Basierend auf Arlo Guthries 18 Minuten 20 Sekunden langem Folk-Stück „The Alice's Restaurant Massacree“ drehte Arthur Penn zwei Jahre nach „Bonnie und Clyde“ erneut einen Film über eine Parallelgesellschaft und Ihren Zerfall. Der Bezug auf Soziale Fragen seiner Zeit ist dieses Mal allerdings offensichtlicher, denn schon die Vorlage gibt die Hippie-Bewegung der 60er Jahre als Sujet vor.
Der Film beginnt mit einer kleinen Kuriosität; denn war es früher üblich, die gesamten Stab-Angaben vor den Film zu stellen, so ist es recht auffällig, dass diese wie ein Abspann von unten nach oben durchs Bild rollen. Zeitgleich hören wir junge Männer vergnügt über die Schrecken des Krieges reden, in den sie möglicherweise geschickt werden und bald auch Arlos Stimme, die uns noch bevor wir mehr als die Credits sehen sagt, wo wir uns befinden. Arlo, der sich selber spielt, ist es auch, der uns den gesamten Film über als Erzähler begleiten wird, am stärksten präsent in der Passage, die fast eins zu eins seinem Lied entspricht.
Ohnehin spielt Musik in diesem Film eine große Rolle, nicht nur, weil Arlo selbst Musiker ist, sondern auch, weil die Hippie-Bewegung sich in großen teilen auch über die Musik definierte. Der Film ist ziemlich flott geschnitten, manch eine kurze Szene wird in erstaunlich viele Einstellungen zerlegt und selbst Jump-Cuts werden hie und da eingesetzt, doch auch wenn nie Hektik aufkommt, nimmt der Film sich zusätzlich Zeit, um Songs besser zur Geltung kommen zu lassen. Auch die Photographie und die Lichtregie gehen auf Nummer Sicher. Die Kamera folgt fast ausschließlich der Handlung, lässt sich selten zu bloß die Stimmung transportierenden Aufnahmen abseits der Protagonisten hinreisen. Noch seltener filmt die Kamera aus gekippten Winkeln, aus extremen Auf- oder Unter-sichten. Das Licht ist durchgehend Realistisch und erleuchtet die Szenen gleichmäßig. Wenn Akzente durch Farben oder extrem gelenkte Beleuchtung gesetzt werden, dann ist der Effekt immer einer konkreten Lichtquelle, wie z.B. einem Brennofen oder einem Auto, zuzuordnen.
Arlo Guthrie mag der Erzähler der Geschichte sein, dennoch beschränkt sich der Film nicht auf ihn als Protagonisten. Wie es am Anfang des Liedes heißt, es ist auch die Geschichte von Alice aber auch die ihres Mannes Ray, der Hippies und ihrer Beziehung zu diesen elterlichen Figuren.
Arlo beginnt seine Geschichte während er für den Wehrdienst erfasst wird, besucht dann für kurze Zeit das College, wo man ihn bald wegen einer Barschlägerei raus schmeißt, um sich von nun an als Musiker durchs Leben zu schlagen und seine Zeit mit den Freunden Alice und Ray und den sich um sie in einer Kirche versammelten Hippies zu verbringen. Das Leben der Kommune in der Kirche bildet den Kern der Geschichte und ist programatisch für die Themen des Films, nämlich wie sich eine Parallelgesellschaft definiert und wo sie scheitert.
Die Hippies werden nicht als sich ewig krampfhaft für den Frieden einsetzende, außerparlamentarisch Oppositionelle dargestellt. Das Wort „Peace“ und das dazugehörige Fingerzeichen scheinen bloße Grußformen und Zeichen unter Zeichen zu sein, Krieg ist nur präsent in den zwei Sequenzen in den militärischen Ämtern, der Rede des Kommentators eines Motorradrennens und der Handprothese eines heimgekehrten Kommunenmitglieds. Die Hippies sind viel eher lediglich Menschen, die sich gegen die herrschende Gesellschaftliche Ordnung zu stellen versuchen und ihre eigene Gesellschaft aufbauen. Hauptverantwortlicher dieser Außwärtsbewegung ist Ray, der mit seiner Idee, eine Kirche zu Wohnzwecken aufzukaufen erstens überhaupt den Ort bietet, wo man ungestört anders sein kann und zweitens ein etabliertes Symbol, eine etablierte Instanz, sich aneignet und den Regeln seiner eigenen Gesellschaft entsprechend umdeutet. Solche Umdeutungstendenzen ziehen sich nicht nur durch die Geschichte aller Parallelgesellschaften und Gegenkulturen sondern durch den gesamten Film, so spielt z.B. Arlo in seinem Kurs zu klassischer Musik weder Grieg noch Brahms, sondern Folk, die klassische Musik des weißen Amerika.
