg „gritty-kühle“ Atmosphäre erzeugt. Das Problem ist jedoch, dass der Storyinhalt zwischen dem Einstieg und Finale (mitsamt eines inzwischen ja geradezu obligatorischen „Twists“) viel zu arm an Überraschungen und Substanz daherkommt, um einen bündig-straffen Filmfluss zu gewährleisten bzw. all jene vernünftig zufrieden zu stellen, die mehr als nur eine nicht sonderlich inspirierte Kreuzung aus „Torture Porn“ und „Tarantino-eskem Crime-Flick“ erwarten. Herrje: Zum Schluss hin gibt es hier (ebenfalls) sogar noch einen „Mexican Standoff“, der nicht nur geringfügig an jenen in „Reservoir Dogs“ erinnert...
Fazit: Kern Saxton´s „Sushi Girl“ ist ein auf kultig getrimmtes, mit mehreren bekannten „B-Movie-Gesichtern“ besetztes Werk, welches trotz einiger ansprechender Eigenschaften (wie z.B. einer gleichermaßen stimmigen wie soliden Umsetzung) an verschiedenen gravierenden Verfehlungen krankt – etwa an einer arg unoriginell und vorhersehbar gestrickten Handlung, inklusive eines sich gelegentlich unschön langatmig entfaltenden, spannungslosen Verlaufs: Für eine durchschnittliche Gesamtbewertung (unterm Strich betrachtet) einfach nicht mehr ausreichend...
Nahe der Grenze zur „4“ zu verortende „3 von 10“.