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Wenn dieser Streifen mich eines gelehrt hat, dann, dass einen ein Film einen auch weit über der Gürtellinie unangenehm berühren kann, ja, auch Wohlfühlkino vergangener Tage schafft das. Ausnahmsweise liegt meine Abneigung dabei nicht direkt schon im Genrebegriff "Heimatfilm" begründet, sondern in einigen Handlungselementen und Gewissen unterschwelligen Parallelen zum Leben des geschundenen Schmalzbarden Gerd Höllerich. Der hat bekanntermaßen seinem Leben eine unvorhergesehene Wendung in Richtung Depressionssackgasse gegeben, indem er einen Pakt mit dem Schlagerteufel schloß, der aus dem leidenschaftlichen Roy Orbison-Fan und Rock'N'Roller Höllerich den kreuzunglücklichen Schnulzensänger Roy Black machte, der sich zeitlebens für den Erfolg und das Geld selbst verleugnete und verstellte.

Selbstverleugnung betreibt in "Kinderarzt Dr. Fröhlich" nicht nur Roy Black in der Titelrolle, sondern auch sein Kumpel Hansi (Heimatfilmkollege und Oberlümmel Hans Kraus), der, in der Annahme, der Bursche habe sein Medizinstudium erfolgreich abgeschlossen, von seinem Onkel und Gönner zwecks Urlaubsvertretung angefragt wird. Da Hansi sein Hauptfach an der Uni von Medizin zu Kunst gewechselt hat und sein Einsatz in einer Kinderarztpraxis grob fahrlässig wäre springt unser Roy (im Film Hannes genannt) bereitwillig ein, zumal sich seine aktuelle Anstellung als reine Gefälligkeit des Oberarztes gegenüber seiner Tochter (Roys Filmschwarm) erwies und ein Urlaub Abwechslung verspricht.

Am Ziel angekommen warten ein Haufen skuriller Gestalten auf den Jungarzt und damit eine Menge Subplots auf uns Zuschauer: das ätzende Gör eines inhaftierten Bankräubers, dass sich trotz fortschreitender Krankheit weigert, sich von einem anderen Arzt als Hannes behandeln zu lassen, ein überheblicher Klugscheißer von Apotheker nebst männerhungriger Schwester und last but not least Eva, die ihrem Neffen Peter vorgaukelt, dessen verstorbene Mutter zu sein und Hannes dazu überreden kann, dem verlassenen Kind den verschwundenen Vater vormimen. Selbstredend verliebt sich der Charmeur in Eva und schließt während dieser miesen Charade auch Peter tief genug ins Herz, um die Maskerade ein Leben lang aufrecht erhalten zu wollen. Für die gesamte Handlung gilt : Gesangseinlagen inklusive! 

Zugegeben, Heimatfilme sind selten als kritisches Kunstkino bekannt, wenn es sich nicht gerade um Beiträge a la "Jagdszenen aus Niederbayern" handelt: diese Filme sollen simpel strukturiert, naiv und voll guter Laune sein und simple Problemlösungen für diese Konflikte ihrer gutaussehenden Protagonisten bieten. Auf dieser Ebene würde der Film glatt funktionieren, wäre nicht ein großer Teil von der Farce um den kleinen Peter geprägt, einem Subplot, der psychologisch, pädagogisch und moralisch auf so vielen Ebenen falsch ist, dass man sich angewidert in Fetushaltung ins Bett verkriechen will. 

Das Fass zum Überlaufen bringt dann ein manisch grinsender Roy Black, der mit seinem festgetackerten falschen Lächeln durch den Film stolpert wie ein betrunkener Joker durch das nächtliche Gotham. Man sieht dem Mann förmlich an, dass ihm diese Art von Rolle widerstrebt: Herr Höllerich schaut hier seelenloser drein als manch ein Zombie aus Fulcis Spätwerk. In jener Szene, in der Roy Black seinem neugewonnenen Ziehsohn Peter ein verstörend inszenierte Gute Nacht - Lied vorjaulen darf erreicht der Film seinen gruseligen Tiefpunkt. Das später mit Anita als maserngeplagtem Mädchen zusammen geträllerte "Schon ist es, auf der Welt zu sein", die Hymne aller Naividealisten mit Tendenz zum lächelnden Rennen in laufende Kreissägen, bei dem Roy von einer Kinderschar begleitet durch ein Schlossinternat frohlocken darf hilft ab dem Punkt dann auch nicht mehr. 

Aber irgendwie passt das alles zusammen: Hansi Kraus Lüge, Evas Schmierentheather ihrem Neffen gegenüber, Hannes Anteil darin, all das lehrt uns Zuschauer eine wertvolle Lektion über das Leben: alles ist besser als die unbequeme Wahrheit. Dabei ist es scheißegal, ob beispielsweise ein Peter den Verlust seiner Eltern gesund verarbeiten kann, Hauptsache, der Schein vor dem Dorf ist gewahrt und der Status quo wieder hergestellt! Und wenn das nicht die Kernaussage des Heimatfilm es schlechthin ist weiß ich auch nicht mehr weiter. 

Roy Black schien an der Botschaft bis zuletzt festgehalten zu haben, letzten Endes sogar daran zerbrochen zu sein. Noch heute munkelt man über Selbstmord und bedauert auf der einen Seite seine Gefangenschaft in seiner Starpersona, für die man ihm aber andererseits auch gerne noch postmortem ein vollmundiges "Selber Schuld!" ins Gesicht spuckt und dabei gerne die eigene Mitschuld als Fan vergisst, die diesen Mann mit Plattenkäufen dazu zwang, in der Rolle zu bleiben und sich beim weiteren Fassadenbau immer wieder selbst übertreffen zu müssen. Der Film lässt dies immer wieder durchscheinen, wobei die unfreiwillige Komik über Höllerich lustloses Schauspiel schnell Betroffenheit weicht, wenn man aus der Plastikmimik einen Hilfeschrei zu lesen vermeint. Dahingehend ist "Kinderarzt Dr. Fröhlich" ein tieftrauriges Dokument einer Karriere eines unbedarften jungen Rock'N'Roll - Fans, der sich selbst um seine Persönlichkeit betrogen hat, um tun zu dürfen, was er liebte: singen. Und wenn's hält der letzte Dreck war. 

Während Herr Höllerich und seine Fans selbst mir als Schlagerhasser durchaus Leid tun habe ich für dessen Produzenten, Agenten und Manager leider nur ein Zitat von Heinz Rühmann Physiklehrer in der Feuerzangenbowle übrig: "Bah! Watt habt ihr für 'ne fiese Charakter." 

Rock in Frieden, Gerd. Deine Musik war scheiße, aber du mit Sicherheit ein dufter Typ. In deiner Ursprungspersönlichkeit zumindest.

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