Aber auch die Leitgesellschaft behält sich solche Umdeutungsmechanismen vor. Aus einem Motorradrennen wird plötzlich eine Veranstaltung zu Ehren der Amerikanischen Soldaten, die „da draußen“ kämpfen. Dieses „da draußen“ fällt übrigens mit einem Umschnitt auf die startbereiten Fahrer zusammen, womit Penn klar macht, dass der Krieg nicht nur in Vietnam stattfindet, sondern auch in Amerika, und das nicht nur, zwischen dem Mainstream und den Hippies, sondern auch unter den Hippies selbst, sind doch zwei der Fahrer Ray und sein Nebenbuhler Shelly.
Schon Alices Idee, ein Restaurant zu eröffnen war nicht nur die Aneignung mittelständischer Ideen vom eigenen Betrieb und die Umdeutung dieser Idee zu einem Hippie-Ideal, sondern auch ein Zugeständnis an das altersbedingte Ende der Rebellion - und zwar bedingt durch das Alter von Alice als auch das Alter der Hippiebewegung selber - schließlich hat sie ganz im Gegensatz zu Ray in seiner Kirche die Mainstreamgesellschaft nicht ausgesperrt und auch die Leitung des Betriebes sehr Ernst genommen. Aber erst in der Dreiecksbeziehung zwischen Alice, ihrem Ehemann Ray und dem vermeintlich nicht mehr drogensüchtigen Shelly wird das ganze Dilemma der Parallelgesellschaft, und zwar nicht nur der Hippies sondern einer jeden, offenbar. Alice, die ohnehin gerne die Blicke der Männer auf sich lenkte lässt den Sex mit mit Shelly zu, macht sich aber Vorwürfe wegen ihrer Leichtlebigkeit, Ray vermutet nach diesem einen Mal sogar hinter dem bisher als Sexuell vernünftig agierend charakterisiertem Arlo einen Nebenbuhler, und Shelly selbst nimmt eine Überdosis Heroin, da er Alice nicht für sich alleine haben kann. So stark sich also die Kommune vom Mainstream abzugrenzen versucht, Eifersucht und Besitzansprüche sind so ein Wesensimmanenter Bestandteil des Menschen, dass sie jederzeit eine Gefahr für das Zusammenleben darstellen.
Und so gerne man dem süßen leben frönt, auch der Tod kann nicht ausgeklammert werden, neben Shelly stirbt fast zeitgleich Arlos Vater an der erblichen Chorea Huntington.
Nach diesen Todesfällen reduziert Penn die Farbpalette kurzzeitig stark, um dann während der von Ray initiierten zweiten Hochzeit zwischen ihm und Alice um so heftiger die Unordnung und Lebensfreude regieren zu lassen. Zusätzlich steigert sich Ray nach der Trauung in die Idee hinein, die Kirche zu verkaufen um einen größeren Landstrich zu erwerben, den die Kommune dann vollkommen autark bewohnen kann. Rays Verhalten ist klar eine Flucht vor der in seine Traumwelt eingedrungenen Realität, und er merkt nicht, dass er seinen Traum nicht aufrecht erhalten kann. Aber Arlo und Alice merken das.
Arlo hat schon früher, am Sterbebett seines Vaters, sich die Frage gestellt, wo es denn jetzt für ihn hin ginge, nachdem er vom Wehrdienst freigestellt worden ist, also hippieeskes Aufbegehren gegen das Militär für ihn keinerlei persönlichen Bezug mehr hat. Auch die Begegnung mit einer Beatnik-Freundin seines Vaters macht ihm klar, dass Jugendbewegungen kommen und gehen. Und jetzt, nach der Hochzeit, wird ihm klar, dass er seinen eigenen Platz in der Gesellschaft finden muss und sich nicht in die zerbrechende Traumwelt Rays flüchten kann. Als er wegfährt bleibt Alice in ihrem weißen Kleid alleine vor der weißen Fassade der Kirche stehen, scheinbar mit ihr verbunden, aber so alleine und kraftlos Arlo nachblickend, so hell und beinahe transparent, dass sie wie ein Geist aus lange vergangener zeit scheint.